Leben leben lassen | Teil 04
Gewalt betrifft uns alle

Gewalt ist oft sehr weit weg von uns – und gleichzeitig überaus nahe. | Foto: Wodicka
  • Gewalt ist oft sehr weit weg von uns – und gleichzeitig überaus nahe.
  • Foto: Wodicka
  • hochgeladen von SONNTAGSBLATT Redaktion

 

Gar nicht selten spucken Menschen auf Babys in Kinderwägen von Asylwerberinnen. Und noch viel öfter erleiden Frauen Gewalt in Beziehungen. Doch Vorsicht: Nicht bloß Kinder und Frauen sind Gewalttätigen ausgesetzt. Wir alle sind vielleicht Opfer – und Täter.

Gewalt zu beschreiben fällt Mag. Gerhard Baldauf nicht leicht. In seinen Beratungen bei der Telefonseelsorge der Diözese begegnet ihm das Thema immer wieder. Dabei nimmt er vor allem auch sehr subtile Formen von Gewalt wahr: „Ich entdecke immer wieder Gewalt, die man nicht greifen kann.“ Es sei uns oft nicht bewusst, was jeder Einzelne mit bestimmten Grundhaltungen und Ideologien an Gewalt auslöse, betont er.

Natürlich gibt es auch strukturelle Gewalt, am Arbeitsplatz zum Beispiel: „Diese Art von Gewalt nimmt man jedoch oft nicht als solche wahr, sondern man nennt sie Schicksal.“ Manchmal tue man sich auch selbst Gewalt an, meint er und denkt dabei an Menschen, die krampfhaft an Beziehungen festhalten, in denen sie Brutalität und Erniedrigung erleiden. Auch Abhängigkeit fördert Gewalt. Sehr oft spiegeln sich aber mehrere Realitäten in einer Person. Gerhard Baldauf fragt sich nämlich immer wieder: „Ist jemand nur Täter, oder nicht auch zugleich Opfer?“ Vor allem bei Männern beobachte er, dass sie aus ihrer Hilflosigkeit fliehen wollen, mit ihrer Aggression nicht konstruktiv umgehen können und gewalttätig werden: „Dabei sehnen sie sich ja vielleicht nach Geborgenheit.“ Und sind in ihrer Kindheit nicht selten selbst geschlagen worden.

Opfer von sexuellem Missbrauch aus allen Gesellschaftsschichten melden sich vermehrt bei der Telefonseelsorge. „Weil das Thema in der Gesellschaft mittlerweile schon sensibler wahrgenommen wird“, sagt Baldauf. Und auch die Zahl der allein erziehenden Anruferinnen steigt.

Um großteils allein erziehende Asylwerberinnen kümmert sich auch Mag. Christina Kölbl, die Leiterin des Caritas-Frauenhauses in Graz. Auch deren Gewalterfahrungen seien vielfältig, sagt sie: indirekt, direkt, politisch bedingt, familiär oder aus Traditionen heraus. Nicht selten seien auch ihre Kinder Zeugen oder Opfer von Gewalt – oder gar Produkt eines Gewaltaktes.

Christina Kölbl hilft daher auch vielen Müttern, die vergewaltigt wurden, eine gute Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen. Schwierig fällt ihr der Zugang zu Frauen, die traditionsbedingt Gewalt erlitten: „Diesen Frauen wurden Traditionen wie Beschneidung oder Zwangsverstümmelung nämlich als Normalität vermittelt.“ Und auch, wenn Frauen Brutalität in der Familie oder Partnerschaft erlitten, stößt Christina Kölbl manchmal auf wenig Bewusstheit: „Da prallen dann unterschiedliche Werthaltungen aufeinander. Denn viele Frauen suchen ihre Fehler bei sich selbst.“

Die Formen der Bewältigung von Gewalt sind wiederum sehr unterschiedlich: „Eine Frau rief durch eine Pressekonferenz Medieninteresse für ihr Schicksal hervor, andere fallen in Lethargie.“

Und nicht zu vergessen: Auch in Österreich endet die Gewalt gegenüber diesen Frauen nicht. „Asylwerberinnen sind von vornherein diskriminiert bei uns“, betont Kölbl.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Powered by PEIQ