Vor den Vorhang
Ich bin nie fertig

Manchmal blitzt die Wirklichkeit Gottes in der Welt auf, ist die Kunst- und Wanderbegeisterte Pädagogin, Theologin und Psychotherapeutin Monika Prettenthaler überzeugt. In ihren „Positionen“ vom 21. Oktober 2007 (Spalte links) beschrieb sie so einen besonderen Moment. | Foto: privat
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  • Manchmal blitzt die Wirklichkeit Gottes in der Welt auf, ist die Kunst- und Wanderbegeisterte Pädagogin, Theologin und Psychotherapeutin Monika Prettenthaler überzeugt. In ihren „Positionen“ vom 21. Oktober 2007 (Spalte links) beschrieb sie so einen besonderen Moment.
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SONNTAGSBLATT-„Positionen“-Autorin Monika Prettenthaler hört auf. Wir haben mit ihr zurück- und vorausgeblickt.

Zwanzig Jahre lang hat sie sich im SONNTAGSBLATT „positioniert“, aktuelle Themen aufgegriffen und ihre Standpunkte in der Kommentar-Spalte „Positionen“ – auf Seite 15 – verschriftlicht. Rund 170 Stück sind in den zwei Jahrzehnten zusammengekommen. Ein besonderes Schmankerl hat sie für uns herausgesucht (siehe Spalte links). Dort können Sie lesen was eine Ratte mit dem Reich Gottes zu tun haben kann. Mit dem Jubiläum legt Monika Prettenthaler ihr Ehrenamt bei uns zurück. Dankbar für die Zeit und ihre Beiträge haben wir gemeinsam Rückschau gehalten, und neugierig auf das, was noch kommt, Blicke in die Zukunft geworfen:

20 Jahre ehrenamtlich für das SONNTAGSBLATT Kommentare schreiben – hättest du dir das gedacht, als unser Geschäftsführer Heinz Finster dich damals gefragt hat?
Monika Prettenthaler: Nein, gar nicht! Aber die Zeit ist einfach so schnell vergangen … (lacht). Ich empfand es damals und die ganze Zeit hindurch als großes Privileg, diesen Platz zu bekommen und eine persönliche Position veröffentlichen zu können. Auch wenn sich das mittlerweile etwas verändert hat, mit den Möglichkeiten, im Internet vieles zu kommentieren. Aber es gibt schon einen Unterschied zu einer Kommentarspalte in einer gedruckten Zeitung. Ich lese gerne Kommentare. Es ist eine schöne Form sich mit der Welt auseinanderzusetzen. Es geht um Meinungen und nicht um den Anspruch, dass die Lesenden genauso denken müssen. Man will zum Nachdenken anregen und einladen, sich zu positionieren und Stellung zu beziehen.
In den zwei Jahrzehnten sind mehr als 170 Texte zusammengekommen – wie hast du immer wieder Themen gefunden?
Prettenthaler: Oft haben die Themen mich gefunden. Dann war auch das Schreiben sehr leicht. Ich hab keine Themenliste geführt. Aber den Muttertag hab ich sicher fünf Mal erwischt – völlig zufällig, denn das lief ja „im Radl“ mit fünf bis sechs anderen AutorInnen. Da hab ich dann schon mal nachgeblättert, was ich zu früheren Muttertagen geschrieben habe. Aber ich habe auch zu Vatertagen geschrieben! (schmunzelt)

Gab es Lieblingsthemen oder -termine?
Prettenthaler: Über Ostern und Weihnachten hab ich mich immer sehr gefreut. Das hat mich herausgefordert, neu zu denken und nicht so zu tun, als würde ich mich sowieso auskennen. Aber jetzt nach 20 Jahren ist es gut, aufzuhören. Ich hatte zuletzt schon das Gefühl, „leergeschrieben“ zu sein. Und bevor ich krampfhaft Themen suchen muss und mich gefühlt nur mehr wiederhole, ist es jetzt gut so, dass Schluss ist.

Würdest du Dinge heute anders schreiben?
Prettenthaler: Vielleicht das eine oder andere.
Auch weil sich da und dort neue Erkenntnisse ergeben haben. Aber beim Durchblättern meiner Texte in Vorbereitung auf unser Gespräch habe ich eher gemerkt, dass ich über manche Themen heute noch genauso schreiben könnte, weil sich einfach nicht viel verändert hat. Sei es Migration, Umwelt, der Umgang mit Frauen in Kirche und Gesellschaft …

Was waren sonst Inspirationen für dich?
Prettenthaler: Das alltägliche Leben. Das zeigt sich in einer meiner Lieblingsgeschichten sehr schön (siehe Spalte links). Einfach Begegnungen auf der Straße oder im Bus. Und dann natürlich meine pädagogischen Themen. Ich bin seit 30 Jahren Lehrerin, und SchülerInnen können unglaublich gut Fragen stellen. Auch Kunst, obwohl ich beim Beschreiben nicht so gut bin wie Johanna Schwanberg auf Ö1, wo man sich ein Kunstwerk vorstellen kann, ohne dass man es sieht. Und zuletzt einfach Dinge, die mich aufregen. Ich kann mich schon auch gut aufregen …

… aber immer sehr sachlich!
Prettenthaler: Ich würde sagen, das ist eine Nebenwirkung oder ein Kollateralnutzen des Älterwerdens … (lacht). Ich kann mich auch ganz unsachlich aufregen, doch der Schreibprozess federt das ab.

Stichwort Schreibprozess: Bist du sehr akribisch mit mehrmaligem Durchlesen und Noch-eine-Nacht-darüber-Schlafen?
Prettenthaler: Nein, gar nicht. Ich bin eher schnell entschlossen. Sonst würden mir noch sieben weitere Versionen einfallen. Aber kritische Texte habe ich vorher von engen Vertrauten, zum Beispiel meiner Mutter, durchlesen lassen.

Hast du LeserInnen-Reaktionen bekommen?
Prettenthaler: Viele Reaktionen gab es mündlich, so im Sinne von: „Mei, ich kennʼ Sie aus dem Sonntagsblatt!“ und „So schön schreiben Sie da!“ Da dachte ich manchmal: Aha, dann hat sie es nicht ganz gelesen … Aber nein, negative Reaktionen gab es wenige. Offenbar haben die Leute alles meistens so verstanden, wie ich es gemeint habe.

Du hast es schon angesprochen: Du bist Lehrerin. Und an der Uni bildest du PädagogInnen aus. Was wünschst du dir, dass sie sich aus deinem Unterricht mitnehmen?
Prettenthaler: Dass Fragen wichtiger sind als Antworten! Natürlich brauchen SchülerInnen Orientierung und ein Gefühl für Themen. Aber es gilt, die Spannung von Orientierung und Freiheit offenzuhalten. Außerdem, dass Religion etwas ist, das ihr Leben leichter machen möchte. Und dass man mit Religion nie fertig ist, auch ich nicht!
Den angehenden LehrerInnen möchte ich mitgeben, dass Fachwissen ungemein wichtig ist. Das Einlassen auf die SchülerInnen und der Aufbau einer belastbaren, pädagogischen Beziehung ist mindestens genauso wichtig. Und dass man LehrerIn ein Leben lang wird, auch wenn man es im Blick auf die Studienzeit ziemlich schnell „ist“.

Du warst auch bei RAINBOWS tätig, einem Verein, der Kinder „in stürmischen Zeiten“, also bei Verlust nach Scheidung oder Tod, unterstützt. Wie hat dein Glaube dir geholfen, und hat er sich dadurch verändert?
Prettenthaler: Meine Spiritualität half mir natürlich bei der Bewältigung von Endlichkeitserfahrungen. Aber das sind schon ehrliche Anfragen, wenn Kinder von schlimmen Erfahrungen betroffen sind. Die große Frage „Warum gibt es Leid?“ lässt sich in der Theorie einfacher abhandeln. Der Satz „Wenn du an Gott zweifelst, dann sag Gott das“ hat mich beim ersten Hören irritiert. Aber ich habe erlebt, dass man Zweifel im Kopf haben und sich trotzdem getragen fühlen kann.

Was hast du in den letzten 20 Jahren Neues gelernt, und was möchtest du noch lernen?
Prettenthaler: Ich lerne täglich von meinen SchülerInnen und Studierenden. Ich bin überzeugt, dass man nie fertig ist mit Lernen. Mein großes letztes Lernprojekt war meine Psychotherapie-Ausbildung. Auch dort lerne ich viel durch meine KlientInnen – vor allem Dankbarkeit. Wenn ich mal Zeit habe, dann möchte ich noch eine andere Sprache als Deutsch (und halbwegs Englisch) lernen. Ich würde mich gerne mit Menschen im tiefsten Italien, wo es nicht touristisch ist, wirklich unterhalten können. Nicht nur so drei Sätze.
Und Geduld würde ich gerne noch lernen, oder nein, eher Langsamkeit (lacht). Ich kann nämlich ziemlich schnell sein. Und das ist für mein Umfeld ein bisschen stressig. Aber ich denke, es finden mich künftig noch viele weitere Lernchancen.

Interview: Katharina Grager

Monika Prettenthaler unterrichtet Katholische Religion am Bischöflichen Gymnasium in Graz, arbeitet als Religions- und Ethikdidaktikerin an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz und ist als systemische Psychotherapeutin tätig.

Aus dem Archiv | 21.10.2007

Positionen
Wie es sein kann

Manchmal erleben wir die Welt so, wie sie sein kann. Mir ist das vor einigen Tagen passiert: Vor mir sitzt im Bus ein junger Mann – ein Punk, mit vielen Piercings im Gesicht, entsprechender Kleidung und Frisur. Seine Haltung lässt auf reichlichen Konsum von Alkohol oder anderen Drogen schließen. An einer Haltestelle setzt sich eine ältere Dame auf den Platz neben ihn. Fast entschuldigend erklärt sie dem Punk, dass ihre Beine nicht mehr ganz gesund sind. Der junge Mann antwortet, so gut er kann, dass sie keine Angst vor ihm haben muss und er halt nur ein wenig anders aussieht. Dann zieht er unter seinem T-Shirt eine Ratte hervor. Dem erschrockenen Blick der Dame begegnet er beruhigend, indem er ihr erklärt, dass das keine Kanalratte sei, sondern ein gezüchtetes Tier. Er erzählt, wie wichtig das Tier für ihn ist und dass es ihn überall hin begleitet. Dann steckt er sie – der Dame zuliebe, wie er sagt – wieder unter sein T-Shirt. Die ältere Frau beginnt von den Katzen zu erzählen, die ihr zugelaufen sind und in welch lustige Situationen sie diese Tiere gebracht haben.

Es entspinnt sich ein fast liebevolles Gespräch zwischen den beiden so unterschiedlichen Menschen. Das Wohlwollen und die Gelassenheit, mit der die beiden miteinander umgehen, spiegelt sich mittlerweile auch in den Gesichtern der Menschen wider, die um sie im Bus sitzen.

Kann es sein, dass hier für eine kurze Zeit etwas vom Frieden des Reiches Gottes in unsere Welt, die oft so unerlöst wahrgenommen wird, hereingeleuchtet hat?

Monika Prettenthaler
monika.prettenthaler@uni-graz.at

Manchmal blitzt die Wirklichkeit Gottes in der Welt auf, ist die Kunst- und Wanderbegeisterte Pädagogin, Theologin und Psychotherapeutin Monika Prettenthaler überzeugt. In ihren „Positionen“ vom 21. Oktober 2007 (Spalte links) beschrieb sie so einen besonderen Moment. | Foto: privat
Monika Preettenthaler
Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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