Interview
Kara Tepe sofort evakuieren!

Hier werden Seelen gebrochen, klagt Doro Blancke. Es gebe im Lager Suizidversuche, weinende Mütter, psychosomatische Erkrankungen unter Kindern, die sich die Haut wund kratzen, nicht nur weil sie sich eingesperrt fühlen, sondern auch weil sie die Verzweiflung ihrer Eltern spüren.
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  • Hier werden Seelen gebrochen, klagt Doro Blancke. Es gebe im Lager Suizidversuche, weinende Mütter, psychosomatische Erkrankungen unter Kindern, die sich die Haut wund kratzen, nicht nur weil sie sich eingesperrt fühlen, sondern auch weil sie die Verzweiflung ihrer Eltern spüren.
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Doro Blancke ist seit Herbst im Flüchtlingscamp Kara Tepe auf der Insel Lesbos im Einsatz. Im Telefonat mit dem Sonntagsblatt erzählt sie von erschütternden Zuständen.

Seit zwei Wochen regnet es fast täglich, es hat auch geschneit, in der Nacht hat es Minus­grade. Das Camp versinkt im Schlamm, es ist kalt, und nichts trocknet auf. Wasser rinnt in die Zelte. Die Leute erwärmen sich einfach nicht mehr.“ Mit schockierenden Worten skizziert Doro Blancke die aktuelle Lage im Flüchtlingscamp auf der griechischen Insel Lesbos. Von den 7500 Menschen, die zur Zeit dort leben, sind 2500 Kinder. „Es sind hauptsächlich Familien mit Kindern, dazu viele sehr junge Menschen, die gerade einmal 18 sind, auch Frauen, die allein sind“, sagt die Aktivistin, die sich seit sechs Jahren für Menschen auf der Flucht engagiert. Mein Anruf erreicht sie auf dem Weg in ihre Unterkunft, eine Wohnung, die sie gemeinsam mit vier Mitarbeitenden angemietet hat.

Als Volunteers von „Home For All“, einer griechischen NGO, die seit Jahren effiziente Hilfe vor Ort leistet, verteilen sie täglich Nötigstes im Camp. „Jetzt wurden 300 Babyfelle für die kleinsten Kinder geliefert.“ Eine Firma habe zugesagt, 10.000 warme Decken zu spenden. „Die Spendenbereitschaft ist sehr hoch“, freut sich Blancke, „wir konnten schon 60 Tonnen an Hilfsmaterial nach Lesbos bringen“. Das sei mehr als die von der österreichischen Bundesregierung bisher gewährte „Hilfe vor Ort“.
Es werden hässliche Bilder produziert

Die Zusammenarbeit mit den Behörden sei extrem schwierig. Sie würden willkürlich agieren und durchführbare Maßnahmen wie etwa das Aufstellen von Schulzelten hinauszögern. Auch die UNHCR sei sehr verhalten tätig. Auf meine Frage, ob das bewusste Schikanen seien, antwortet Doro Blancke: „Es wirkt so.“ Offensichtlich werde hier eine Abschreckungspolitik verfolgt. Man wolle hässliche Bilder produzieren, damit sich nicht so viele Menschen auf den Weg nach Europa machen. Doch das hält Blancke für eine Fehleinschätzung: „Es landen laufend Boote auf Lesbos, eines davon mitten im Camp. In der Nacht kam ein Schlepperboot mit 35 Leuten, mit Kindern und Frauen an. In der Schneenacht ist ein Mensch auf einem Boot an Unterkühlung gestorben.“ Diese Strategie des Außengrenzschutzes sei nicht hinnehmbar: „Das ist die Fratze der EU.“

Die Flüchtlingshelferin erzählt, sie bemühe sich seit Wochen um ein großes Zelt für „Home For All“, wo die Menschen Hilfsgüter holen könnten. Es sei alles Nötige vorhanden, aber die Umsetzung sei nicht realisierbar. „Jetzt fahren wir mehrmals am Tag mit einem Van, in den wir ca. 50 Pakete hineinbekommen, zu Familien und Alleinreisenden, selbst bei strömendem Regen.“ Wenn der Sturm peitscht, würden diese ihr Zelt nicht aufmachen wollen, denn dann kämen Regen und Kälte hinein.

Es geht auch um die Würde Europas
„Das Dringlichste ist, dass wir uns zusammenschließen, uns gegenseitig tragen und Mut geben“, sagt Blancke auf meine Frage, wie man am besten helfen könne. Es sei jetzt wichtig, den Dialog mit den LandespolitikerInnen, den Bürgermeistern zu suchen, gemeinsam aufzustehen und laut zu sagen: „Bitte, so nicht!“ Es müsse sichtbar werden, dass die Stimmung in der Bevölkerung kippt und viele es nicht mehr hinnehmen, wie Menschenrechte mit den Füßen getreten werden. Es sei unsere gemeinsame Verantwortung, dafür zu sorgen, dass Hilfesuchende würdevoll behandelt werden. „Dabei geht es auch um unsere Würde.“ Doro Blancke tritt dafür ein, dass Österreich 100 Familien aufnimmt, dann kämen auch andere Länder unter Zugzwang. „Aber im Grunde gehört das ganze Camp sofort evakuiert.“

Alfred Jokesch

Verein „Flüchtlingshilfe“
Gemeinsam mit FreundInnen und Weggefährt­Innen hat Doro Blancke einen Verein gegründet. Website: doroblancke.at;
Spendenkonto: „Flüchtlingshilfe/refugee assistance – Doro Blancke“,
IBAN: AT93 3842 0000 0002 7516.


Gesamtes Interview


Doro Blancke ist seit Herbst im Flüchtlingscamp Kara Tepe auf der Insel Lesbos im Einsatz. Im Interview mit dem Sonntagsblatt erzählt sie von erschütternden Zuständen.

Wie ist die aktuelle Lage in Kara Tepe?
Schrecklich. Seit zwei Wochen regnet es beinahe täglich, zwischendurch hat es auch geschneit, in der Nacht hat es Minusgrade. Das Camp versinkt im Schlamm, es ist kalt und alles ist feucht. Die Leute leben in unbeheizten Zelten. Sie erwärmen sich einfach nicht mehr. Die meisten haben nur eine warme Jacke. Ganze Familien teilen sich neun Quadratmeter. Es gibt einmal am Tag ein gekochtes Essen, das aber nicht warm ist, weil es tiefgefroren aus Athen kommt. Es ist eine Katastrophe.

Wie viele Menschen sind dort zur Zeit?
Zurzeit befinden sich 7.500 Menschen im Camp, davon sind 2.500 Kinder. Es sind hauptsächlich Familien mit Kindern, dazu 1.200 Alleinreisende, viele sehr junge Menschen, die gerade einmal 18 sind, auch Frauen, die allein sind.

Wie sieht Ihre tägliche Arbeit aus?
Als Volunteers von „Home For All“, einer griechischen NGO, die seit Jahren effiziente Hilfe vor Ort leistet, verteilen wir täglich Nötigstes im Camp – Kleidung, Baby bags, Food bags, usw. Wir liefern das Essen für Hochschwangere, alte und kranke Leute, die sich nicht in der Food-Line anstellen können. Denn da steht man manchmal zwei bis drei Stunden mit der einzigen Jacke. Und wenn es da gerade schüttet, kommen sie ganz durchnässt heim. Wo sollen sie das trocknen?

Seit Wochen sprechen wir von einem großen Zelt im Camp für „Home For All“, wo die Menschen Hilfsgüter holen können. Es ist alles Nötige vorhanden, aber die Umsetzung ist nicht machbar. Jetzt fahren wir mehrmals am Tag mit einem Van, in den wir ca. 50 Pakete hineinbekommen, zu den Familien und Alleinreisenden.

Wie viele Hilfsorganisationen sind dort tätig?
Es gibt auf Lesbos einige, aber nur fünf bis sechs NGOs sind registriert und dürfen im Camp tätig sein. Es ist extrem mühsam mit der Bürokratie. Viele Ärzte können zwar Diagnosen stellen, haben aber zu wenig Medikamente. Es gibt NGOs, die Schulzelte aufstellen wollen, doch es wird mit Vorwänden hinausgezögert. Die Behörden agieren sehr willkürlich. Es weist alles darauf hin, dass man eine Abschreckungspolitik verfolgt.

Sind das bewusste Schikanen von den Behörden?
Es wirkt so. Bundeskanzler Kurz hat gesagt: „Ohne hässliche Bilder wird es nicht gehen.“ Diese hässlichen Bilder will man hier produzieren mit der Hoffnung, dass sich dann nicht so viele Menschen auf den Weg machen. Doch das ist eine totale Fehleinschätzung. Es landen hier laufend Boote, eines davon mitten im Camp. In der Nacht kam ein Schlepperboot mit 35 Leuten, mit Kindern und Frauen an. In der Schneenacht ist ein Mensch auf einem Boot an Unterkühlung gestorben. Diese Strategie des Außengrenzschutzes ist nicht hinnehmbar. Das ist die Fratze der EU.

Inzwischen machen sich viele Prominente dafür stark, dass Österreich Flüchtlinge aufnimmt. Glauben Sie, dass sich da etwas bewegen lässt?
Ich hoffe es. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht mit irgendjemandem telefoniere und um Unterstützung bitte. Gemeinsam mit FreundInnen und in Kontakt mit Innsbruck haben wir uns sehr bemüht, dass an vielen Orten in Österreich Zeltcamps für Moria wachsen (#WochenendeFürMoria). Die Bereitschaft der Zivilbevölkerung ist groß. Auch in Graz ist es wunderbar gelungen. Wichtig ist, dass wir jetzt im Dialog bleiben mit den Landeshauptleuten, LandesrätInnen und Bürgermeistern. Dann können wir, glaube ich, auch erreichen, dass die politische Stimmung kippt.

Da geben wir den Kampf nicht auf. Denn diese Unterbringung ist gegen europäisches und internationales Recht. Es gibt Standards, die hier nicht erfüllt werden. Die sanitären Anlagen sind eine Katastrophe. Es gibt erst seit drei Wochen 250 Warmwasserduschen. Sonst sind es immer noch Kübelduschen mit kaltem Wasser. Es gibt keine Bildung für die Kinder, keine Schulen, es gibt viel zu wenig Essen, viel zu wenig medizinische Betreuung – und das in Europa.

Bundeskanzler Kurz spricht immer von der Hilfe vor Ort. Gibt es die in der Realität?
(lacht) Innenminister Nehammer hat sich aufwändig filmen lassen mit einem Flugzeug mit 55 Tonnen Hilfsgütern. Von all den Sachen sind 100 beheizte Zelte auf Lesbos im Camp angekommen. 25 davon wurden im Corona-Quarantänebereich benützt, der allerdings jetzt leer steht, weil es derzeit keine Corona-Fälle gibt. Die anderen 75 wurden irgendwo eingelagert, man kann sie aber nicht benützen. Es gibt nur zwei Generatoren für das ganze Camp. Die Verwendung von Heizstrahlern ist verboten, damit das Stromnetz nicht zusammenbricht. Die anderen Hilfsgüter sind nie hier angekommen. Die Message, die von der Regierung verbreitet wird, stimmt einfach nicht.

Was können wir am besten tun, um zu helfen?
Das Dringlichste wäre, dass wir uns zusammenschließen, uns gegenseitig tragen und Mut geben. Vielen Menschen tut es wirklich im Herzen weh, was hier passiert. Sie stehen knapp davor, laut zu sagen: „Das wollen wir nicht mehr.“ Aber viele haben Angst, Einzelkämpfer zu sein. Deshalb ist es wichtig, sich zu vernetzen, gemeinsam Briefe zu schreiben an PoilitikerInnen oder Videos zu machen und zu teilen. Die Spendenbereitschaft ist sehr hoch. Gemeinsam mit der Zivilgesellschaft, einer Aktion vom „Wandel“, von „unser Bruck hilft“ und FreundInnen haben wir bisher 60 Tonnen Hilfsgüter hergebracht! Wesentlicher billiger und auch effizienter als mit der Antonov, mit der sich der Innenminister groß inszeniert hat. Jetzt bekommen wir von einer Firma 10.000 warme Decken.

Aber das Vorrangige ist, dass wir uns trauen, das Unrecht zu benennen. Dass wir aufstehen und sagen: „Bitte, so nicht!“ Es muss sichtbar werden, dass viele es nicht mehr hinnehmen, wie Menschenrechte mit den Füßen getreten werden. Es ist unsere gemeinsame Verantwortung, dass Hilfesuchende würdevoll behandelt werden. Dabei geht es auch um unsere eigene Würde.

Die Menschen werden hier gebrochen. Die Mütter weinen, es gibt viele depressive, psychosomatische Erkrankungen, Suizidversuche und Kinder, die sich die Haut wundkratzen, nicht nur, weil sie sich eingesperrt fühlen, sondern weil sie die Verzweiflung ihrer Eltern merken. Es wird hier Seele gebrochen. Es gibt in diesem Camp keinen gesunden Menschen mehr.

Das ganze Camp gehört evakuiert – eher gestern als heute. Man könnte die Leute zumindest ans Festland bringen. Aber man lässt sie einfach dort als abschreckendes Beispiel. Es deutet alles darauf hin, dass man die Botschaft senden will: Hier ist kein Platz! Kommt nicht, hier ist es furchtbar!

Wie ist es dazu gekommen, dass Sie sich in dieser Sache engagieren?
Ich bin schon sieben Jahre ehrenamtlich in dem Bereich tätig. Dann war der Brand in Moria, wo alle obdachlos geworden sind. Da konnte ich nicht mehr zuschauen. Ich habe versucht, Soforthilfe zu organisieren, bin hergefahren und hier hängen geblieben.

Dann hat sich viel entwickelt, alle Leute, die ich kenne, wollten helfen. Wir haben mit Bischof Hermann Glettler, Wolfgang Benedek und anderen einen Verein gegründet, da sind extrem viele Spendengelder eingegangen. Wenn ich, eingebettet in die liebende Gemeinschaft, in der ich bin, die Möglichkeit habe zu helfen, dann ist das auch Verantwortung, ein Auftrag. Birgit Hernady, Vorstandsmitglied unseres Vereins, ist mir dabei genauso wie Heidrun Primas und die anderen Vorstandsmitglieder eine große Stütze. Ich will nicht nur Decken verteilen, sondern auch Bewusstsein verändern.

Hier werden Seelen gebrochen, klagt Doro Blancke. Es gebe im Lager Suizidversuche, weinende Mütter, psychosomatische Erkrankungen unter Kindern, die sich die Haut wund kratzen, nicht nur weil sie sich eingesperrt fühlen, sondern auch weil sie die Verzweiflung ihrer Eltern spüren.
Babyfelle und Decken nimmt Doro Blancke (Bildmitte) von Spendern entgegen. Die Menschen in Kara Tepe leben bei Kälte und Regen in unbeheizten Zelten.
Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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