Weltkirche
Offene Wunde
- Völkermord an den Armeniern: Bei Massakern und Todesmärschen kamen bis zu 1,5 Mio. Menschen zu Tode. Das Foto von Armin T. Wegner zeigt Armenier, die im Mai 1915 von bewaffneten Wachen aus Karphert (Türkei) weggeführt wurden. Viele kamen in Todes-lagern um.
- Foto: wmc/Rotes Kreuz USA
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Völkermord an den Armeniern. Dem 24. April 1915 und seinen Folgen gedenkt man im Wiener Stephansdom mit einer Jazz-Messe.
Er gilt als erster Völkermord im 20. Jahrhundert und belastet die Beziehungen zwischen Armenien und der Türkei bis in die Gegenwart massiv: der Genozid an den Armeniern, auch „Armenozid“ genannt. Bis zu 1,5 Mio. Menschen starben zwischen 1915 und 1918 im Gebiet des damaligen Osmanischen Reiches. Vor allem Angehörige christlicher Minderheiten fanden den Tod.
Kirchen und Osmanisches Reich. Im mehr als 600 Jahre überdauernden Osmanischen Reich spielten Angehörige der ethnischen Minderheit der Armenier eine bedeutende Rolle in Wirtschaft, Armee oder Politik; 1461 erkannte Sultan Mehmet II. (1432–1481) die Armenische Kirche an. Der Friedensvertrag von Adrianopel sicherte 1829 den armenischen KatholikInnen die Religionsfreiheit; die armenischen ProtestantInnen wurden offiziell 1850 anerkannt. Doch schon im späten 19. Jahrhundert kam es zu gewaltsamen Angriffen (Pogromen) auf Minderheiten.
Die Lage verschärfte sich im Zuge des Machtantritts der so genannten „Jungtürken“ – einer politischen Bewegung, die das vom Zerfall bedrohte Osmanische Reich durch systematische politische, militärische und wirtschaftliche Modernisierung stärken wollte. Der Erste Weltkrieg bot eine Gelegenheit zur Umsetzung dieser Politik: Eliten wurden verhaftet, hingerichtet und große Teile der Bevölkerung auf Todesmärsche geschickt. Der Völkermord begann am 24. April 1915 mit Razzien gegen armenische Intellektuelle in Konstantinopel. Es folgten Massendeportationen der Armenier in Wüstengebiete im heutigen Syrien und Irak.
Mit Erinnerung gegen das Böse. Während HistorikerInnen den so genannten „Aghet“ (Armenisch für „Katastrophe“) als ersten Völkermord im 20. Jahrhundert bezeichnen, spricht die Türkei bis heute lediglich von Massenvertreibungen und gewaltsamen Konflikten. Eine klare Position im Genozid gegen die Armenier hatte Papst Franziskus (1936–2025) bezogen. In einem Gottesdienst zum 100. Jahrestag des Beginns der Armenier-Verfolgung im April 2015 bezeichnete er die Ereignisse als „ersten Genozid des 20. Jahrhunderts“ und mahnte die Türkei, die Erinnerung an den Völkermord zu pflegen: „Wo es keine Erinnerung gibt, hält das Böse die Wunde weiter offen“, sagte Franziskus.
Der Katastrophe wird weltweit jedes Jahr am 24. April gedacht. Am heurigen Gedenktag lädt die Armenische Kirche in Österreich in den Wiener Stephansdom zur Aufführung der Jazzmesse „Prayer Wheel“ des armenischen Komponisten und Musikers Karén Asatrián. Das Konzert ist zugleich der Abschluss des Musikfestivals „Sounds of Armenia“ von 21. bis 23. April im Jazz- und Musikclub „Porgy & Bess“ in Wien (Infos: porgy.at/events).
Anna Maria Steiner
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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