Positionen - Christian Teissl
… für ein Morgen
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„Was haben die Religionen für eine Zukunft?“ Mit dieser Frage konfrontierte die französische Schriftstellerin Yvonne Chauffin vor bald fünfzig Jahren den damaligen Erzbischof von Wien, Kardinal Franz König. Diese Frage mutet wie eine jener Fragen an, die man offen lassen muss, will man sich nicht in heillosen Spekulationen verlieren, da sie einen Horizont aufspannen, der viel zu weit ist, als dass man ihn erfassen könnte.
Die Antwort von Kardinal König jedoch ist alles andere als spekulativ, sondern sehr dezidiert: Die Zukunft der Religionen, so meinte er, hänge weniger vom Glauben an Gott ab, sondern vielmehr vom Glauben an den Menschen, der sich beständig fragt, wer er eigentlich ist, woher er kommt, wohin er geht und warum er auf der Welt ist.
Heute, da die Menschheit an allen Enden der Erde ihre eigene Abschaffung betreibt, da künstliche Intelligenz die menschliche mehr und mehr zu ersetzen droht und der Wert der einzelnen Person allzu oft nur an ihrem Bankkonto bemessen wird, tut dieser Glaube an den Menschen ganz besonders not – wie auch jenes Bewusstsein, das Kardinal König eingemahnt hat: dass wir geschaffen sind nicht nur für gestern und heute, sondern vor allem für ein Morgen.
Christian Teissl
teissl@mur.at
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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