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Wie sich Gut & Böse zeigen

Die dunkle Zeit des Jahres ist geprägt von Maskenbrauchtum, die als „schiache“ und „schöne“ Perchten vorkommen. Weshalb aber treten Fratzenhaftes, Teuflisches oder der Krampus neben Lichtgestalten in Erscheinung? Und was verbindet und was unterscheidet sie?

Kramperl, Kramperl, Besenstiel
… wie der Spruch weitergeht, wissen Sie? Und haben Sie ihn schon mal gerufen – so von Angesicht zu Angesicht mit einem zotteligen Beelzebuben-Darsteller? Bald ist wieder buchstäblich der „Teufel“ los – kann man rund um den 5. Dezember sagen –, wenn nicht gerade eine Pandemie das Zusammenkommen vieler Menschen und damit auch Großveranstaltungen verhindert. Aber was hat es mit den Masken und Gestalten in der Winterzeit auf sich? Das Ehepaar Evelyn Kaindl-Ranzinger und Heimo Kaindl, beide studierte Volkskundler, nimmt uns mit in die Welt der Brauchtümer und bringt uns unser immaterielles kulturelles Erbe näher.

»Die Mittwinterbräuche spiegeln unser Erleben von Polarität.«

Evelyn Kaindl-Ranzinger

hat Volkskunde studiert und leitet als Geschäftsführerin den Steirischen Museumsverband MUSIS.

In unserer aufgeklärten und lichtüberfluteten Zeit ist uns die Nähe zu den Urkräften fast verloren gegangen. Alles ist vernunftbetont, und doch ziehen uns geheimnisvolle Kräfte immer wieder in den Bann. Die beständige, ja zunehmend wachsende Sehnsucht nach symbolischen, archaischen Bildern scheint nur allzu menschlich. Brauchtum, das sich über Generation lebendig entwickelt hat, kann dies erfüllen. Das Erleben von Polaritäten, die das Leben im Kern betreffen –
wie Leben und Tod, Licht und Dunkel, Stille und Lärm, Freundliches und Abschreckendes – spiegeln die Mittwinterbräuche. Oft sind ihre Botschaften auch erzieherisch beeinflusst, es geht um Themen wie Ordnung, Disziplin, soziales Verhalten. Vor allem abseits des urbanen Raumes sind solche Bräuche meist verwurzelt und werden als immaterielles kulturelles Erbe weitergegeben.

Das Teuflische sichtbar machen
Mich faszinieren alpenländische Mittwintergestalten, wie die Habergeiß, die Wilde Jagd, Frau Perchta, aber auch verschiedene Teufelsgestalten, die in vielen Gegenden durch die Winternächte ziehen. Während „Percht“ ursprünglich alle Masken bezeichnet, versteht man später darunter kunstvolle fratzenhafte Masken, die das „Teuflische“ sichtbar machen. Der heilige Nikolaus tritt als positiver Gegenpol auf. Anders als bei den seit geraumer Zeit zunehmend populären Perchtenläufen mit ihren überdimensionalen Perchten, wo Unterhaltung und Wettbewerb im Vordergrund stehen, ist die Beteiligung der Perchten in Traditionspassen streng geregelt und traditionell diszipliniert. Eindrücklich zu erleben bei den Hammerschmiedteufeln von St. Gallen oder bei obersteirischen Nikolospielen.

»Nikolaus und Krampus bringen gemeinsam eine wichtige Botschaft.«

Heimo Kaindl

ist Leiter des Diözesanmuseum Graz und Diözesankonservator; gemeinsam haben sie 2 Kinder und 2 Enkelkinder.

Gut in Erinnerung sind mir kindliche Erlebnisse des 5. 12.: Versteckt hinter dem Diwan in der Stube der Großeltern ist das Kettenrasseln am Fenster immer noch präsent. Genauso wie der finstere Nikolausbegleiter, der mir als Siebenjährigem nicht geheuer war und sich später als Onkel Theo in schwarzen Damenstrümpfen und mit roter Filzzunge herausstellte. Deutlich geblieben ist mir aber, dass Nikolaus das Sagen hatte: Der Krampus musste tun, was der heilige Mann befahl. Daher war für mich schwer nachvollziehbar, als gegen Ende des 20. Jahrhunderts der Krampus unter dem Einfluss einer sich wandelnden Pädagogik nahezu verschwand. Zugegeben, manche Kramperl haben ihr Verhalten ebenso übertrieben wie manche Eltern den erzieherischen Einsatz bei ihren Kindern. Argumente für die Abschaffung waren zu viel Gewalt und Aggression.

Brauchtum ist wichtig für die Seele
Dagegen halten manche Psychologen, dass wir alle Aggressionen kennen, der Krampus mit bösen Märchenfiguren vergleichbar und Brauchtum für die Seele wichtig ist. Brauchtum hat auch erzieherischen Wert für eine Gesellschaft. Nikolaus & Krampus kommen als sichtbares Gut & Böse zu Besuch und bringen die Botschaft, dass das Böse vom Guten in den Dienst genommen werden muss. Nicht erst seit Sigmund Freud ist klar, dass in uns selbst Gut und Böse stetig miteinander ringen. Wenn also Nikolaus und Krampus – es gibt sie glücklicherweise immer noch so – gemeinsam auftreten, bringen sie für Kinder, aber genauso für Erwachsene gemeinsam eine wichtige Botschaft: Alles, was wir tun oder unterlassen, hat immer Konsequenzen.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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