Leserbriefe
Die Stimme wieder bekommen

Zur Erinnerung an Philipp Harnoncourt
Vor vielen Jahren kam ich mit meiner Tochter Paulina, die damals noch ein Kleinkind war, nach Österreich. Eineinhalb Jahre war ich schon da und versuchte, uns beide mit Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten. Da erfuhr Pater Richard, ein Dominikaner, der als Seelsorger im LKH Graz wirkte, dass die Abteilung für Phoniatrie eine Logopädin sucht.
„Bist Du Logopädin?“, fragte mich bei meiner Vorstellung der Leiter der Phoniatrie. „Ja.“ „Kennst du dich mit der Behandlung von Stimmbandlähmungen aus?“ „Ja.“ „Wie lange brauchst du, um die volle Stimme bei einem Patienten mit Recurrensparese zurückzugewinnen?“ „Ein paar Monate“, antwortete ich. Der große Mann musterte mich, dann sagte er: „Ich habe einen Patienten, der mir sehr wichtig ist. Wenn du es in zwei Wochen schaffst, dass er seine volle Stimme wiederhat, bekommst du hier eine Anstellung.“ „Wie werde ich das schaffen, wenn ich die deutsche Sprache nicht kenne?“, wagte ich einzuwenden, aber der Arzt erwiderte nur: „Der Patient wird nicht deine Sprache lernen, er braucht seine Stimme! Er ist Professor der Theologie und Prediger, ohne seine Stimme kann er nicht predigen.“
Und so habe ich Prof. Philipp Harnoncourt kennen gelernt.
Zwei Wochen, das war eine sehr kurze Frist, nur mit Gottes Hilfe konnte das gelingen! Mit Händen und Füßen, dazu ein paar Brocken Russisch, verständigte ich mich mit meinem Patienten. Geliebt hat der Professor die Kehlkopfmassage mit einem speziellen Kugelmassagegerät. Nach ein paar Tagen sprach er bereits wieder gut verständlich, und nach zwei Wochen Therapie war seine Stimme wieder voll da. Und so bekam ich die versprochene Stelle im LKH Graz, wo ich 22 Jahre lang bis zu meiner Pensionierung arbeitete.
Ich kann Prof. Harnoncourt und der Familie seines Bruders nicht genug danken, dass sie mir den Start in das gesellschaftliche, kulturelle und christliche Leben in Graz ermöglicht haben.

Lilla-Teresa und Paulina Sadowski

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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