Christentum - Ein Reiseführer | Etappe 010
Begegnung mit Gottes Wort

Offenbarung

Ein bedeutender Sachverhalt, der bis dahin verborgen war, ist plötzlich sonnenklar. Man kennt und respektiert also „Offenbarung“ im öffentlichen und zwischenmenschlichen Bereich, reagiert jedoch mit Skepsis, wenn von göttlichen Offenbarungen die Rede ist. Diese Zurückhaltung besitzt ihre Wurzeln in der Aufklärung, einer geistesgeschichtlichen Epoche, die von den Möglichkeiten der menschlichen Vernunft fasziniert war. Die damals gewonnenen Einsichten in das Wirken von Naturgesetzen führten zu der Vorstellung, die Welt sei eine hochkomplexe, streng durchkonstruierte Maschine. Gott als ihr Schöpfer empfahl sich im Rahmen dieser Deutung als genialer Konstrukteur, der bereits am Anfang alles bedacht und aufs Weiseste eingerichtet hatte, sodass ein späteres Eingreifen in den Lauf der Welt sich nicht nur erübrigte, sondern geradezu verbot.

Die nachfolgenden Jahrhunderte rückten von dem in der Aufklärung vertretenen Verständnis der Naturgesetze ebenso ab wie von dem für diese Epoche typischen Verständnis Gottes und der Welt. Die Vorstellung, Gott könne gar nicht in den Lauf der Welt eingreifen, weil er sich sonst als Konstrukteur unmöglich mache, ist jedoch nach wie vor weit verbreitet. Sie zeigt sich in manchen Widerständen, welche die Rede von einer Offenbarung Gottes zu überwinden hat.

Der häufigen Annahme, Gott stehe seiner Welt distanziert gegen­über und versage es sich, in sie einzugreifen, steht die Tatsache gegenüber, dass alle Religionen von einer Offenbarung Gottes in seiner Welt sprechen und sprechen müssen. Der Grund dafür ist leicht einzusehen: Religionen können nur dann von Gott erzählen, wenn Gott sich seiner Welt in irgendeiner Weise zu erkennen gegeben hat. Von einem Gott, der dies unterlassen hätte, könnte niemand etwas wissen. Er wäre für Menschen damit so gut wie nicht existent.

Wie offenbart sich das Göttliche in den Religionen?
Die einzelnen Religionen unterscheiden sich darin, wie sie diese Offenbarung im Einzelnen beschreiben. Archaische Religionen kennen vielfach nur eine Art vorbewusster Offenbarung, die dem Menschen etwa dadurch zugänglich ist, dass er an dem von der Gottheit gestifteten Geheimnis des Lebens teilhat. Andere Religionen, die bereits eine rationale Auseinandersetzung mit der Welt kennen, sehen das Wesen der Gottheit etwa in den Gesetzmäßigkeiten des Kosmos abgebildet. Wieder andere Religionen stehen gerade einer solchen Rationalität kritisch gegenüber. Sie gehen davon aus, dass die Gottheit sich vorrangig in außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen wie dem Rausch oder der Trance zu erkennen gibt.

Ist Offenbarung damit ein religionsübergreifendes Phänomen, so kommt ihr in den sogenannten Offenbarungsreligionen ein besonderer Stellenwert zu. Zu diesen Religionen gehören, neben dem Judentum und dem Christentum, der Islam und die frühe iranische Religion. Das verbindende Kennzeichen dieser Religionen besteht darin, dass sie neben dem in allen Religionen belegten Verständnis von Offenbarung in einem weiten Sinn (wonach die Gottheit sich in der Schöpfung zu erkennen gibt) zusätzlich ein Verständnis von Offenbarung im engen Sinn kennen: In einer konkreten geschichtlichen Situation treten autorisierte Sprecher auf, die Propheten, um Botschaften der Gottheit zu übermitteln. Bei Offenbarungsvorgängen, die zum Entstehen einer neuen Religion führen, erhalten diese Propheten zusätzlich den Rang von Religionsstiftern. In diesem Sinn werden nicht nur Mohammed für den Islam und Zarathustra für die frühe iranische Religion als Religionsstifter angesehen, sondern auch Mose im Blick auf das Judentum und Jesus im Blick auf das Christentum.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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