Umwelt
Die Natur als Kompass
- Der Halsbandschnäpper gehört zur Familie der Fliegenschnäpper. Der Charaktervogel ist insbesondere in alten Laubgehölzen wie Streuobstwiesen oder Parks zu finden und ist ein gern fotografiertes Motiv des Grazer Ornithologen Leander Khil.
- Foto: Khil (2009)
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Leander Khil liebt den Planeten. Auf Galápagos erforscht er die Tier- und Pflanzenwelt, in Österreich lehrt er den Artenschutz.
Umweltschutz ist Menschenschutz. Doch wo beginnt die „Sorge um das gemeinsame Haus“, von dem Papst Franziskus in Laudato Si’ schrieb? Aktiver Artenschutz, Konsumverzicht und das Hinhören auf die Schöpfung fordert Leander Khil. Der Grazer Biologe, Fotograf und Filmemacher im Gespräch.
Herr Khil, vor 800 Jahren starb Franz von Assisi. Wie geht es Ihnen als Tierschützer in diesem Jubiläumsjahr?
Leander Khil: Als erstes fällt mir dazu ein, dass mein dritter Vorname „Franziskus“ ist (lacht). Als Tierschützer bezeichne ich mich aber nicht, eher als Artenschützer. Und als solcher geht es mir ausgezeichnet – ich komme gerade vom Darwinfinken-Zählen.
Seit Mitte Mai sind Sie ja mit Ihrer Familie auf den Galápagos-Inseln. Sitzen, schauen, Vögel zählen: Ist das Ihr Alltag dort?
Khil: Auch, aber nicht nur. Beobachten und vergleichen – das ist Ursprung und Grundlage für die Beschreibung von Evolution und ihrer Erforschung. Die im Pazifik gelegenen Galápagos sind für Biologen wie mich eine Art „heiliger Gral“, was die Biodiversität der Erde anbelangt. Charles Darwin beobachtete hier im 19. Jahrhundert Arten wie die Meerechse oder Riesenschildkröten. Die später nach ihm benannten Singvögel haben viel zur Entwicklung seiner Evolutionstheorie beigetragen. Am Beispiel dieser Darwinfinken wird nicht nur klar, wie Artenvielfalt entstehen kann, sondern auch, wie Umweltveränderungen, die durch Dürreperioden oder Knappheit von Nahrungsquellen entstehen, zu rascher Anpassung an die Umwelt führen können.
Sind die Galápagos-Inseln Ihr persönlicher Sehnsuchtsort?
Khil: Ja, neben anderen Orten. Ich bin zum dritten Mal hier, werde einige meiner Bücher überarbeiten und Publikationen fertigstellen. Mit neuen Eindrücken und frischem Material geht es im kommenden Jahr wieder zurück nach Österreich.
Hier sind Sie u. a. bekannt für Ihren Einsatz für die Wanderfalken. In einem Vogelnest im Turm der Grazer Herz-Jesu-Kirche haben Sie sogar eine Live-Kamera installiert, die rund um die Uhr Bilder sendet. Warum?
Khil: Aus mehrerlei Gründen. Zum einen will ich darauf hinweisen, dass diese Vogelart in Österreich knapp vor dem Verschwinden stand und immer noch bedroht ist. Durch Nisthilfen in hohen Gebäuden kann dem Falken aber relativ leicht geholfen werden. Zugleich ist diese Vogelart für mich eine Gelegenheit, um über Artenvielfalt und ihren Schutz zu informieren. Der Wanderfalke ist dafür ein gutes Beispiel, denn kaum ein Vogel kommt in so vielen Regionen der Erde vor wie er. Ihn zu erhalten ist eine globale Aufgabe.
- Lieblingstier. Der Galápagos-Albatros ist Leander Khils Lieblingsvogel. Das Foto entstand bei seinem Insel-Aufenthalt 2012.
- Foto: Khil
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Damit sprechen Sie den Kern der 2015 erschienenen Enzyklika Laudato Si’ an: die Schöpfung als „unser gemeinsames Haus“.
Khil: Mit dem Bild vom gemeinsamen Haus trifft es Papst Franziskus auf den Punkt. Naturschutz ist gleich Menschenschutz – das nicht zu erkennen, ist unser großes Manko als Gesellschaft. Deshalb will ich mit meinen Büchern, Bildern, Vorträgen und Filmen Menschen für Natur begeistern und aufzeigen, wie wichtig eine vielfältige Umwelt für uns ist.
Teile vom „Haus“, das Franziskus beschrieb, beginnen bereits zu brennen. Zwar steht das Haus noch nicht in Vollbrand, aber es bröckelt auch schon die Fassade, und es regnet durch das Dach. Das, was der verstorbene Papst beschreibt, ist eigentlich ein Kartenhaus. Im obersten Stock wohnen wir Menschen. Die solide Basis darunter ist eine gesunde Artenvielfalt. Diesen Zusammenhang versuche ich aufzuzeigen.
Also schadet ein „kaputtes Haus“ bereits uns, und nicht erst der nächsten Generation?
Khil: Ja. Eine intakte Natur trägt dazu bei, dass es uns gut geht. Das fängt bei der Psyche an. Aus Studien weiß man: Dort, wo die Umwelt reichhaltig und vielfältig ist, sind Menschen glücklicher. Vogelgesang zum Bespiel wirkt sich positiv auf uns aus – ebenso wie die Naturerfahrung, im Wald zu sein.
Noch deutlicher wird der Zusammenhang, wenn ganze Artengefüge zusammenbrechen. Dann leiden auch noch andere Arten mit. Wenn wir Blumenwiesen in Kurzrasen verwandeln, wird es weniger Insekten geben. Dann werden weniger Blüten bestäubt, Ernten fallen geringer aus. Es ist ganz einfach: Wenn wir Lebensräume anderer zerstören, vernichten wir unweigerlich Ressourcen, von denen auch wir leben.
Wie wurden Sie zum Artenschützer?
Khil: Die Beschäftigung mit der Natur und ihrer Artenvielfalt kommt aus der Kindheit. Mein Vater hat mir und meinem Bruder schon früh die Welt von Flora und Fauna nähergebracht. Gemeinsam haben wir spannende Lebensräume in der Steiermark und im Burgenland erkundet, Nächte im Auto verbracht und frühmorgens Tiere beobachtet. Und wir haben gelernt, sparsam zu sein. Als Vater versuche ich jetzt selbst, Nachhaltigkeit vorzuleben und Ressourcen zu sparen. Ein Beispiel: In der Vorbereitung auf unseren Galápagos-Aufenthalt haben wir bei meiner Großmutter einen Kassetten-Rekorder mit Kopfhörern gefunden. Klar gibt es modernere Geräte, aber wir wollen Dinge so lange wie möglich verwenden. Jetzt hört unser Sohn Kinderkassetten aus den 1980er-Jahren – der Walkman seiner „Urli“ ist für ihn perfekt.
Genügsamkeit: Ist das Ihre Botschaft?
Khil: Auch. Was mich seit jeher interessiert, ist der Zusammenhang zwischen einer gesunden Natur und gesunden Menschen. Für ein zufriedenes Leben ist die Natur ein guter Kompass. Auch deshalb brauchen wir sie.
Interview: Anna Maria Steiner
- Hören, beobachten, festhalten für die Nachwelt. Leander Khil erforscht und fotografiert die Natur und bringt sie Menschen näher.
- Foto: Gray
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Artenschutz
- Bedrohte Schönheit. Um die in Österreich bedrohte Blauracke kümmert sich auch der Verein LEiV (unten).
- Foto: Schallmeiner
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Vielfalt bewahren
Etwa 46.000 Tier- und mehr als 21.000 Pflanzenarten kommen in Österreich vor. Um den Schatz dieser Artenvielfalt zu bewahren, sind neben Privatpersonen, Forschungseinrichtungen oder LandwirtInnen auch Mitglieder von Umweltverbänden, Natur- und Artenschutz-Organisationen aktiv.
Der 1913 gegründete Naturschutzbund Österreich und seine 80.000 Mitglieder setzen sich im Interesse der Allgemeinheit für eine dauerhafte Sicherung der Natur als Lebensgrundlage ein – für Menschen, Tiere und Pflanzen. Weltweit agieren Organisationen wie Greenpeace (seit 1971) oder der 1961 gegründete WWF (World Wide Fund For Nature, dt. „Weltweiter Fonds für die Natur“) durch medienwirksame Umweltschutzaktionen, Forschung und den Schutz bedrohter Arten. In Österreich schützt der WWF vor allem die „Großen Fünf“: Wolf, Seeadler, Luchs, Fischotter und Biber. Diese „Schlüsselarten“ helfen der Natur, gesund zu werden und zu bleiben, indem sie neue Lebensräume für andere Tiere schaffen (Biber) oder als Jäger dazu beitragen, das ökologische Gleichgewicht zu erhalten (Wolf).
In der Steiermark arbeitet der Verein LEiV („Lebende Erde im Vulkanland“) im Bereich Klima- und Artenschutz und fördert alte Traditionen wie die Beweidung von Hangflächen, die Streuobstpflege, das Korbflechten oder das Schnapsbrennen. In Zusammenarbeit mit Schulen oder Naturorganisationen in Slowenien und Kroatien werden auch Pilzlehrpfade organisiert oder Nistkästen aufgestellt.
LEiV – Verein „Lebende Erde im Vulkanland“: www.blauracke.at
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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