Konzil
Der Hecht im Karpfenteich

Die Hildesheimer Diözesansynode, auf der am 13. Mai 1968 erstmals in Deutschland auch Laien waren. | Foto: KNA
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  • Die Hildesheimer Diözesansynode, auf der am 13. Mai 1968 erstmals in Deutschland auch Laien waren.
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Mensch vor Amt. Am 8. Dezember vor 60 Jahren endete das Konzil. Mit seinem „Laienapostolat“ prägte es Ferdinand Klostermann maßgeblich mit.

Schaut über den Tellerrand hinaus. Lest Literatur, denn dort kommt das Leben der Menschen vor. Beschäftigt euch mit Psychologie. Vor allem aber: Geht in Begegnung mit anderen.“ An diese Worte erinnert sich Karl Immervoll so detailliert, als habe er sie gestern erst gehört.
Wir schreiben das Jahr 1975. Karl Anton Immervoll, Sohn eines überzeugten Sozialdemokraten aus dem Waldviertel, beginnt neben der Mathematik auch katholische Theologie zu studieren. Ein Mensch wird seine wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Glauben maßgeblich prägen: Ferdinand Klostermann. Der Priester macht etwas für seinen „Berufsstand“ zu dieser Zeit Untypisches: Er tritt gegen Klerikalismus auf. In Jesu Nachfolge seien alle berufen – egal ob Priester, Laie, Mann oder Frau.

Befähigung durch die Taufe. Nach seinem Doktorat in Graz befasst sich Klostermann ab 1950 intensiv mit der Frage nach der Rolle von „Nicht-Geweihten“ in der Kirche. Im Nachkriegsösterreich ist er damit ein Pionier. Nach elfjähriger Forschungsarbeit erscheint 1962 seine Habilitationsschrift „Das christliche Apostolat“ – ein Kraftakt, der ihn als peniblen Wissenschafter erkennbar macht. „Die Beauftragung in der Kirche haben wir alle gemeinsam“, fasst Karl Immervoll Klostermanns Werk in einem Satz zusammen – durch die Taufe.
Dieser Überzeugung bleibt Ferdinand Klostermann auch treu, als er 1966 in die päpstliche Kommission für das Laienapostolat berufen wird. Schon als Konzilstheologe hatte er sich auf der Kirchenversammlung für eine Mitbestimmung aller Getauften stark gemacht. „Einteilungen (in Kleriker- und Laienstand) können nicht befriedigen, weil sie die Kirche in Klassen aufspalten und gerade das allen kirchlichen Ständen Gemeinsame und Verbindende verschweigen“, schreibt er in einem Aufsatz von 1972.

Auf Augenhöhe. Die in der Kirche geforderte Gleichstellung lebt Klostermann auch an der Universität. „In den Vorlesungen haben wir mitgeschrieben, dass uns die Finger krachten“, erzählt Immervoll. Vor allem habe man aber ebenbürtig diskutiert. Als Karl sich zur ersten Prüfung anmeldet, gibt Klostermann ihm zum Vorlesungsstoff noch eine kirchlich umstrittene Lektüre auf: das 700 Seiten starke Buch „Christ sein“ des Tübinger Theologen Hans Küng. „Wie geht es dir damit?“ Mit dieser Frage eröffnet Klostermann dann das Gespräch. Der Prüfling ist „beeindruckt und gleichzeitig verunsichert“ – hatte er doch nicht damit gerechnet, an der Uni nach seiner Meinung gefragt zu werden. Zum Blick über den Tellerrand fordert Ferdinand Klostermann seine Studierenden auf und holt Vertreter anderer Disziplinen an die Fakultät, so auch den Psychologen Erwin Ringel (1921–1994). „Er ging mit uns ins Wotruba-Studio“, erinnert sich Karl Immervoll an die Besuche im Atelier des Bildhauers Fritz Wotruba (1907–1975) zurück. Seine Skulptur „Der Mensch“ mahnte auf Klostermanns Schreibtisch. „Ein Nur-Theologe ist ein schlechter Theologe ... Immer tut ein ‚Darüber-hinaus‘ gut“, schreibt Alfred Kirchmayr über ihn.

Gemeinsam mit dem Pastoralpsychologen Kirchmayr würdigt Immervoll seinen Lehrer 60 Jahre nach Erscheinen des „Laiendekrets“ am 18. 11. 1965 in einem Buch (Spalte links). „Er konfrontierte uns mit einer Welt des Aufbruchs“, sagt Immervoll, und, im Anschluss an die Worte des Dekans bei Friedrich Klostermanns Emeritierung 1982: „Er war ein Hecht im Karpfenteich.“ So wie der Raubfisch im Teich habe der Konzilstheologe die Kirche aufgewühlt – im Glauben an die Befähigung aller zur Nachfolge Jesu Christi.

Anna Maria Steiner

Ein Priester für die Laien. Der Priester und Konzilstheologe Ferdinand Klostermann starb am 22. Dezember vor 43 Jahren. | Foto: Archiv
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Ferdinand Klostermann

Kirche aus Leidenschaft
Manch Klerikalem war er ein Dorn im Auge, progressiven Studierenden hingegen ein leuchtendes Vorbild: der 1907 im Salzburger Straßwalchen geborene Ferdinand Klostermann. Die Historikerin Erika Weinzierl (1925–2014) nennt ihn den „bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts“, und die Wochenzeitung Die Furche titelte 2002 „zum 20. Todestag des streitbaren Konzilstheologen“ mit „Kirche aus Leidenschaft“.
Nach seinem Theologiestudium in Linz wurde Ferdinand Klostermann 1929 zum Priester geweiht, war Kaplan in Grein an der Donau und in Bad Ischl. 1936 promovierte er an der Universität Graz, war bischöflicher Sekretär und Diözesanseelsorger. Die Gestapo inhaftierte ihn 1942, er war im Polizeigefängnis in Linz und wurde anschließend verbannt (nördlich der Mainlinie). Bis 1945 war er pastoral in Berlin-St. Agnes tätig, danach Jugend- und Studentenseelsorger in der Diözese Linz.

1960 wurde Ferdinand Klostermann zum Mitglied der päpstlichen Kommission für Laienapostolat zur Vorbereitung des II. Vatikanums (1962–1965) ernannt und gleichzeitig Professor für Pastoraltheologie an der Universität Wien. Seine Habilitationsschrift „Das christliche Apostolat“ von 1962 wurde zum theologischen Standardwerk des Laienapostolats und als Handbuch rezipiert. Am 18. November 1965 unterzeichnete Papst Paul VI. das Dekret über das Laienapostolat („Apostolicam actuositatem“). 1966 wurde Ferdinand Klostermann Konsultor der päpstlichen nachkonziliaren Kommission für Laienapostolat. Er forderte zeit seines Wirkens Weite und Vielfalt in der Kirche.

Aufgewacht

Manchmal
spüre ich
noch

Das Feuer
von damals
die Begeisterung
des Aufbruchs
den Wind
durch die offenen Fenster

Damals
nach dem Konzil
die Neugier
die Freude auf Neues
wir träumten

Doch
aufgewacht
merke ich nun
ich hab geträumt

Und erkenne

Es braucht
einen neuen Anschub.

Karl A. Immervoll
(veröffentlicht am 8. Oktober 2025)

Neu erschienen: Karl A. Immervoll und Alfred Kirchmayr (Hg.): Ferdinand Klostermann und das Laienapostolat: Der Aufbruch damals – die Klerikalisierung heute. Edition R3 2025, 128 Seiten, 13 Euro. ISBN: 978-3903239135.
  • Neu erschienen: Karl A. Immervoll und Alfred Kirchmayr (Hg.): Ferdinand Klostermann und das Laienapostolat: Der Aufbruch damals – die Klerikalisierung heute. Edition R3 2025, 128 Seiten, 13 Euro. ISBN: 978-3903239135.
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Die Hildesheimer Diözesansynode, auf der am 13. Mai 1968 erstmals in Deutschland auch Laien waren. | Foto: KNA
Ein Priester für die Laien. Der Priester und Konzilstheologe Ferdinand Klostermann starb am 22. Dezember vor 43 Jahren. | Foto: Archiv
Neu erschienen: Karl A. Immervoll und Alfred Kirchmayr (Hg.): Ferdinand Klostermann und das Laienapostolat: Der Aufbruch damals – die Klerikalisierung heute. Edition R3 2025, 128 Seiten, 13 Euro. ISBN: 978-3903239135.
Aufgewacht. Den frischen Wind des Zweiten Vatikanums vernahm der Arbeiterseelsorger, Schuhmacher, Organist und Theologe Karl A. Immervoll an der Universität in Wien vor allem durch Ferdinand Klostermann. Der Hochschullehrer, Priester und Konzilstheologe trat mit seinem 1200-Seiten-Werk über das Laienapostolat dafür ein, neben Klerikern auch Nicht-Geweihten Verantwortung in der Kirche zu übertragen.
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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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