Positionen - Christian Teissl
Von der Freundlichkeit der Welt

Alltägliche Situationen, wie sie sich tausendfach ereignen, zur selben Zeit, an verschiedenen Orten: Eine Auskunft wird erteilt, eine Anfrage beantwortet, eine Sache geklärt, eine Aufgabe erledigt, ein Kauf getätigt, ein Handel besiegelt, ein Konflikt beigelegt, ein Dank erstattet, ein längst geplantes Telefonat endlich geführt, ein Gespräch im Guten beendet, ein Versprechen eingelöst. Was zu tun war, ist getan, was zu sagen war, gesagt, nun bleibt nur noch eines: Man wünscht einander mit freundlicher Miene „einen schönen Tag“.

In meiner Kindheit war dieser heute viel beschworene „schöne Tag“ noch so gut wie unbekannt. Inzwischen aber hat er, mit Pauken und Trompeten, Einzug gehalten in den allgemeinen Sprachgebrauch, behauptet dort neben dem „schönen Abend“ und dem „schönen Sommer“ seinen Platz und ist quer durch alle Generationen zum Gemeingut geworden. Wohin ich auch komme, überall findet sich jemand, der mir, bevor ich wieder gehe, einen „schönen Tag“ mit auf den Weg gibt.

Und wenngleich niemand so recht zu sagen weiß, was ein schöner Tag eigentlich ist – die Mutigen werden darunter etwas anderes verstehen als die Vorsichtigen, die Friedfertigen etwas anderes als die Streitsüchtigen, die Trauernden etwas anderes als die Getrösteten –, in einer Welt, in der Menschen einander Stunde für Stunde unendlich Verletzendes sagen und einander hemmungslos Gemeinheiten ausrichten, kann einem jede Freundlichkeit, und sei sie noch so unbestimmt und unverbindlich, nur höchst willkommen sein.

Christian Teissl

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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