Welthaus
Kampf für ein gutes Leben aller
- Verwurzelt im Altiplano. In Boliviens ausgedehntem Hochplateau herrscht trockenes Klima. Wer, so wie diese Indigene aus dem Ort Curahuara de Carangas, im Hochland lebt, ist eng mit der Natur verbunden und abhängig von Erträgen aus der Tierzucht und dem Feldanbau.
- Foto: Welthaus Diözese Graz-Seckau
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Bolivien. Gewinnsucht zerstört Natur und Menschenleben und wirkt sich auf das Erdklima aus. Zwei Frauen kämpfen dagegen an.
In Harmonie leben: Ist es nicht das, was jeder möchte? Für sich, für die Familie und alle anderen, die man mag? Auch Águeda Colque möchte ein gutes Leben – für sich, ihr Volk und für die ganze Menschheit. Mit ihrer Kollegin Lenny Espinoza ist sie nach Österreich gekommen, um zu erzählen, wie sehr der Wald, das Wasser und die Menschen in ihrer Heimat leiden.
Gier. „Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier“, lautet ein Sprichwort, das zu dem passt, was in Bolivien passiert. Reiche Vorkommen an Lithium, Zinn, Wolfram oder Gold machen das Land begehrenswert für Hersteller von elektronischen Geräten. Um noch schneller an die Bodenschätze zu gelangen, setzen Konzerne im Bergbau Chemikalien ein und zerstören damit die Natur.
Als trauriges Beispiel für den von Profitgier getriebenen Bergbau nennt Ana Siegl-Batljan den Poopó-See. Die Welthaus-Mitarbeiterin hat 2025 Águeda, Lenny und deren Organisationen in Bolivien besucht. Einst sei der Salzsee in den Anden so groß wie Vorarlberg gewesen, sagt sie. Über Jahrtausende hinweg lebten dort indigene Völker und ernährten sich von Pflanzen und Tieren im und um das Wasser. Für das Volk der Uru etwa waren die Fische und die Eier der im Schilf nistenden Vögel Lebensgrundlage. Als der Bergbau zunahm und immer mehr Chemikalien, die zur schnellen Erzgewinnung eingesetzt wurden, die Flüsse verschmutzten, starb schließlich auch der See.
„Uru-Frauen sagten mir: ‚Wir fühlen uns wie Waisen ohne Mutter, ohne Vater. Es ist einfach alles weg‘“, erzählt die Bildungsreferentin der entwicklungspolitischen Organisation von ihrer Bolivien-Reise. Heute versuchen Uru-Frauen, sich mit dem Verkauf von Kunsthandwerk eine neue Lebensgrundlage zu schaffen. Auch wenn sie Einkommen generieren – ihr angestammter Lebensraum ist unwiederbringlich fort.
- (v. l.): Welthaus-Bildungsreferentin Ana Siegl-Batljan mit Lenny Espinoza und Águeda Colque aus Bolivien und Spanisch-Dolmetscherin Marie-Theres Gruber im Innenhof des Grazer Priesterseminars.
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Verantwortung. „Uns muss bewusst sein: In vielen Technologien stecken Mineralien, deren Abbau anderswo Leben zerstört. Wir müssen uns immer fragen: Woher kommt das, was ich benutze?“ Mit jedem neuen Mobiltelefon, das man nicht braucht, sondern nur haben will, wachse anderswo das Leid, sagt Águeda. „Wir Indigene wollen ja nicht, dass nichts mehr abgebaut wird. Aber wir fordern, dass Ressourcen verantwortungsvoll genutzt werden“, erklärt sie. „Wird weniger gekauft, wird weniger produziert. Deshalb ist mein Appell: Kauf nur das, was du auch wirklich brauchst.“
Neben ihren Bildungsreisen, wie der durch Österreich, arbeitet Águeda Colque auch mit Betroffenen in Lateinamerika. Im Rahmen der mit Spenden aus der Sternsingeraktion unterstützten Organisation ISALP schult sie andere AktivistInnen und bildet Bündnisse. Sie trifft sich auch mit Indigenas aus Paraguay und Argentinien, um Forderungen an die Regierungen zu verfassen.
Feine Antennen. Wer Umweltaktivismus in Lateinamerika mitverfolgt, weiß, dass er stark von Indigenen wie Águeda betrieben wird. Lenny Espinoza, die Gemeinden im Kampf um ihre Rechte unterstützt, erklärt, warum: „Die ansässige Bevölkerung lebt oft abseits von Infrastruktur. Wenn es in ihrem Lebensraum im Wald plötzlich 40 Grad heiß ist, müssen Indigene natürliche Ressourcen finden, um sich abzukühlen. Wir in der Stadt schalten hingegen einfach den Ventilator ein. Durch ihre unmittelbare Lebensweise sind Indigene am Klimawandel näher dran. Sie sehen, wann Tiere mehr einsammeln, und wissen: Bald kommt der Winter. Während wir auf Medien und ihre Wetterprognosen angewiesen sind.“ Weil sie mit der Natur leben, nehmen sie die Folgen des Klimawandels früher wahr. „Indigene Gemeinschaften leben im Rhythmus mit der Natur, während wir versuchen, ihr unseren Rhythmus aufzuzwängen“, sagt Lenny. In ihrer Arbeit unterstützt sie andere dabei, politisch aktiv zu werden. In einigen Ländern Lateinamerikas hat das bereits gefruchtet: So sind die Rechte Indigener in der Verfassung Boliviens verankert, und Brasilien hat sogar ein Ministerium für indigene Völker (siehe dazu den Film Yanuni, rechts).
Zum Wohle aller. „Qhari, Warmi, Yanantin“: Darauf basiere das Zusammenleben ihres Volkes, sagt Águeda Colque. In ihrer Sprache Quechua heißt das so viel wie „Mann, Frau, alle sind eins“. Weil nicht die Selbstverwirklichung des Einzelnen im Vordergrund stehe, sondern ein gutes Leben in Gemeinschaft, gelte ihr Kampf um Mutter Erde allen Menschen, die auf ihr leben. Aus diesem Grund nennt Águeda ihr Projekt auch „K’acha Kausakunapaq“, Leben in Harmonie.
Anna Maria Steiner
Kinokarten zu gewinnen!
Für den Film über den Kampf einer Indigenen in Brasilien, der ab 24. April auch im KIZ RoyalKino in Graz (Conrad-von-Hötzendorf-Straße 10) zu sehen ist (kizroyalkino.at), verlosen wir
2 x 2 Karten. Schicken Sie bis 5. Mai Ihren Namen und das Kennwort „Yanuni“ an
redaktion@sonntagsblatt.at
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Im Gespräch
Ana Siegl-Batljan ist Welthaus-Bildungsreferentin und besuchte 2025 Bolivien.
- Ana Siegl-Batljan ist Welthaus-Bildungsreferentin und besuchte 2025 Bolivien.
- Foto: Welthaus Diözese Graz-Seckau
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Voneinander lernen
Frau Siegl-Batljan, wie ist Bolivien?
Das Land ist 13-mal so groß wie Österreich und reich an Kupfer-, Gold- und Zinnvorkommen. In 4000 Metern Höhe grasen Alpakas, und es gibt den Gran Chaco, den zweitgrößten Wald Lateinamerikas. Der ist zwar trockener als der Amazonas, doch Lebensgrundlage für indigene Völker. Sie machen etwa die Hälfte der zwölf Millionen Menschen im Land aus und sprechen in 36 Sprachen.
Worin bestehen die größten Unterschiede zum Leben in Europa?
Bei uns können sich Einzelpersonen gut entfalten, Individualismus ist großgeschrieben. Im Gegensatz dazu steht für Indigene die Gemeinschaft im Vordergrund. Es wird gemeinsam angebaut, und Männer und Frauen leiten als Paar die Dorfgemeinschaften. Auch dass die Menschen so spirituell sind, finde ich schön. Oft bittet man Pachamama (Mutter Erde) um Kraft. Bevor man einen Berg besteigt, fragt man sie um Erlaubnis, oder vor einem Gespräch erbittet man von ihr gute Energie.
Wie unterstützt Welthaus hier?
Im Rahmen des Projektes „Begegnung mit Gästen“, das die ADA, die österreichische Agentur für Entwicklungszusammenarbeit, finanziert, laden wir jedes Jahr vier Personen, die entwicklungspolitisch in ihrer Heimat tätig sind, nach Österreich ein. Águeda und Lenny arbeiten in Projekten, die von der Dreikönigsaktion (DKA) unterstützt werden. Durch Workshops, Vorträge, vor allem aber durch Begegnung auf Augenhöhe wollen wir voneinander lernen.
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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