Türkei: Begegnungen im 21. Jahrhundert | Teil 04
Der Bruch ist in der Türkei viel schärfer als bei uns

 

Der Strudeltag ist ein Höhepunkt jedes Schuljahres“, strahlt Franz Kangler. An diesem Tag lädt er als Direktor des österreichischen Gymnasiums in Istanbul, „St. Georgs Kolleg“ genannt, seine ehemaligen Schüler zu einem Wiedersehen ein. Da gibt es dann meterlangen Apfelstrudel und regen Austausch zwischen den Kulturen. Seine Überzeugung: Christen und Muslime können gut zusammen leben. „Die meisten unserer 600 Schüler sind Muslime, einige kommen aus der orthodoxen Kirche, und immer wieder haben wir auch ein paar Anhänger der armenischen Kirche“, erzählt der Lazarist Franz Kangler. Seit über drei Jahrzehnten leitet der katholische Priester das „St. Georgs Kolleg“, eines der angesehensten Gymnasien der Türkei, und setzt sich dabei für den Dialog zwischen Christen und Muslimen auf verschiedenen Ebenen ein. Auch wenn das nicht immer leicht fällt, denn die laizistische Türkei kennt religiöse Berufe der christlichen Minderheiten rechtlich nicht an: „Für die Türken stehe ich hier offiziell als Direktor und nicht als katholischer Priester. Wie weit ich als Priester gehen kann, muss ich daher immer wieder neu überlegen.“ Dennoch bezeichnet Franz Kangler das Land als seine „zweite Heimat“ und spricht offenherzig davon, wie sehr er deren Bewohner mag.

Der interreligiöse Erfahrungsschatz des Lazaristen, der bereits jahrelang als Lehrer und Direktor in Istanbul arbeitet, ist mittlerweile groß. Was er seinen österreichischen Mitbürgern davon unbedingt mitteilen will? „Für Christen müsste das Gespräch mit Muslimen selbstverständlich sein, wenn sie meinen, dass Gesellschaft und Glaube etwas miteinander zu tun haben“, betont er und plädiert dafür, „das Gespräch wirklich miteinander zu führen“. Das Zweite Vatikanische Konzil sieht der Lazarist noch nicht abgeschlossen: „Die konziliaren Empfehlungen für den christlich-muslimischen Dialog werden noch immer nicht genug wahrgenommen.“ Als Gefahr beim interreligiösen Gespräch sieht er vor allem das Bedürfnis der Anhänger beider Religionen, „die negativen Seiten des anderen darzustellen, um die eigene Religion in einem positiveren Licht zu zeigen“. Zugleich warnt Franz Kangler jedoch vor Blauäugigkeit: „Dialog heißt nicht, Unterschiede zu verleugnen oder zu unterdrücken, und schon gar nicht, die eigene Identität aufzugeben.“

Die ersten interreligiösen Dialoginitiativen von Seiten der Muslime in der Türkei begannen vor kurzem mit der zunehmenden Offenheit der türkischen Fakultäten: „Vor allem die Universität in Ankara hat eine sehr nachdenkliche Fakultät, die seit kurzem auch eine Lehrveranstaltung ,Einführung in das Christentum‘ mit Gastprofessoren aus Rom anbietet“, erzählt Franz Kangler begeistert. Immer wieder gebe es im Islam Denkschulen und Schriftsteller, die das Gespräch mit dem Christentum suchen, stellt er fest.

Wenn er an Österreich denkt, dann wünscht sich der Lazarist eine differenziertere Wahrnehmung der islamischen Gesellschaft in der Türkei: „Der Bruch ist in der Türkei noch viel stärker als bei uns.“ Eindringlich appelliert er daher: „Wir alle brauchen ein viel stärkeres Wissen über den vielschichtigen Islam.“

 

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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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