Stichwort: Die Odyssee (Teil 2)
Schicksal oder Spiegel?

Odysseus (Matt Damon) hat bei seiner langen Irrfahrt manche Prüfungen zu bestehen. Sind es Schicksalsschläge der Götter oder sieht er in den Spiegel eigener Erlebnisse? | Foto: Universal Pictures
  • Odysseus (Matt Damon) hat bei seiner langen Irrfahrt manche Prüfungen zu bestehen. Sind es Schicksalsschläge der Götter oder sieht er in den Spiegel eigener Erlebnisse?
  • Foto: Universal Pictures
  • hochgeladen von SONNTAGSBLATT Redaktion

Der tragische Held Odysseus, dessen leidvolle Heimreise aus dem trojanischen Krieg derzeit im Kino miterlebt werden kann, sucht nach Versöhnung und Frieden.

Auf ihrer zehn Jahre währenden Irrfahrt sind Odysseus und seine Gefährten zahlreichen Prüfungen ausgesetzt. Dabei offenbaren sich ihre Tugenden und Schwächen, sie blicken in den Spiegel ihrer eigenen Taten. So wird dem Helden abverlangt, sich mit seinen traumatischen Erlebnissen im Krieg um Troja auseinanderzusetzen.

Die Laistrygonen
Gerade erst dem wütenden Kyklopen entkommen, wird den tapferen Kriegern auf der nächsten Insel ein noch schlimmerer Empfang bereitet. Dort leben die Laistrygonen, ein wildes Volk von menschenfressenden Riesen in stählernen Rüstungen. Diese fragen die Neuankömmlinge nicht lange nach deren Begehr, sondern schlagen sofort zu. Sie suchen nicht Kontakt und Dialog mit einer fremden Zivilisation, sondern deren Vernichtung. Sie zwingen Odysseus in die Flucht und bewerfen die ablegenden Schiffe mit Felsbrocken. Wieder stürmen die Griechen panisch in ihre Boote.
Wie meistens, wenn sich gleiche Muster wiederholen, ist es ein Signal, dass da in einem selbst etwas im Argen liegt. Es sendet die Botschaft: Da musst du genauer hinschauen, da braucht etwas in dir Aufmerksamkeit, Versöhnung und Neubestimmung. Nun fällt es auf die Eroberer zurück, dass sie mordend, plündernd und brandschatzend in die Stadt Troja eingefallen sind. Jetzt müssen sie selbst schwere Verluste hinnehmen. Mit einem einzigen Schiff kann Odysseus entkommen.

Die Zauberin Kirke
Auf der nächsten Insel, die er ansteuert, lebt inmitten von friedlichen Wildtieren, in denen verwunschene Menschen schlummern, Kirke, die Tochter des Sonnengottes. Die Kundschafter, die ausgehungert zu ihrem Haus vordringen und sie um etwas zu essen bitten, lockt sie mit üppigen Speisen und verwandelt sie in Schweine. Odysseus­ folgt ihnen später, er durchschaut den Zauber und zwingt Kirke, seinen Kameraden deren menschliche Gestalt zurückzugeben. Er bekommt von der Zauberin auch wertvolle Hinweise für seine weitere Reise.
Kirke führt dem Odysseus drastisch vor Augen, was der Krieg aus seinen Männern gemacht hat: eine Horde von Schweinen und wilden Tieren. Der Krieg bewirkt, dass sie ihre Menschlichkeit über Bord werfen und animalischen Trieben folgen. Er zerstört all das, was den Menschen auszeichnet, was die Grundlage von Zivilisation und Kultur bildet: Respekt, Kooperation, Mitgefühl, die verlässliche Wahrung gewisser Grundregeln des Zusammenlebens. Die Zauberin Kirke lässt Odysseus und seine Gefährten erkennen, dass sie sich wie Tiere verhalten haben, und hilft ihnen dabei, einen Wandel zu vollziehen, der sie wieder zu Menschen werden lässt. Dabei steht ihnen noch ein weiter Weg bevor.

Der Hades
Dem Rat der Kirke folgend, reist Odysseus bis in die Unterwelt. Dort soll er ein Opfer darbringen, und es kommt zur Begegnung mit den Seelen der Toten, die sich am Meeresufer aus dem Sand erheben – darunter seine aus Sorge um den vermissten Sohn gestorbene Mutter, die Gefallenen des Krieges sowie der Heerführer Agamemnon, der nach seiner Rückkehr daheim meuchlings ermordet wurde. Dieser rät Odysseus, bei dessen Heimkunft erst vorsichtig zu erkunden, ob er willkommen sei.

Der tapfere Odysseus betritt den Hades, den Ort der äußersten Finsternis, von dem noch kein Sterblicher jemals zurückgekehrt ist. Auf dem Weg der Aussöhnung mit seinen Kriegstraumata, mit Erlebnissen, bei denen er ständig ins Angesicht des Todes geblickt hat, tauchen in seinem Bewusstsein unwillkürlich die Schatten jener auf, die zu Opfern der hemmungslosen Gewalt wurden. Sie sind keine anonyme Masse, nicht bloß Zahlen in einer nüchternen Statistik, es sind Menschen mit einem unverwechselbaren Gesicht, einer individuellen Lebensgeschichte, einzigartigen Charaktereigenschaften und Fähigkeiten. Es sind Menschen, die eine Familie haben und trauernde Angehörige zurücklassen. Menschen, deren Leben unwiederbringlich ausgelöscht wurde. Es führt kein Weg daran vorbei, dieser Tatsache ins Auge zu blicken und sich dem menschlichen Leid, Schmerz und Verlust zu stellen, die jenes Unternehmen in die Welt gebracht hat, an dem er mit großem Einsatz mitgewirkt hat.

Die Toten haben Nachrichten für Odysseus. Er kann sie zwar nicht ins Leben zurückholen, aber er kann zumindest dafür Sorge tragen, dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt, dass ihr Andenken geehrt wird und ihr Sterben wenigstens dadurch mit Sinn erfüllt wird, dass hinkünftig ein solches Abschlachten vermieden wird. So kann immerhin er selbst geläutert dieses Schattenreich verlassen.

Alfred Jokesch

◉ Dritter und letzter Teil nächste Woche.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Karte einbetten

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Code einbetten

Funktionalität des eingebetteten Codes ohne Gewähr. Bitte Einbettungen für Video, Social, Link und Maps mit dem vom System vorgesehenen Einbettungsfuntkionen vornehmen.
Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Powered by PEIQ