Interview - Kardinal Kurt Koch
Die „versöhnte Verschiedenheit“ ist ein Ziel

Als Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen trägt Kardinal Kurt Koch in der katholischen Kirche Verantwortung für den ökumenischen Dialog.
  • Als Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen trägt Kardinal Kurt Koch in der katholischen Kirche Verantwortung für den ökumenischen Dialog.
  • Foto: Neuhold
  • hochgeladen von SONNTAGSBLATT Redaktion

Kardinal Kurt Koch war anlässlich des 25-Jahr-Jubiläums der Zweiten Europäischen Ökumenischen Versammlung, die im Juni 1997 in Graz stattfand, zu Gast in der Steiermark. Dabei gab er dem Sonntagsblatt ein Interview.

Die Ökumenische Versammlung in Graz war ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg der Aussöhnung und Annäherung zwischen den Kirchen. Welche Impulse sind von dort ausgegangen?
Es ist die erste Ökumenische Versammlung gewesen, an der nach dem Fall des Kommunismus auch die Ostkirchen teilnehmen konnten. Dies war sehr positiv; doch die Diskussionen habe ich als nicht ganz leicht
in Erinnerung. Ein wichtiger Impuls, der später realisiert werden konnte, ist die „Charta Oecumenica“, die von der Konferenz Europäischer Kirchen und dem Rat der Europäischen Bischofskonferenzen in Strassburg 2001 gemeinsam unterzeichnet worden ist.

Daneben wurden auf lokaler Ebene verschiedene Initiativen ins Leben gerufen.
Dies zeigt, dass Graz ein fruchtbares Ereignis gewesen ist. Was ich auch als positiv in Erinnerung behalten habe, war die breite und frohe Teilnahme von vielen Gläubigen,
die für die Atmosphäre der Veranstaltung wichtig gewesen ist.

Welche Entwicklungen hat es in der Zwischenzeit gegeben? Welche Fortschritte können benannt werden?
Dies hängt davon ab, mit welchem ökumenischen Partner man es zu tun hat. Eine bedeutende Entwicklung nehme ich im rasanten Anwachsen von evangelikalen und pentekostalen Bewegungen wahr. Sie sind heute zahlenmässig die zweitgrößte Realität nach der Katholischen Kirche. Man muss von einer Pentekostalisierung des Christentums heute reden.

Sind diese Gemeinschaften in den ökumenischen Dialog eingebunden oder bringen sie sich ein?
Es gibt pentekostale Bewegungen, die den Dialog mit uns wünschen; es gibt aber auch solche, die keinen Dialog wollen, sondern Mitglieder aus anderen Kirchen abwerben. Man kann aber nur einen Dialog mit solchen führen, die einen haben wollen. Man kann niemandem einen Dialog aufzwingen; dies wäre bereits das Ende des Dialogs.

Es ist wahrscheinlich nicht so einfach, da einen Ansprechpartner zu finden?
Ja, diese Gemeinschaften sind sehr plural, es gibt verschiedene Gruppierungen. Da stellt sich immer wieder die Frage, wer für wen sprechen kann.

Worauf kommt es an, ob unterschiedliche Glaubensauffassungen oder -praktiken kirchentrennend sind oder nicht?
Die Frage stellt sich, was Einheit in Vielheit bedeutet. Wir suchen die Einheit, aber keine Uniformität. Eine militärische Kompanie, bei der alle beim Exerzieren dasselbe Gesicht, nämlich die Gasmaske, haben, kann gewiss kein Vorbild für die Einheit der Christen sein. Aber ein unverbundener Pluralismus, bei dem jede Einheit verdächtigt wird, ist das andere Extrem. Blaise Pascal hat in seinen „Pensées“ die Überzeugung geäußert: Einheit, die nicht von Vielheit abhängt, ist Tyrannei; und Vielheit, die nicht von Einheit abhängt, ist Anarchie. Auch in der Ökumene müssen wir immer wieder einen Weg zwischen Tyrannei und Anarchie suchen.
Dies bedeutet, dass es auch bei den Artikulationen des Glaubens eine Vielfalt geben kann, sofern sie nicht kirchentrennend sind. Für uns Katholiken ist insofern die heute viel besprochene Formel einer „versöhnten Verschiedenheit“ eine Zielbestimmung des ökumenischen Weges in dem Sinne, dass wir auf eine Einheit zugehen, in der die Differenzen versöhnt sein werden. Viele verstehen freilich unter dieser Formel bereits eine Beschreibung der Gegenwart. Dieser Interpretation kann ich aber nicht zustimmen.

Am Ökumenischen Kirchentag in Deutschland im Vorjahr wurde sehr offensiv die gegenseitige Einladung zum Abendmahl praktiziert. Ist dafür die Zeit schon reif?
Nein, ich denke nicht, dass die Zeit bereits reif ist. Das Votum, das dazu erarbeitet worden ist, blendet zu viele Dimensionen aus, die für das katholische Glaubensbewusstsein konstitutiv sind. Zudem finde ich es in ökumenischer Sicht nicht adäquat, wenn diese Frage allein bilateral zwischen Katholiken und Protestanten besprochen wird. Auch Deutschland ist heute kein bikonfessionelles Land mehr; es leben dort auch zunehmend viele Orthodoxe und Orientalisch Orthodoxe Christen. Gerade bei der glaubenssensiblen Frage der Eucharistiegemeinschaft darf man die Ostkirchen nicht außen vor lassen.

Sehen Sie eine zeitliche Perspektive, bis wann eine Abendmahlsgemeinschaft erzielt werden kann?
Die zeitliche Perspektive hängt von der inhaltlichen ab. Ich kann dabei nur über die inhaltliche sprechen. Für die Katholische und erst recht für die Orthodoxe Kirche kann es ohne Kirchengemeinschaft keine Eucharistiegemeinschaft geben. Die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre, die 1999 in Augsburg vereinbart worden ist, ist ein wichtiger Schritt gewesen; doch darin ist auch festgehalten, dass die Konsequenzen für das Kirchenverständnis noch nicht gelöst sind. Deshalb habe ich den Vorschlag unterbreitet, dass wir uns auf den Weg machen sollten zu einer neuen gemeinsamen Erklärung über
Kirche, Eucharistie und Amt, und zwar in ihrer unlösbaren Zusammengehörigkeit.
Ein solches Unternehmen aber braucht viel theologische Arbeit und deshalb auch Zeit.

Sie haben in Ihrem Vortrag gesagt, dass es keine wirkliche Einigung darüber gibt, was das Ziel der Einheit ist. Worin sehen Sie aus katholischer Sicht das Ziel der ökumenischen Bewegung?
Dass es noch keine gemeinsame Vorstellung des ökumenischen Ziels gibt, hat darin seinen Grund, dass jede Kirche ihre eigene Vorstellung von der Einheit ihrer Kirche hat und diese Vorstellung dann auf das Ziel der Ökumene überträgt. Von daher haben wir so viele Einheitsvorstellungen wie Kirchenverständnisse. Deshalb ist es wichtig, miteinander ins Gespräch darüber zu kommen, was Kirche ist.

Für die Katholische Kirche besteht das ökumenische Ziel in der Einheit im Glauben, in den Sakramenten und in den Ämtern. Dies bedeutet, dass Eucharistiegemeinschaft Bekenntnisgemeinschaft voraussetzt. Nur wenn wir den gemeinsamen Glauben teilen, können wir auch die Intensivform des Glaubens, nämlich die Eucharistie, glaubwürdig feiern. Wir müssen uns deshalb immer wieder fragen, was es bedeutet, Eucharistie zu feiern.
Im eucharistischen Hochgebet werden drei Formen von Gemeinschaft bezeugt, die für das katholische Verständnis konstitutiv sind: die communio ecclesiae: wir feiern die Eucharistie in Einheit mit dem Ortsbischof und dem Papst als dem Bischof von Rom; die communio sanctorum: wir feiern die Eucharistie in Gemeinschaft mit der vollendeten Kirche der Heiligen; und die communio mortuorum: wir feiern die Eucharistie in der Gemeinschaft mit den Verstorbenen. Über diese drei Dimensionen gibt es noch großen ökumenischen Gesprächsbedarf. Denn die Gemeinschaft in den Sakramenten setzt Gemeinschaft im Glauben und die Anerkennung der Ämter voraus. Die letztere dürfte wohl die schwierigste Frage sein.

Ist das Amt des Papstes dabei ein unüberbrückbares Hindernis?
In katholischer Sicht kann es keine Einheit am Amt des Papstes vorbei geben. Deshalb muss die Frage besprochen werden, welche Aufgabe dem Papst in einer wiedergewonnenen Einheit zukommen wird. Dies wird gewiss nicht in allem dieselbe Rolle sein, die er in der römisch-katholischen Kirche heute ausübt. Diese Frage besprechen wir vor allem im internationalen theologischen Dialog mit den Orthodoxen, bei dem das Hauptthema im Verhältnis zwischen Synodalität und Primat besteht. Dabei müssen wir uns auch daran erinnern, dass in den frühen Jahrhunderten der Kaiser eine bedeutende Rolle gespielt hat. So ist beispielsweise das Erste Ökumenische Konzil in Nizäa im Jahre 325 von Kaiser Konstantin einberufen worden. Heute haben wir keinen Kaiser mehr – und es sind nur sehr wenige, die einen Kaiser vermissen. Dann jedoch stellt sich die Frage, wer in der wiedergewonnenen Einheit der Christen diese indispensable Rolle übernehmen soll. Gemäß katholischer Überzeugung kann dies nur der Nachfolger des Petrus, der Bischof von Rom sein.

Wir leben in einer Zeit gewaltiger globaler Veränderungen und Herausforderungen. Momentan scheinen der Krieg in der Ukraine und die Pandemie das wichtige Thema der bedrohlichen Erderwärmung zu überschatten. Wie sehen Sie die Rolle der Kirche in einer solchen Zeit der Umwälzungen?
Man muss unbedingt noch das Flüchtlingsproblem und die Hungerkrise vor allem in den armen Ländern, die durch den Krieg in der Ukraine nochmals dramatisch verschärft wird, hinzunehmen. Es ist gewiss Aufgabe der Kirche, diese Herausforderungen beim Namen zu nennen und im Licht des Glaubens zu betrachten, um den Menschen in allen diesen schwierigen Situationen einen Halt im Glauben geben zu können. Es ist jedenfalls höchste Zeit, an Gott zu denken und ihn zu verkünden. Gewiss will Gott die großen Herausforderungen der Förderung des Friedens und der Gerechtigkeit, des Schutzes der Schöpfung und der Versöhnung in der heute so unversöhnten Welt durch unsere Verantwortung wahrnehmen. Wir können sie aber nur in unsere Hand nehmen in der Gewissheit, dass letztlich die ganze Welt in der guten Hand Gottes geborgen ist. Diese Zuversicht in die Transzendenz Gottes scheint mir elementar wichtig, um den notwendigen langen Atem nicht zu verlieren und den Menschen Hoffnung zu geben.

Interview: Alfred Jokesch

Fortsetzung folgt …
Kardinal Kurt Koch nahm auch zum Krieg in der Ukraine und zur Rolle, die der Russisch Orthodoxe Patriarch Kyrill darin einnimmt, Stellung. Lesen Sie diesen Teil des Interviews in der nächsten Ausgabe des Sonntagsblatts.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Powered by PEIQ