Tschernobyl
Die schwarze Nacht und ihre Folgen
- Trompetender Engel auf der Gedenkstätte am „Friedhof der Liquidatoren“. Als solche werden Menschen bezeichnet, die während und nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl bei der Eindämmung des Unglücks halfen, um die ionisierende Strahlung zu „liquidieren“ (beseitigen).
- Foto: Inna Dudnik/wcm
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Tschernobyl. Vor 40 Jahren, in der Nacht auf den 26. April 1986, ereignete sich auf dem Gebiet der heutigen Ukraine ein AKW-Unfall, die bislang schwerste Reaktor-Katastrophe der Geschichte.
Ich war im Park mit meinem Kind“, erinnert sich Rosalia an jenen Tag, an dem sie erstmals von der Katastrophe im sowjetischen Atomkraftwerk (AKW) in Tschernobyl hörte. Mit ihrem siebenjährigen Sohn habe sie fortan die Sandkisten der Grazer Spielplätze gemieden. Im Süden Österreichs denkt auch Hans zurück. „Ich war grad HTL-Schüler“, erzählt der heute 58-Jährige. Er und seine Klassenkollegen hätten im Mathematik-Unterricht in den Wochen nach dem Reaktor-Unfall vor allem Berechnungen zur Halbwärtszeit anstellen müssen. Praxisnaher Unterricht infolge eines GAU – des Größten Anzunehmenden Unfalls in einem Atomkraftwerk. Was war geschehen?
GAU in Block 4. Wer um die 50 oder älter ist, erinnert sich meist gut an den 26. April 1986, oder besser: an die darauffolgenden Tage und Wochen. Denn unmittelbar nach der Katastrophe im Gebiet der damaligen Sowjetrepublik (UdSSR) drangen kaum Informationen nach draußen. Der Unfall, der die Welt erschütterte, geschah in der Nacht vom 25. auf den 26. April 1986. „In einem Kernkraftwerk in Tschernobyl in der Ukraine, 120 km nördlich von Kiew“ ereignete sich „der bisher schwerste Unfall in der Geschichte der friedlichen Nutzung der Kernenergie“, schrieb das Umweltbundesamt Österreichs in einem im November 1986 herausgegebenen Bericht. Bei einem geplanten Sicherheitstest zur Notstromversorgung explodierte Block 4 des AKW. „Verheimlichte Mängel des sowjetischen Reaktortyps RBMK und eine ahnungslose Mannschaft, die falsche Entscheidungen traf, führten zur Katastrophe“, resümierte ZDF online 2023.
Im Dienst für andere. Am 29. April war, laut Umweltbundesamt-Bericht, auch Österreich „von Luftmassen aus dem Unfallgebiet erreicht“ worden, und Niederschlag habe das radioaktive, wasserlösliche Cäsium-137 in österreichische Böden geschwemmt. Während die Menschen hierzulande den Aufenthalt im Freien auf ein Minimum reduzierten, von Schwammerlsuche Abstand nahmen und jeden Regenguss sorgenvoll beäugten, schickte die UdSSR Menschen aufs Gelände des havarierten Atommeilers.
- Das Kernkraftwerk Tschernobyl im Norden der heutigen Ukraine. 1978 ging der erste Reaktorblock in Betrieb, 2000 wurde der letzte verbliebene außer Betrieb genommen. Fortlaufend wird das AKW rückgebaut.
- Foto: Andrzej Karoń/wcm (2009)
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Geld und Anerkennung. Neben Tschernobyl-Bediensteten zog die Sowjet-Regierung zunächst Personal aus der Weißrussischen, der Ukrainischen und der Russischen Sowjetrepublik zusammen, später auch aus dem gesamten Staatsgebiet der UdSSR: Soldaten, Reservisten, Zwangsverpflichtete – nicht alle unter den zwischen 600.000 und 800.000 vermuteten Arbeitskräften hatten ihre Tätigkeit in und um Tschernobyl frei gewählt. Umgekehrt sollen sich auch Freiwillige gemeldet haben. Wer sich nach dem Unfall an der Reinigung des AKW und seiner Umgebung beteiligte oder am Bau des Sarkophags – der Schutzglocke aus Stahl, die verhindern sollte, dass aus dem zerstörten Reaktorblock noch mehr radioaktive Partikel austraten –, bekam eine Medaille, auf der ein Blutstropfen abgebildet war.
Über die sogenannten „Liquidatoren“ (dt. Beseitiger), die vom Dach des benachbarten Reaktorblocks 3 den stark strahlenden Schutt des explodierten Reaktorblocks 4 entfernten, schreibt der als „Tschernobyl-Fotograf“ bekannt gewordene Rumäne Igor Kostin: „Sie durften wegen der hohen Strahlung nur für 40 Sekunden auf das Dach, warfen eine Schaufel Schutt hinunter und kamen wieder zurückgerannt. Sie bekamen eine Urkunde, 100 Rubel (heute umgerechnet einen Euro) und wurden weggeschickt.“
Indes habe man an der Technischen Universität (TU) in Graz „bereits sehr schnell damit begonnen, Lebensmittel zu kontrollieren“, sagt Ewald Plantosar (l. Spalte), der 1986 an der TU Physik studierte. Tag und Nacht habe man Strahlenwerte gemessen und aufgrund der Ergebnisse bestimmte Nahrungsmittel aus dem Verkehr gezogen, erinnert sich der Leiter vom Referat Lärm- und Strahlenschutz des Landes Steiermark zurück. So sei vorsichtshalber „tonnenweise“ Milch entsorgt worden, und Weide-Verbote wurden erlassen. „Dadurch konnte sehr viel für die Bevölkerung getan“ und Menschen geschützt werden – vor radioaktiven Stoffen, die in die Atmosphäre aufstiegen, als Regen bis nach Österreich kamen und in die Böden sickerten.
Die Gefahr, dass sich Tschernobyl wiederholen könnte, sieht Plantosar, räumt aber ein: „Das Problem, das man in Europa derzeit hat, sind die AKW-Laufzeitverlängerungen.“ Weil Neubau und Bewilligungsverfahren von Atomkraftwerken langwierig und teuer seien, würden AKW-Betreiber Laufzeitverlängerungen anstreben. Bei Genehmigung sind die auf 40 Jahre ausgelegten AKWs dann weitere zehn bis 20 Jahre in Betrieb. Auch beim slowenischen Kernkraftwerk Krško sei das der Fall. Die Überalterung stelle, so Plantosar, jedoch ein Sicherheitsrisiko dar, denn: Der Motor der gesamten Anlage, der Reaktor, könne nicht erneuert werden.
- Vergessene Helden. Bilder von „Liquidatoren“ im Tschernobyl-Museum in Kiew (2011).
- Foto: KNA
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Beteiligung wirkt. Das Instrument, das BürgerInnen dagegen in der Hand hätten, sei die Beteiligung bei Umweltverträglichkeitsprüfungen (UVP). AKW-Betreiber könnten damit dazu gezwungen werden, erneuerte Sicherheitskonzepte einzuführen. Bestehende Kernkraftwerke würden dadurch sicherer. Und an noch etwas erinnert der Strahlenschutzbeauftragte: an die Verhinderung der Inbetriebnahme des AKW Zwentendorf in Niederösterreich. „Das Kernkraftwerk war praktisch einschaltbereit“, erzählt Ewald Plantosar, der kürzlich mit Studierenden das bislang einzige fertig gebaute, aber erfolgreich verhinderte AKW in Österreich besichtigte. Mit einer knappen Mehrheit in der Volksabstimmung hatte sich die österreichische Bevölkerung 1978 gegen eine Inbetriebnahme entschieden.
Anna Maria Steiner
Gebet für die Opfer von Tschernobyl: So., 26. April, Pfarre Graz-Karlau: nach der Liturgie der ukrainischen griechisch-katholischen Gemeinde um 13 Uhr.
Im Gespräch
Ewald Plantosar ist Strahlenschutzbeauftragter des Landes Steiermark.
Zivilschutz heute
Herr Dr. Plantosar, ist die Steiermark auch 40 Jahre nach Tschernobyl noch „verstrahlt“?
Was das Gesundheitsrisiko anbelangt, ist Tschernobyl für uns praktisch vorbei. Zwar ist Cäsium noch messbar, aber aufgrund seiner Halbwertszeit von 30 Jahren ist aktuell weniger als die Hälfte von dem in Böden nachweisbar, was seinerzeit in Österreich als Regen niederging. Der Rest ist zerfallen. Lebensmittel werden zwar noch kontrolliert, aber laut der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) besteht keine Gefährdung mehr – außer vielleicht, man isst jeden Tag Schwammerln und Wild.
Österreich besitzt kein AKW. Sind umliegende gefährlich?
Um uns gibt es aktuell neun Kernkraftwerke mit 20 Reaktorblöcken in weniger als 200 km Entfernung zur Staatsgrenze. Zu einem gleich gearteten Unfall wie in Tschernobyl vor 40 Jahren kann es bei diesen AKWs nicht kommen, weil deren Bauart anders ist.
Wie können wir uns schützen?
In Österreich kann man sich auf ein engmaschiges Netz verlassen, das die Bevölkerung bestmöglich schützt. Sollte es zu einem schweren Unfall kommen, was unwahrscheinlich ist, werden sofort Schulen geschlossen und Kaliumjodid-Tabletten ausgegeben. Jede Gemeinde hat davon ein Kontingent für alle, die sich damit nicht schon vorab eingedeckt haben. Zusätzlich gäbe es sofort Lebens- und Futtermittelkontrollen. Durch Frühwarnsysteme sind wir viel besser vorbereitet als 1986.
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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