Vor den Vorhang
Frau, Mann, Mensch

„Schein-Heilig“: Auf die Intervention des Künstlers Oskar Stocker wird Monsignore Markus Plöbst in Predigten Bezug nehmen. Im Begleitprogramm (Kasten unten) spannen u. a. die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz, Universitätsprofessor Matthias Beck oder Guenther Lieder von der Israelitischen Kultusgemeinde Tirol und Vorarlberg inhaltlich einen Bogen über Kirche, Tod, Liebe und Leben. | Foto: KK
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  • „Schein-Heilig“: Auf die Intervention des Künstlers Oskar Stocker wird Monsignore Markus Plöbst in Predigten Bezug nehmen. Im Begleitprogramm (Kasten unten) spannen u. a. die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz, Universitätsprofessor Matthias Beck oder Guenther Lieder von der Israelitischen Kultusgemeinde Tirol und Vorarlberg inhaltlich einen Bogen über Kirche, Tod, Liebe und Leben.
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Leoben. In der Stadtpfarrkirche holt eine Ausstellung Frauen vor den Vorhang und lässt Männer in anderem Licht erscheinen.

Monsignore Markus Plöbst, in der Leobener Stadtpfarrkirche St. Xaver stehen seit Sonntag sieben in rosa Seide gehüllte Heiligenfiguren und sechs großformatige Frauenporträts.

Wie kam es zu dieser Installation?
Stadtpfarrer Markus Plöbs
t: Angefangen hat alles mit einer Frage. Der Porträtkünstler Oskar Stocker wurde mir bekanntgemacht. In unserer Stadtpfarrkirche fragte er mich, warum dort ausschließlich Männerheilige stehen würden. „Frauenheilige gibt es viele“, habe ich geantwortet. „Aber die Statuen stehen in den Seitenaltären“. Auf seine Bemerkung hin, dass Frauen in der Kirche in der zweiten Reihe stehen würden, meinte ich: „Dann müssen wir halt etwas tun, um sie in die erste Reihe zu bekommen.“

Es war also die Idee von zwei Männern – einer davon Priester –, Frauen in der Kirche vor den Vorhang zu holen?
Plöbst: Ja. Dabei geht es aber nicht darum, zu fragen, warum Frauen nicht Priesterin oder Diakonisse werden dürfen. Vielmehr wollen wir darauf hinweisen, welche Rolle Frauen in der Glaubens- und Kirchengeschichte gespielt haben – allem voran Maria Magdalena. Frauen standen bei der Kreuzigung, am Grab Jesu, waren die ersten Botinnen der Verkündigung der Auferstehung. Auch viele Adressaten der Briefe des Apostels Paulus waren weiblich und viele, die ihn begleitet haben, waren Frauen – wie etwa Thekla oder Junia, um nur zwei zu nennen. Die Verkündung des Christentums ist also ganz wesentlich von Frauen ausgegangen. Die Ungleichbehandlung von Frauen setzt sich auch in Heiligengeschichten fort. Beispielsweise kennt jeder Franz von Assisi – von Klara hingegen hört man nicht viel. Kaiser Konstantin wird als großer Erneuerer des Christentums angesehen, aber hinter ihm stand seine Mutter, die heilige Helena. Ähnlich auch beim Kirchenlehrer Augustinus. Seine Mutter hat ihn christlich erzogen und stärkte ihn.

Die Installation ist also eine Wiedergutmachung an Frauen in der Kirchengeschichte?
Plöbst: Es geht dabei um mehr: „Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbild. Als Mann und Frau schuf er sie.“ Zum einen soll auf die Bedeutung der Frau hingewiesen werden als prägende Gestalt für einen jeden Menschen – beginnend mit der Schwangerschaft bis hin zu Sterben und Tod. Eine Frau schenkt jedem Kind das Leben und prägt es vom Beginn des Lebens. Heute sind es meist Frauen, die Alte und Sterbende begleiten, in der oft schlecht oder nicht bezahlten Pflegearbeit. Insofern schließt sich eine Klammer von der Geburt bis zum Tod.

Es geht also darum, soziale Ungleichheiten aufzuzeigen?
Plöbst: Auch, aber nicht nur. Die Verhüllung der Männerheiligen in rosafarbene Seide soll auch auf das Weibliche in jedem Mann hinweisen. Jeder Mann hat auch so etwas wie eine „weibliche Seele“, auf Latein: anima. Und umgekehrt finden sich in jeder Frau auch männliche Anteile. Wichtig ist, den Menschen ganzheitlich zu sehen und weder in eine klassische Männer-, noch in eine klassische Frauenrolle zu drängen. Der Mensch ist ein Mensch mit männlichen und zugleich weiblichen Anteilen. Dafür soll sich niemand schämen müssen – im Gegenteil.


Kunst ist ein Ort von Gottesbegegnung und Verkündigung.


Wie ist das Verhüllen zu verstehen?
Plöbst: Durch das Verhüllen wollten wir auch ausdrücken, dass etwas überbetont ist in der Kirche – in diesem Fall: die Männer. Wir haben nicht alle zwölf Apostelfiguren verhüllt, sondern nur sieben. Diese Zahl verweist auf das Vollkommene. Gegengleich zu den in den Hintergrund getretenen „Männern“ rückten die Frauen in den Vordergrund – in sechs Porträts.

... warum dann nur sechs Frauenporträts, und nicht ebenfalls sieben?
Plöbst: Die Ziffer sechs spielt auf das Unvollkommene an, auf das „Noch nicht“. Damit soll auf die ungleiche Behandlung von Frauen angespielt werden – etwa im Bereich der Entlohnung oder der Fürsorge- oder der Care-Arbeit. Unter dem Titel „Frauen des Alltags“ hat Oskar Stocker dann Frauen aus dem Alltag „gecastet“, also ausgewählt, und porträtiert. Anders als die sieben Männerheiligen porträtierte der Künstler damit nur sechs Frauen – in Anlehnung daran, dass es noch nicht die Vollendung, die Zahl sieben ist. Wie bei der Hochzeit von Kanaan, wo es auch nur sechs steinerne Wasserkrüge gab, und nicht sieben.

Haben wir verlernt, das, was wir sehen, einzuordnen, Kunst zu interpretieren?
Plöbst: Wir Menschen des 21. Jahrhunderts glauben, die Kunst der Renaissance und des Frühbarocks zu kennen. Zumindest verhalten wir uns oft so, wenn wir im Kirchenraum sind. Im Grunde können wir die Botschaften und Zeichen oft gar nicht mehr sehen – die Gewohnheit lässt uns das Dahinterliegende oft nicht mehr erkennen.

Um zu sehen, was da ist und was es bedeutet, brauchten wir mitunter einen Perspektivenwechsel. Denn das, was man jeden Tag sieht, sieht man irgendwann einmal womöglich aus lauter Gewohnheit nicht mehr. Die Kunstinstallation „Schein-Heilig“ weist auch hin auf das, was alles da ist und zugleich auf das, was von uns „Kirchgehern“ im Laufe der Zeit vielleicht nicht mehr gesehen wird.

A propos: Wie kam es eigentlich zum Ausstellungstitel?
Plöbst: Der Begriff „Schein-Heilig“ ist als ein doppelter zu verstehen und spielt einerseits an auf das, was verhüllt ist und andererseits darauf, wie es uns erscheint. Wie begreifen wir die Wirklichkeit? Deshalb ist diese Kunstinstallation für mich auch ein wunderbares Mittel, um etwas in Erinnerung zu rufen: Die Kirche ist kein Museum. Kunst und Kirche sind ein Ort der Gottesbegegnung, der Verkündigung. Aus diesem Grund habe ich diese Kunstistallation auch in die hl. Messe eingebunden. Jeden Sonntag um 10 Uhr wird, mit Blick auf Tod und Auferstehung Jesu Christi und den damit verbunden Ereignissen, darauf hingewiesen. Wenn man nur die Installation in der Kirche sieht, ist es bestenfalls eine schöne Ausstellung. Um zu begreifen, was man sieht, bedarf es aber einer Hinführung in und durch die feierlich musikalisch gestaltete Liturgie, die Predigt und die Impulsreferate – damit Herz, Ohr, Augen und Verstand angesprochen und wir davon ergriffen werden.

Interview: Anna Maria Steiner

Schein-heilig.
Künstlerische Intervention in der Stadtpfarrkirche St. Xaver (Kirchplatz 1, 8700 Leoben). Täglich geöffnet 7.30 bis 18.00 Uhr. In sieben Sonntagspredigten wird
Msgr. Markus Plöbst die Ausstellung reflektieren. Begleitprogramm: 12., 19., 26. 10. und 2., 9., 16. 11. 2025. stadtkirche-leoben.graz-seckau.at

„Schein-Heilig“: Auf die Intervention des Künstlers Oskar Stocker wird Monsignore Markus Plöbst in Predigten Bezug nehmen. Im Begleitprogramm (Kasten unten) spannen u. a. die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz, Universitätsprofessor Matthias Beck oder Guenther Lieder von der Israelitischen Kultusgemeinde Tirol und Vorarlberg inhaltlich einen Bogen über Kirche, Tod, Liebe und Leben. | Foto: KK
 Künstlers Oskar Stocker (li) und Monsignore Markus Plöbst (r.) | Foto: KK
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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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