Christentum - Ein Reiseführer - Etappe 007
Die Heilige Schrift verstehen lernen

Der heilige Hieronymus (347–419), der größte Bibelgelehrte der Antike, ist der Schöpfer der 
Vulgata, einer bedeutenden Bibelübersetzung ins Lateinische.
  • Der heilige Hieronymus (347–419), der größte Bibelgelehrte der Antike, ist der Schöpfer der 
Vulgata, einer bedeutenden Bibelübersetzung ins Lateinische.
  • Foto: Bild: Marinus Claesz van Reymerswaele
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Wege der Schriftauslegung

Die Bibellektüre wurde vor allem in Klöstern gepflegt. Neben dem Umstand, dass die Klöster Orte der Bildung und der Forschung waren, hatten sie den Vorteil, dass viele ihrer Mitglieder lesen bzw. (ab)schreiben konnten. Ihnen sind die zahllosen kostbaren Bibelhandschriften zu verdanken, die bis heute zu den großen Kulturschätzen des Abendlandes gehören.

Die reformatorischen Bewegungen erkannten ausschließlich die Bibel als Autorität an und sprachen dem kirchlichen Lehramt seine Hoheit über die Schriftauslegung ab. Dagegen verwies die katholische Kirche seit dem Konzil von Trient darauf, dass die göttliche Wahrheit nicht allein in der Schrift, sondern in der Verbindung von Schrift und Tradition zu finden sei.

Während im evangelisch-protestantischen Milieu die tägliche Bibellektüre von Anfang an als Pfeiler der persönlichen Frömmigkeit gewertet wurde, hatte das katholische Lehramt lange Zeit einer Publikation von Bibeln in der Landessprache kritisch bis ablehnend gegenübergestanden. Es ist der Verdienst der Bibelbewegung, die von Klosterneuburg und Maria Laach gemeinsam mit der liturgischen Erneuerung zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausging, den Stellenwert der Heiligen Schrift im katholischen Bereich bewusst gemacht zu haben.

Traditionelle Methoden

Vorab war bereits im 19. Jahrhundert ein neues historisch-kritisches Interesse an den biblischen Texten entstanden. Zuerst von protestantischer Seite, mehr und mehr aber auch von katholischer, wurden die Entstehungsgeschichte des Neuen und Alten Testaments einer kritischen Prüfung und Hinterfragung unterzogen.

Die historisch-kritische Schriftauslegung sucht den ursprünglichen Kern der Überlieferung herauszuschälen. Sie will sprachliche und sachliche Unstimmigkeiten im Text aufzeigen und fragt nach den verschiedenen Entwicklungsstufen und Bearbeitern (Literarkritik).

In der Überlieferungskritik sucht sie, vorschriftliche Stadien zu rekonstruieren sowie Entwicklungen nach ihrer Verschriftlichung (Quellen- bzw. Redaktionskritik) aufzuzeigen.

In der Form-, Gattungs- und Redaktionskritik werden geprägte sprachliche Formen und inhaltliche Elemente, Motive, Bilder untersucht sowie auf ihren historischen Ort hin analysiert.

In der katholischen Kirche hat die historisch-kritische Methode erst 1943 mit der Enzyklika »Divino afflante Spiritu« von Pius XII. offiziell Einzug gehalten. Ihr ist es zu verdanken, dass ein den wissenschaftlichen Anforderungen genügendes Verständnis der Schrift zugelassen werden kann, anders als dies mit einer rein wörtlichen und romantisch-verklärten Vorstellung möglich wäre. Das Bekenntnis zur Erschaffung der Welt in sieben Tagen ist beispielsweise nicht wörtlich zu verstehen. Vielmehr wird die Tatsache betont, dass es sich hierbei auch um mythologische Vorstellungen und Urbilder handelt, die zeitlos gültige Erfahrungen von Menschen transportieren und in jeder Epoche neu gelesen und verstanden werden wollen.

Dies wird freilich nicht von allen christlichen und jüdischen Glaubensrichtungen geteilt. Erinnert sei etwa an den religiösen Fundamentalismus der Siedler in Israel, die mit Verweis auf das erste Kapitel des Buches Josua und auf den „Befehl zur Besetzung des Westjordanlandes“ eine wörtliche Auslegung der Schrift für politische Zwecke missbrauchen. Erinnert sei an Sekten wie die „Zeugen Jehovas“ oder den protestantischen Fundamentalismus, dessen Untergruppierungen sich häufig durch ein wörtliches Verständnis der Schrift profilieren und jegliches historisch-kritische Herangehen konsequent ablehnen – etwa in Fragen der Evolutions-
theorie.

Dabei kannte die Kirche schon sehr früh Differenzierungen in der Auslegung, etwa in der Lehre vom vierfachen Schriftsinn.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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