Gott in Frankreich | Teil 01
Der Blick in ein fremdes Spiegelbild

Neuerdings haben alle französischen Präsidentschaftskandidaten das Thema „nationale Identität“ auf ihre politische Tagesordnung gesetzt. Man reanimiert altbekannte französische Symbole.
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„Marlboro, Marlboro.“ Zwei junge Männer halten mir Zigarettenschachteln entgegen. „Oder ein Métro-Ticket, verbilligt?“ Ostersonntag am Ausgang der Métro-Station „Barbès Rochechouart“ im Pariser Norden. Ein Tag wie jeder andere.

Nur zwanzig Minuten fern vom Zentrum zeigt Paris schonungslos ein anderes Gesicht, frei vom Make-up für Touristen: Immigranten, deren Kinder und Enkelkinder – sie stehen in Gruppen beisammen, sitzen vor Häusereingängen, diskutieren, schweigen, starren in die Luft. Wer hier nicht wohnt, kann kaum Gründe aufzählen, um an diesem Ort die Untergrundbahn zu verlassen. Und jene Einwanderer, großteils zentralafrikanischer und maghrebinischer Herkunft, die in Barbès hausen, kennen die restliche Stadt häufig nur im Morgengrauen: beim Austragen der Zeitungen oder Abholen der Müllsäcke.

Eine U-Bahn-Station weiter südlich am Gare du Nord entbrannten kürzlich nach einer Ticketkontrolle in der Métro für einige Stunden wieder Krawalle gegen die Polizei. Keine Scherbe erinnert mehr daran. Aber in den Köpfen der Pariser hat der Aufruhr erneut eine Debatte über die französische Identität entfacht: Was heißt es heute, Franzose zu sein?

Das Bild, das diese zornigen französischen Jugendlichen – 
weder Ausländer noch Einwanderer – von der französischen Gesellschaft zeigten, entpuppte bisherige Selbstbeschreibungen vieler Franzosen als realitätsferne Imagination. Viele wollen sich in diesem nun vorgehaltenen Spiegel, der Franzosen als eine bunte Mischung unterschiedlicher Hautfarben und Religionen, zum Teil arm, vernachlässigt und unterprivilegiert, offenbart, nicht wiedererkennen. Lange hat man weggeschaut und ghettoisiert, das republikanische Gleichheits-Ideal hochgehalten. Nun tauchen Zweifel an den Selbstbildern auf: Man spricht von einer „Identitäts-Krise“ und einem „pessimisme“, einer schlechten Stimmung, wie sie das Land seit den dreißiger Jahren nicht mehr kannte. „Wenn eine Gesellschaft ein Thema mit so viel Verve behandelt, zeigt das nur, dass die französische Identität sehr geschwächt ist. Was die Franzosen heute verbindet, sind vor allem negative Gefühle“, stellt der französische Soziologe Olivier Galland fest.

Spätestens nachdem die Polizei eine Pariser Kindergärtnerin in Gewahrsam nahm, weil sie sich gegen die Verhaftung illegal in Frankreich lebender Eltern gewehrt hatte, haben auch die französischen Präsidentschaftskandidaten das Thema „nationale Identität“ auf ihre politische Agenda gesetzt: Soll man Immigranten, die ohne Aufenthaltsgenehmigung in Frankreich leben, legalisieren? Was tun, wenn ihre Kinder in Frankreich geboren und daher Franzosen sind? Während die Konservativen ein eigenes Ministerium für Immigration und nationale Identität gründen wollen, spricht sich die sozialistische Abgeordnete Christiane Taubira gegen klare Festschreibungen aus: „Eine Gesellschaft ist immer in Bewegung. Die französische Identität war stets vielfältig, und wir konstruieren sie immer neu.“ Mit der Marseilleise, der Flagge, den Menschenrechten und der Revolution reanimiert man momentan altbekannte französische Ideale und Symbole.

„Wir sind Kinder von Immigranten in der dritten Generation“, skandierte vor Ostern eine Gruppe junger Franzosen lautstark bei einem Wahlkampfauftritt der Präsidentschaftskandidaten an der Pariser Elite-Uni Sciences Po. Bérénice, Enkelkind nordafrikanischer Immigranten aus einem berüchtigten Pariser Vorort, bestätigt den Eindruck: „Seit den Krawallen sind wir selbstbewusster geworden.“ Sie will endlich als vollwertiger Mensch zur französischen Gesellschaft gehören und macht darauf aufmerksam: Die Identitätsfrage sei wichtig für Frankreich, in ihrer Beantwortung stecke aber stets die Gefahr von Diskriminierung. Und natürlich gäbe es auch solche, die sich selbst ausgrenzen.

 

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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