seelenstark: Theresa von Avila | Teil 06
Bodenständig und mystisch zugleich

Verzückung der heiligen Teresa, von Giovanni Lorenzo Bernini (Santa Maria della Vittoria, Rom). Der Engel stieß mit feurigem Pfeil in ihr Herz: „Der Schmerz war so groß, dass ich aufschrie, und zugleich empfand ich die süßeste Liebkosung ...
  • Verzückung der heiligen Teresa, von Giovanni Lorenzo Bernini (Santa Maria della Vittoria, Rom). Der Engel stieß mit feurigem Pfeil in ihr Herz: „Der Schmerz war so groß, dass ich aufschrie, und zugleich empfand ich die süßeste Liebkosung ...
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Teresa erlebte großes Glück und tiefe Freude im Gebet. Sie war eine wahrhafte Mystikerin. Ihre Mitschwestern und andere Menschen sahen das, erlebten sie auch manchmal im Zustand großer Verzückung. Das erregte natürlich immer wieder Aufsehen und nicht selten auch Neid. Die anderen wollten auch diese tiefe, innige Erfahrung der Nähe und Liebe im Gebet. Teresa reagierte auf diese Sehnsucht der anderen nüchtern und zurückweisend.

Sie wusste, dass sie diese Erfahrungen sich nicht erarbeitet hatte – und dass sie sich auch nicht erarbeiten lassen! Mit beißendem Humor beschreibt sie diejenigen, die dieses Geschenk erzwingen wollen: „Wenn ich Menschen betrachte, die sich um das Gebet abmühen und mit niedergeschlagenen Augen und verschlossenen Gesichtern darin ausharren, so dass es den Anschein hat, als wagten sie sich nicht zu rühren, damit ihnen nur ja kein bisschen an Wonnegefühl und Andacht abhanden kommt, dann zeigt mir das, wie wenig sie von dem Weg wissen, auf dem man zur Einheit gelangt“ (Innere Burg V 3,11). Diese besonderen Gnaden im Gebet wie Visionen und Begegnungserfahrungen sind Geschenke. Die Entscheidung des Schenkens liegt bei Gott und kann nur ganz wenig beeinflusst werden.

Entscheidend. Deshalb wird Teresa nicht müde, immer und immer wieder festzustellen, dass diejenigen, die regelmäßig Zeit und Ruhe finden für das Beten, nicht die „Besseren“ sind. Entscheidend ist nur das Bemühen, immer wieder den Kontakt zu Jesus zu suchen. Wie das geschieht, das hängt ab von unserem jeweiligen Charakter, aber auch von den Möglichkeiten, wie unser Alltag halt so aussieht. Angefragt von Frauen, die über viele Pflichten klagen, erwidert Teresa: „Verzagt nicht! Wenn euch der Gehorsam viele äußere Verrichtungen auferlegt, etwa in der Küche, so wisst: Inmitten der Töpfe ist der Herr zugegen, um euch innerlich und äußerlich beizustehen“ (F 5,12).

In Spannung. Es liegt eine gewisse Spannung im Leben der Teresa: Sie erlebt eine innige Gottesnähe, oft ganz alltäglich im Gespräch mit ihm, manchmal auch geheimnisvoll in Visionen und Vereinigungsgefühlen. Sie spricht jedoch kaum darüber, nur wenige werden eingeweiht. Sie weiß, wie missverständlich diese Erfahrungen sein können, wenn sie weitererzählt werden. Auch wenn sie also in ihrem Schreiben selbst lieber beim Einfachen, bei den bodenständigen Erfahrungen bleibt, so bleibt ihr ganzes Leben, das Denken und Schreiben doch geprägt von den außerordentlichen mystischen Erfahrungen.

Mystikerin. Beim Schreiben über Teresa von Avila sind die meisten gegenwärtigen AutorInnen (so auch ich) bemüht, sie nicht als weltferne Mystikerin darzustellen, sondern eben ihre bodenständige Art zu betonen. Berühmt sind solche Aussagen wie die mit den Kochtöpfen. Aber ich möchte doch einmal in dieser Reihe Ihren Blick auch auf die – nicht ganz so eingängigen, aber sehr bewegenden – Texte lenken, die in der mystischen Erfahrung Teresas ihre Wurzel haben.

Zarte Einladung. Ein besonders schönes Beispiel dafür ist das hier abgedruckte Gebet. Wenn wir die ersten Zeilen lesen, „Gott spricht: O Seele, suche dich in Mir, und, Seele, suche Mich in dir“, dann erscheinen diese Worte sehr rätselhaft, fast wie eine Denksportaufgabe. Zum einen ist es ungewöhnlich, Gott selbst Worte in den Mund zu legen, zum anderen sind diese Worte wie eine „Umkehrformel“, deren Sinn sich nicht leicht erschließt. Was wir hier lesen, erscheint mir wie ein Werben, wie eine suchende Liebe: Da ist jemand, der weiß, dass ich mich manchmal verirrt und verloren fühle.

Vielleicht weiß er auch, dass ich dann nicht immer gleich Ausschau halte nach Hilfe, sondern dazu neige, mich zu verfangen in diesen Gefühlen. Dann, beinahe unaufdringlich und zart, die Aufforderung: „Suche“ – zunächst einmal nur in Bewegung kommen, sich aufmachen – und dann die Einladung: „Suche dich in Mir.“ Kein Befehl, ein Angebot – ein Raum wird eröffnet. Ich werde an dieser Stelle nicht weiter den Text deuten, vielleicht findet Ihr Suchen einen Anhaltspunkt in diesem Gedicht.

 

Anna Findl-Ludescher

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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