Christentum - Ein Reiseführer - Etappe 042
Wunder 
hinterfragt

Speisung der 5000, Zeichnung aus einer Kinderbibel.
  • Speisung der 5000, Zeichnung aus einer Kinderbibel.
  • Foto: Bild: „Mit Gott unterwegs“, bohem press
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Das Urteil der Theologen

Der Glaube an Gott, den Schöpfer, Retter und Vollender der Welt macht nur Sinn, wenn man Gott das Großartige und geradezu Unglaubliche zutraut. Wer an einen Gott glaubt, der die Welt aus dem Nichts ins Dasein gerufen hat, sie auf ihrem Weg durch die Zeit begleitet und dafür bürgt, dass diese Welt nicht einfach verlischt, sondern in Gott ihre Vollendung findet, hat sich bereits dafür entschieden, Wunder für möglich zu halten, mehr noch, auf sie zu hoffen. Im Grunde lebt bereits jedes noch so kleine Bittgebet von der Hoffnung auf Gottes rettendes Eingreifen in die Welt. Würde man ein solches Eingreifen von vornherein ausschließen, so hätte es auch keinen Sinn, angesichts der eigenen Notlage um ein solches Eingreifen zu bitten.

Mit dem Wunder ist die Frage nach dem Verhältnis Gottes zur Welt gestellt. In diesem Zusammenhang wird immer wieder eingewandt, dass Wunder eine Durchbrechung der Naturgesetze darstellen, die sowohl in theologischer wie auch in naturwissenschaftlicher Hinsicht problematisch sei. Diese Argumentation sieht eine theologi­sche Problematik darin, dass ein wiederholtes Eingreifen Gottes in die Schöpfung auf ein sehr unvollkommenes Schöpfungswerk schließen ließe. Der Gedankengang begegnet oft in der populären Formulierung, Gott sei in diesem Fall weniger vollkommen als ein menschlicher Ingenieur, von dem doch jedermann erwarte, dass er nicht ständig in den Lauf seiner Konstruktion eingreifen müsse, um diese nachzubessern.

Eine solche Argumentation kann aber, wenn überhaupt, nur auf den ersten Blick überzeugen. Bei der Schöpfung Gottes handelt es sich nämlich gerade nicht um eine Riesenmaschine, die – einmal in Gang gesetzt – bis zu ihrer Verschrottung nach ihren internen Baugesetzen funktioniert. Vielmehr ist die Schöpfung Gottes ein dynamisches Unternehmen, das wesentlich durch den Aspekt der Freiheit gekennzeichnet ist. Wenngleich es in der Schöpfung zweifellos geregelte Vorgänge gibt, so liegt ihre Besonderheit doch darin, dass sie nicht auf den Ablauf vorbestimmter Prozesse reduzierbar ist.

Das Wunder muss nicht notwendig zu einer Kollision mit dem Weltverständnis der Naturwissenschaften führen. Nach heutigem Kenntnisstand der Naturwissenschaften sind Naturgesetze nicht als selbstständig wirkende Kräfte anzusehen, die die Wirklichkeit aus sich heraus bestimmen, wie dies für juris-tische Gesetze gilt. Vielmehr handelt es sich bei ihnen um methodische Regeln, die man formuliert hat, weil sie sich unter bestimmten Umständen beim Verständnis und bei der Beherrschung dieser Wirklichkeit als hilfreich erweisen. Außerordentliche Phänomene, die über diese Regeln hinausweisen, sind damit nicht ausgeschlossen. Sie stellen die grundsätzliche Gültigkeit dieser Regeln auch nicht in Frage, da diese Regeln sich bei der Beschreibung der natürlichen Zusammenhänge weiterhin bewähren. Worauf diese außerordentlichen Phänomene jedoch hinweisen, ist das Ungenügen eines ausschließlich naturwissenschaftlichen Zugangs zur Welt.

Dieser grundsätzlichen Offenheit für ein wundersames Wirken Gottes in der Geschichte steht nicht entgegen, dass auch Christen der Behauptung, in einem Phänomen der natürlichen Welt begegne ein Wunder, mit Skepsis begegnen dürfen und sogar müssen. Wie alle übrigen Menschen, so sind auch Christen aufgerufen, sich zunächst einmal ihrer Vernunft zu bedienen und alle natürlichen Faktoren eines Sachverhalts zu prüfen. Wo sie dies tun, bringen sie zum Ausdruck, dass bereits das geordnete Zusammenspiel der natürlichen Faktoren im Grunde wunderbar ist, da es die Voraussetzung für Leben schafft. So ist es letztlich der Respekt vor der Schöpfung, der sie dazu antreibt, diesem geordneten Zusammenspiel auch intellektuell nachzuspüren.

Kraft ihres Glaubens erkennen Christen bereits in dem erstaunlichen Ineinandergreifen der natürlichen Faktoren den Willen des Schöpfers, Leben zu geben und es in Freiheit zu erhalten. Darüber schließen sie jedoch nicht aus, dass Gott die Möglichkeit hat, in außerordentlicher Weise in seine Schöpfung einzugreifen. Im Gegenteil: Sie glauben fest daran, dass Gott diese Möglichkeiten nicht nur hat, sondern sie auch nutzt, um seiner Schöpfung in den verfahrenen Situationen ihrer Geschichte immer wieder neue Möglichkeiten zu eröffnen.

 

 

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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