APROPOS Jesus | 60 Fragen - 60 Antworten
56. Ist Jesus ein „Gestaltwandler“?
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Als sie hörten, er [Jesus] lebe und sei von ihr [Maria Magdalena] gesehen worden, glaubten sie es nicht. Darauf erschien er in einer anderen Gestalt zweien von ihnen, als sie unterwegs waren und aufs Land gehen wollten.“ (Mk 16,11f.) – Wieso „sieht“ Jesus nach seinem Tod anders aus? Warum erscheint er in einer anderen Gestalt? Einmal spricht Maria von Magdala sogar mit Jesus, ohne ihn zu erkennen. Sie glaubt, es sei der Gärtner (vgl. Joh 20,15). Ein andermal geraten die Jünger in große Angst und meinen, „einen Geist zu sehen“ (Lk 24,37). Ist Jesus wie es in zahlreichen Fantasy- und Science-Fiction-Filmen vorkommt, ein „Hautwechsler“ oder ein „Formwandler“? Ist er ein anpassungsfähiger Gestaltwandler wie etwa Mystique in X-Men?
Der frühchristliche Gelehrte Origenes (3. Jh. n. Chr.) kontert dem Philosophen Celsus, der gegen das Christentum polemisierte, in seinem Werk „Contra Celsum“ (Sechstes Buch, 77), dass Jesus „einem jeden in der Gestalt erschien, die seinem Vermögen und seinem Heile angemessen war“. – Weiters betont er: „Es ist auch nicht zu verwundern, dass der von Natur wandelbare und veränderliche Stoff, fähig ist, sich zu allem, was der Schöpfer will, umzugestalten und jede Eigenschaft, die der Meister will, anzunehmen.“ – So entkräftet er das Argument des Celsus, dass sich Jesus – wenn er einen göttlichen Geist gehabt hätte – optisch von den anderen unterschieden haben müsste. Für Origenes ist klar: Diejenigen, die „aus seiner Nachfolge Kraft gewonnen haben“, konnten Jesus in göttlicherer Gestalt erfassen. Als Beispiel nennt er die Verklärung Jesu, die nur Petrus, Jakobus und Johannes sehen konnten: „Er [Jesus] wurde vor ihnen verwandelt; sein Gesicht leuchtete wie die Sonne und seine Kleider wurden weiß wie das Licht.“ (Mt 17,2 par.) Es kommt also auf die Wahrnehmung des Betrachters und der Betrachterin an, wie Jesus erscheint.
Was heißt das aber für uns heute? Müssen wir uns Jesus als einen flexiblen „Gestaltwandler“ vorstellen? Als einen, der beliebig seine äußere Form verändert und sich chamäleonartig der Umgebung anpasst? Der uns – je nach unseren spirituellen und intellektuellen Möglichkeiten – in verklärterer (vergöttlichter) Form auch heute noch erscheinen könnte? Das bestimmt nicht. Ist von exklusiven „Erscheinungen“ und „Kenntnissen“ von Eingeweihten die Rede, ist immer Vorsicht geboten! (Stichwort: Esoterik!) Derartige Vorstellungen widersprechen dem Jesus in den Evangelien. Sein Körper, seine leibhafte Existenz, ist Ausdruck seines konkreten Menschseins. Jesus ist wahrhaft Mensch. Wie sonst hätte man dem irdischen Jesus auch Vertrauen schenken können, wenn man ihn vom einen zum anderen Mal nicht wiedererkennen oder „(er)fassen“ hätte können.
Insofern kann man sagen: Nein, Jesus ist definitiv kein Gestaltwandler. Er ist wie jede und jeder von uns einmaliger und individueller Mensch aus Fleisch und Blut gewesen. Wie genau das aber mit der „Auferstehung“ gemeint ist, bleibt ein Stück weit Mysterium. Das älteste Osterzeugnis überliefert uns Paulus im ersten Korintherbrief: „Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf. Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich; […] danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln. Zuletzt erschien er auch mir.“ (1 Kor 15,4–8) – Paulus erklärt auch, dass der auferstandene Jesus im Heiligen Geist gegenwärtig ist. Er wirkt in den Gläubigen durch die Geistesgaben (vgl. 1 Kor 12,1–11) und schenkt seine Gegenwart beim gemeinsamen Mahl in den Gestalten von Brot und Wein (vgl. 1 Kor 11,23–26). In diesem Sinne kann Jesus Christus tatsächlich auch heute noch unterschiedlich Gestalt annehmen. In uns. In unserem Tun und Denken. Dafür muss er aber nicht in Blau oder Rot, als Mutant oder Tier erscheinen. (Gott sei Dank!)
Irene Maria Unger
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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