Gegen Einsamkeit
Orte des Zusammenseins
- Mitten unter euch. Die lebensgroßen Holzfiguren der Krippe am Frankfurter Hauptbahnhof an Heiligabend 2024 erinnern daran, dass Jesus nicht in einem Palast zur Welt kam, sondern mitten unter jenen, die ihn brauchen.
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Gegen die Einsamkeit.
Vor allem junge und alte Erwachsene fühlen sich öfter einsam. Zahlreiche Initiativen bieten Hilfe an.
Sie sei „die schlimmste Form von Armut“, soll Mutter Teresa (1910–1997) über die Einsamkeit einmal gesagt haben. Die Friedensnobelpreisträgerin und Ordensfrau wusste, wovon sie spricht: Mehr als ein halbes Jahrhundert lang war die gebürtige Albanerin in Indien für wohnungslose, kranke und sterbende Menschen da und linderte gemeinsam mit anderen Loreto-Schwestern Leid. Sie wusste: Neben Nahrung und medizinischer Versorgung fehlt den Kranken und materiell Verarmten vor allem die Gesellschaft anderer.
Szenenwechsel. In einem Tageszentrum in der Grazer Innenstadt ist Einsamkeit kein Thema – zumindest dann nicht, wenn die BesucherInnen beisammensitzen, gemeinsam essen oder Kartenspielen. Nicht bei allen, die hier sind, ist auf den ersten Blick ersichtlich, warum sie da sind. Einige, gut gekleidet, scheinen finanziell nicht angewiesen zu sein auf eine Gratis-Jause im beheizten Raum. Sie kommen, weil sie alleine leben und niemanden zuhause haben, erklärt Sozialarbeiter Matthias Nezmahen von der Caritas (siehe linke Spalte).
Sozialer Schmerz. Alleinsein und Einsamsein ist nicht dasselbe – gilt doch letzteres als ein Zustand, der nicht selbst gewählt ist. „Das Gefühl von Einsamkeit ist stets negativ und wird durch ein emotionales Defizit ausgelöst“, schreibt Marcus Mund von der Friedrich-Schiller-Universität im deutschen Jena. Dieses Defizit wirke sich wie jedes andere Defizit aus, so der Universitätsprofessor für Psychologische Diagnostik weiter. Es sei „vergleichbar mit Schmerz oder Hunger. In der Fachliteratur werde Einsamkeit daher auch oft als sozialer Schmerz umschrieben. „Man weiß inzwischen, dass Einsamkeit einhergeht mit Schüchternheit und einem geringeren Selbstwertgefühl. Allein aus schwerer Einsamkeit herauszufinden, ist daher alles andere als leicht“, so Mund.
(K)eine Frage des Alters. Ein 72-jähriger Witwer hält es nach dem Tod seiner Lebenspartnerin nicht mehr allein zuhause aus. Für eine 23-jährige Studentin fühlt sich Einsamkeit an „wie ein Anzug, den man am liebsten ausziehen möchte“, aber nicht kann. Ein zwölfjähriger Schüler verbringt zwar Stunden täglich im Internet, doch Freunde im echten Leben hat er kaum.
In Österreich fühlen sich laut Plattform gegen Einsamkeit etwa zehn Prozent der Menschen „die meiste Zeit einsam“. Als besonders betroffen gelten Menschen mit niedrigem Einkommen, mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen sowie MigrantInnen und ältere Personen ab 65 – aber nicht nur. So zeigt eine kürzlich von der deutschen Bertelsmann Stiftung durchgeführte Studie, dass sich in Europa „mehr als die Hälfte der 18- bis 35-Jährigen moderat bis stark einsam fühlen“ – mit teils weitreichenden Folgen. Als solche führt die Plattform gegen Einsamkeit „erhebliche Beeinträchtigungen der seelischen und körperlichen Gesundheit“ an, „bis hin zu einer kürzeren Lebenserwartung“.
Helfen. Dass das in vielen Fällen nicht so sein müsste, beweisen Beispiele gelungener Einsamkeitsbewältigung. Zahlreiche Initiativen wollen der Vereinsamung von Menschen entgegenwirken (siehe rechte Spalte) und Mut machen. Einsamkeit kann schließlich jede und jeden betreffen, und das in jedem Lebensabschnitt. Ein erster Schritt für jene, die können, ist: anzuerkennen, dass man Gesellschaft braucht. Wer umgekehrt auf Menschen trifft, die unter unfreiwilligem Alleinsein leiden, hat viele Möglichkeiten, um zu helfen. Dazu gehört, über Hilfsangebote zu informieren ebenso, wie ein Besuch daheim, ein interessiertes „Wie geht es dir?“ oder ein ehrlich gemeintes Lächeln.
Anna Maria Steiner
"Schubladen aufmachen"
Gespräch mit Matthias Nezmahen - er ist Sozialarbeiter und für Menschen in zwei Grazer Tageszentren da.
Herr Nezmahen, wie begegnet Ihnen als Sozialarbeiter das Thema „Einsamkeit“?
Seit gut einem Jahr bin ich in der Grazer Bahnhofsmission, einem konsumfreien
Raum für Menschen, die nirgends hin können. Großteils kommen hierher Menschen, die nach einer Nächtigung in einer Notschlafstelle einen Platz suchen, wo sie sich auch tagsüber aufhalten, essen oder duschen können – aber nicht nur. Viele kommen auch wegen der Gemeinschaft, zum Kartenspielen, Plaudern, Teetrinken.
Kommen manche, weil sie einsam sind?
Von den etwa 150 Personen, die sich täglich im Tageszentrum am Hauptbahnhof aufhalten, kommt etwa ein Viertel wegen der Gesellschaft. Diese Menschen sind nicht von materieller Armut betroffen, haben Arbeit oder womöglich eine gute Pension – aber weil sie vielleicht falsch abgebogen sind im Leben oder keinen Halt finden im System, stehen sie alleine da. Sie suchen Gesellschaft oder einfach einen Ort, an dem sie durchschnaufen können.
Woran erkennt man Vereinsamte?
Dafür braucht es Zeit. Für die meisten Personen ist der Besuch bei uns anfangs mit Scham verbunden – egal, aus welchem Grund sie da sind. Wir merken: Menschen öffnen sich und erzählen, wenn man geduldig ist und ihnen Zeit dafür lässt. Und, wenn sie merken, dass man über sie nicht urteilt. Das ist im Übrigen auch eines der Hauptprobleme in unserem Menschsein: andere zu verurteilen, ohne über sie und ihr Schicksal Bescheid zu wissen.
Respekt hilft also gegen Einsamkeit?
Ja. Auch, wenn das oft herausfordernd ist – für jeden von uns. Wichtig ist, meinem Gegenüber möglichst vorurteilsfrei zu begegnen – egal, was er oder sie anhat oder sagt. Ein erster Schritt dazu ist, die Schubladen im Kopf, in die man andere gedanklich steckt, einen Spalt breit aufzumachen.
Infos & Tipps
Von Pfarrcafé bis Plaudernetz: Zahlreiche Initiativen wirken der Einsamkeit entgegen.
"Darin besteht die Liebe“, schrieb der Dichter Rainer Maria Rilke (1875–1926): „Dass sich zwei Einsame beschützen und berühren und miteinander reden.“ Aktiv auf Menschen zuzugehen und mit ihnen im Gespräch zu bleiben hilft gegen Einsamkeit. Neben privaten können auch kirchliche und staatliche Initiativen dem ungewollten Alleinsein entgegenwirken. Einige Tipps:
Regelmäßige Treffen besuchen, etwa beim Pfarrcafé, in Tageszentren wie der Bahnhofsmission, aktiver Gruppen wie LIMA (Lebensqualität im Alter) oder einem Seniorentreff. Vereinsamte Hinterbliebene können in Trauergruppen Halt finden (Näheres bei Bernhard Pletz unter 0676/8742 2782 oder katholische-kirche-steiermark.at/trauer). Telefonisch in Kontakt sein mit der TelefonSeelsorge (Tel.-Nr. 142) oder dem Plaudernetz (Tel.-Nr. 05 1776 100).
- Essen, trinken, beisammensein. In der Grazer Bahnhofsmission sind auch Ehrenamtliche gegen Einsamkeit aktiv.
- Foto: Streif/Caritas
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Selbst initiativ werden. Wer dazu in der Lage ist, kann sich auch ehrenamtlich betätigen: Menschen in Pflegewohnheimen besuchen, SchülerInnen beim Hausaufgabenmachen helfen (in Lerncafés oder privat) oder Eltern mit Kleinkindern bei der Betreuung entlasten. Infos gibt es auch bei Hilfsorganisationen wie Caritas oder Diakonie.
Eine Übersicht im Internet bietet die Plattform gegen Einsamkeit. Auf der Webseite findet man altersgerechte Angebote in österreichischen Städten und Regionen und kann eigene Initiativen auflisten: www.plattform-gegen-einsamkeit.at
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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