Vor den Vorhang
Mehr als Werte
- Nach der Rolle des Christentums in unserer pluralen Gesellschaft fragt eine Veranstaltung der Katholisch-Theologischen Fakultät Graz. Der Moraltheologe und Universitätsprofessor Ralf Lutz betont in unserem Interview der Woche die Hoffnungsressourcen des Christentums.
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Was das Christentum zu bieten hat und wie Wertevermittlung klappen kann. Moraltheologe Ralf Lutz im Interview.
Welche Rolle kann der christliche Glaube in einer zunehmend säkularen Gesellschaft heute einnehmen?
Ralf Lutz: In einer Gesellschaft, die immer weniger selbstverständlich vom christlichen Glauben geprägt ist, steht auch das Christentum vor der Herausforderung, seine Rolle im öffentlichen Raum neu zu definieren. Nicht selten wird in diesem Zusammenhang die Aufgabe formuliert, es möge „Werte-Lieferant“ sein. Und tatsächlich haben wir ja auch große ethische Herausforderungen zu bewältigen – wie die Auswirkungen der Klimakrise, der Migration, der zunehmenden politischen Polarisierung, der rasanten technologischen Entwicklung und vieles andere mehr. Auch eine säkulare Gesellschaft braucht schließlich ein Mindestmaß an geteilten ethischen Fundamenten. Zwar nimmt die Bindung an das Christentum insgesamt ab – säkular heißt aber nicht wertfrei. Das Christentum kann eine Rolle spielen, um wichtige moralische Errungenschaften wachzuhalten und in Erinnerung zu rufen. Uns interessiert zu verstehen, wie genau das gehen kann.
Christlicher Glaube transportiert beispielsweise wichtige Erzählungen über den Menschen, so etwas wie „Menschenbilder“. So können Christinnen und Christen daran erinnern, dass Menschenwürde nicht aufgrund von Leistung verliehen wird, sondern mit dem Menschsein selbst verbunden ist. Würde muss nicht verdient werden und ist allen Menschen zu eigen. Das Christentum ist einer der starken Traditionsspeicher dieses Gedankens. Glaube kann dabei ein Korrektiv sein und die Frage danach wachhalten, was Leben wirklich wert- und sinnvoll macht. Allein diese Fragen immer wieder zu stellen, ist ethisch schon sehr wichtig.
Die Veranstaltung (siehe ganze unten) spricht vom „Wert des Glaubens“ – welche Werte sind es konkret, die das Christentum in einer pluralen Gesellschaft einbringen kann, ohne sich vereinnahmen zu lassen?
Lutz: Das Christentum ist in modernen Gesellschaften eine öffentliche Stimme unter vielen anderen. Daher muss es sich auf diese Öffentlichkeit einlassen und sie auch mitgestalten.
Christlicher Glaube könnte dabei zur Anwaltschaft für die Schwachen und zum Einsatz für eine solidarische Gesellschaft motivieren, die auch die Rechte derer, die keine laute Stimme haben, verteidigt. Der Fokus läge dann auf der Verletzlichkeit menschlichen Lebens und einem angemessenen Schutz Betroffener. Christlicher Glaube kann auch wesentlich zu Konfliktbewältigung und Versöhnung angesichts von Gewalt und Aggression beitragen. Nicht um das Geschehene vergessen zu machen, sondern um die Logik der Vergeltung zu unterbrechen. Das ist ethisch hoch relevant und von kaum zu überschätzendem Wert. Man denke nur an den wertvollen Beitrag der christlichen Kirchen und der anderen Religionen zur Bewältigung des schrecklichen Amoklaufes heuer in Graz. Hier werden Hoffnungs-Ressourcen angesichts der Endlichkeit menschlichen Lebens eröffnet.
All diese Werte erlauben im konkreten Bezug eine Distanzierungsfähigkeit zur eigenen Gegenwart, die zur Bewältigung hilfreich ist, und aus der heraus man die Gesellschaft gestalten und zugleich kritisch befragen kann.
Wie gelingt die Vermittlung von Werten? Und wovon hängt diese ab?
Lutz: Wenn gefragt wird, welche Werte das Christentum heute vermitteln kann, um das gesellschaftliche Miteinander zu fördern, muss gefragt werden, wie sich jene erschließen lassen. Werte werden nicht abstrakt, sondern immer über konkrete menschliche Beziehungserfahrungen vermittelt. Das fängt in den Familien an, in Freundesgruppen, in Vereinen – überall da, wo ein konkretes Miteinander gestaltet wird. Auch in der Jugendarbeit, über Gesten des Miteinanders und konkreter Hilfe lernen Menschen Werte anhand gelebter Praktiken. Dafür Erschließungsorte anzubieten, die zu den Lebenswirklichkeiten der Menschen passen, ist sehr wichtig. Mit anderen Worten: Moral braucht Erfahrung. Das, was vermittelt wird, muss gelebt werden. Werte müssen „praktisch plausibel“ sein, sich also bewähren. Daher sind „christliche“ Werte immer auch zutiefst „menschliche“ Werte. Das kann auch symbolisch oder stellvertretend erfahren werden, etwa im Gottesdienst. Werte versprechen existenziell immer etwas, was über die Gegenwart hinausgeht. Das macht sie buchstäblich „attraktiv“ – anziehend.
Eine entscheidende Voraussetzung ist dabei die moralische Glaubwürdigkeit. Wertvermittlung gelingt nur, wenn die Träger selbst integer und glaubwürdig erscheinen und das leben, was sie verkünden.
Moral braucht Erfahrung.
Was würden Sie jungen Menschen mitgeben, die in einer pluralen Welt nach Orientierung suchen – kann der christliche Glaube hier eine zeitgemäße Antwort bieten?
Lutz: Ich erlebe junge Menschen heute sehr offen für Sinn- und Wertfragen. Es wäre viel gewonnen, wenn christlicher Glaube als Ressource erlebt werden könnte für die Fragen, die die Leute heute haben.
Auf der manchmal verunsichernden Suche nach der eigenen Identität einen Vertrauensanker und eine Art Kompass im Glauben zu haben, entlastet ungemein. Sich nicht allein über Erfolg zu definieren, macht zufriedener. Eine Fehlerkultur im Umgang mit sich selbst und anderen zu entwickeln, die immer wieder zum Neuanfang einlädt, ist gewaltarm und macht dialogfähig. Einen Interpretationsrahmen für das Menschsein zu haben, der im Idealfall nicht ausgrenzt, sondern alle Menschen umfasst, und sogar an den Grenzen der Welt nicht endet, stiftet Hoffnung. So verstanden ist der christliche Glaube heute ein starkes Angebot – auch und gerade für junge Menschen. Er hilft, das menschliche Leben zu verstehen und zu deuten, und hat einen Antriebsüberschuss, eine Motivation, zur Folge, die Leben aktiv gestalten lässt.
Sind „christliche“ Werte untrennbar mit dem Glauben verbunden? Und bleiben vom Christentum nur mehr die Werte übrig?
Lutz: Christlicher Glaube ist nicht zuerst Wert- oder Normvermittlung, sondern Heils-
angebot. Auch wenn damit dann starke Wertungen und bestimmte Vorstellungen vom Menschen einhergehen, setzt christliche Wertvermittlung nicht voraus, dass meine Mitmenschen bereits Christen geworden sind. Ethische Werte, die mit dem Christentum verbunden werden, sind prinzipiell auch säkular anschlussfähig, aber ihre nachhaltige moralische Spannkraft stammt aus einem tieferen Narrativ des Menschseins, wie es die christliche Tradition entwirft. Hier ist ein existenzieller Kern benannt, der nicht in Ethik und Moral aufgeht, sondern von der Gewissheit lebt, dass der Mensch nicht einfach aus sich selbst heraus lebt, sondern geschaffen ist und getragen wird. Wenn man christlichen Glauben auf Werte reduziert, verliert man genau diese Dimension des „Getragen- und Gehalten-Seins“. Denn die Werte entstammen einem Sinnhorizont, der über bloß moralische Anforderungen hinausgeht.
Interview: Katharina Grager
Veranstaltungstipp: Vom Wert des Glaubens. Die Rolle des Christentums in pluraler Gesellschaft, Vortrag und Podiumsdiskussion. Do, 13. 11., 18 Uhr, Hörsaal 47.01, Universitätszentrum Theologie (Heinrichstraße 78A). Mit Michael N. Ebertz, Ulrich H. J. Körtner und Regina Polak.
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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