Eingeschränkte Weihnachten

Großflächige Überschwemmungen gab es Anfang November in vielen Teilen von Vietnam (rechts). Besonders die Bauern hat es schwer getroffen. Weihnachten (Symbolfoto links) feiern sie trotzdem – in Dankbarkeit, dass sie überlebt haben.
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  • Großflächige Überschwemmungen gab es Anfang November in vielen Teilen von Vietnam (rechts). Besonders die Bauern hat es schwer getroffen. Weihnachten (Symbolfoto links) feiern sie trotzdem – in Dankbarkeit, dass sie überlebt haben.
  • Foto: Scheucher, Caritas Vietnam
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Wie Weihnachten feiern im Krieg, wenn man im Krankenhaus liegt oder wenn eine Naturkatastrophe einem die Lebensgrundlage buchstäblich weggeschwemmt hat – drei Betroffene erzählen.

Wie wird Weihnachten heuer werden? Diese Frage beschäftigt uns spätestens seit dem zweiten Lockdown im November. Vieles ist ungewiss. Wir machen uns Gedanken, wen wir treffen und besuchen können, wie wir Gottesdienst feiern werden, ob wir gemeinsam Stille Nacht singen können. Vieles vermissen wir jetzt schon – die Stimmung der Weihnachtsmärkte, die Geselligkeit beim gemeinsamen Glühweintrinken, ein berührendes Adventkonzert und vieles mehr. Aber fragen wir uns auch, was wirklich (überlebens)wichtig ist?

Das Leben geht immer weiter
Viele tausend Kilometer von Österreich entfernt wird auch Weihnachten gefeiert werden. Obwohl den Menschen das Wasser buchstäblich bis zum Hals und darüber hinaus stand. Kaplan Anton Nguyen (Seelsorgeraum Voitsberg) erzählt von seiner Heimat Vietnam, wo es Anfang November durch heftige Niederschläge zu den schlimmsten Überschwemmungen seit Jahrzehnten kam. Bis zu zehn Meter hoch stand das Wasser. „Die einfachen Leute, die Bauern haben nichts mehr“, schildert Anton betroffen, „ihre Tiere, meist nur ein paar Hühner und Schweine, ihre Reis- und Gemüsefelder und auch ihre Hütten und Häuser – alles wurde vom Wasser zerstört.“ Ein befreundeter Priester in der Region erzählt, dass die Landwirtschaft fünf bis sieben Jahre brauchen wird, um sich von dieser Katastrophe zu erholen.
Doch Weihnachten wird trotzdem stattfinden, ist sich der aus Vietnam stammende Kaplan sicher: „Für die Katholiken in Vietnam ist Weihnachten ein großes Fest der Freude und die Geburt Jesu das höchste Geschenk“ – für viele Menschen heuer wohl auch das einzige.
„Geschenke für die Kinder gibt es nur bei reichen Familien, die Bauernfamilien sind dankbar, wenn sie nach der Christmette mit der Familie zusammen essen können“, erklärt Anton Nguyen. Dieses Jahr wird das Essen bei vielen jedoch noch bescheidener ausfallen als sonst, denn „Fleisch ist unglaublich teuer“, so Nguyen. Aber Vietnamesen sind aus besonderem Holz geschnitzt, fügt Kaplan Anton hinzu: „Wir Vietnamesen sind erfüllt von der unerschütterlichen Hoffnung – geprägt von viel Leid, Krieg und Katastrophen –, dass das Leben immer weitergeht!“

„Schaut’s, dass mit’n Leben davonkommt’s!“
Von wegen eingeschränkt Weihnachten feiern. 1944 hatten wir überhaupt keine Weihnachten, erinnert sich Leopold Städtler. Der langjährige Generalvikar unserer Diözese, heute ein rüstiger 95er, war damals mit seiner Einheit an der Front in Nordfinnland stationiert. Im Bunker hatten sie noch überlegt, woher sie ein paar Fichten- oder Tannenzweige nehmen könnten als etwas Weihnachtliches. Aber es gab in dieser Gegend ja nur Birken.
Dann aber, Mitte Dezember, mussten sie den Rückzug antreten. Ab da war von Weihnachten keine Rede mehr, ja überhaupt von keinem Datum. Es ging ums blanke Überleben. Der einzige Gedanke war, sich irgendwie nach Norwegen durchzuschlagen. Wir waren Tag und Nacht unterwegs, erinnert sich Städtler. Zu essen gab es praktisch nichts, ab und zu hartgefrorenes Brot. Auf einer Station bekamen sie Kekse, eine Art Knäckebrot. Aufrecht erhalten hat sie das viele Dextro Energen, das sie bei sich hatten.
Wir durften, so Städtler, höchstens zwei Stunden schlafen, sonst war die Gefahr von Erfrierungen zu groß. Während einige schliefen, mussten immer zwei Wache schieben, damit niemand verschlief und dann vielleicht nicht wieder aufgewacht wäre.
„Schaut’s, dass mit dem Leben davonkommt’s“, lautete das letzte Wort, das ihr Chef, ein Kärntner Offizier, ihnen mitgab, bevor er zu einer anderen Einheit wechselte. Städtler hat ihn später beim Österreichischen Bundesheer wieder getroffen.
Orientiert haben sich die Soldaten auf ihrem Gewaltmarsch nach den Sternen. Vielleicht lag darin etwas Weihnachtliches, wenn wir an die Weisen aus dem Morgenland denken. Bei den Sternen kannten wir uns aus, bekräftigt Städtler. Begleitet wurde der Weg ins sehnlichst erwartete norwegische Staatsgebiet von ständigen Attacken russischer Tiefflieger. Nicht alle Kameraden sind durchgekommen.
Eigentlich sollte die Gruppe, etwa 16 Soldaten, den Rückzug sichern. Sie hatten den Befehl zur Taktik der verbrannten Erde mitbekommen. Sie sollten die Hütten der Lappen und ihre Rentiere vernichten. Aber wir haben kein einziges Rentier erschossen und keine einzige Hütte abgebrannt, erzählt Städtler. Heute noch wundert er sich, dass diese Befehlsverweigerung bekannt war, als sie später aus dem Heeresdienst entlassen wurden.
Seine Lebenserfahrung, gerade auch diese, hat Leopold Städtler gelehrt: Der Mensch kann nicht alles selbst schaffen. Er kann in Situationen kommen, denen er einfach ausgeliefert ist und wo er auf die Gemeinschaft angewiesen ist. Wenn heute oft ein Denken vorherrscht: Ich kann und will mir alles leisten, niemand darf mir dreinreden, kann Leopold Städtler das nicht verstehen. Also auch kein übertriebenes Jammern über eingeschränkte Weihnachten.

Weihnachten gab’s in diesem Jahr nicht
Im Advent 2005 war Karin Mayer-Fischer schwanger mit Geburtstermin im März. Alles hätte ganz ruhig und besinnlich ablaufen können, mit kleinem Babybauch unterm Christbaum, doch daraus wurde nichts. „Etwa sechs Tage vor Weihnachten musste ich nochmal ins Krankenhaus“, erzählt Mayer-Fischer, „es gab schon länger Probleme mit meinen Organen.“ Doch die Ärzte hatten bisher noch keinen wirklichen Grund gefunden und diagnostizierten schließlich eine Autoimmunreaktion. Nach vielen Infusionen und Bluttransfusionen besserte sich die Situation, und so wartete Karin Mayer-Fischer nur noch darauf, dass sie heimgehen durfte.
Der 24. Dezember kam derweil fast unbemerkt. Einzig das von ihrem Mann in einer Kühltasche ins Krankenhaus geschmuggelte kleine Festessen erinnerte Karin Mayer-Fischer daran, dass ja Weihnachten war. Zu Hause in der gemeinsamen Wohnung hatten sie keinen Christbaum aufgestellt, und auch zum Geschenke-Kaufen war keine Zeit geblieben. Über Besuch freute sie sich zwar, „aber ich war so schwach, da will man eigentlich nur schlafen“.
Am 26. Dezember war es dann soweit: Sie durfte wirklich heimgehen. Doch während des Wartens auf die letzten Formalitäten ging plötzlich die Geburt los. „Ich war in der 28. Schwangerschaftswoche – ich hatte unglaubliches Glück, dass ich schon im Krankenhaus war, alles andere hätte die Situation für mein Kind noch gefährlicher gemacht“, erklärt Mayer-Fischer.
Die kleine Nelina wurde sofort per Notkaiserschnitt entbunden und auf die Säuglings-Intensivstation gebracht. Damit begann eine harte Zeit des Wartens. „Als Krankenhaus-Patientin durfte ich nicht auf die Intensivstation, da ich ja Keimträgerin war. Und mein Mann konnte nur entweder zu mir oder zu unserem Kind. Das war wirklich schwierig.“ Nach einer Woche dann konnte sie endlich selbst ihr Baby besuchen.
„Weihnachten gab’s in diesem Jahr für mich nicht“, beschreibt Karin Mayer-Fischer die Tage im Rückblick. „Es war nicht schlimm, im Krankenhaus zu sein, ich wusste ja, dass es richtig und wichtig war. Aber es fühlte sich seltsam an, die Riten, die man sonst erlebt, einfach nicht zu erleben.“ Doch die Geschichte ist gut ausgegangen, schließt sie, „mein Kind hat alles gut überstanden und ist gesund, das ist die Hauptsache“.

Herbert Meßner / Katharina Grager

Großflächige Überschwemmungen gab es Anfang November in vielen Teilen von Vietnam (rechts). Besonders die Bauern hat es schwer getroffen. Weihnachten (Symbolfoto links) feiern sie trotzdem – in Dankbarkeit, dass sie überlebt haben.
Am 26. Dezember musste die kleine Nelina in der 28. Wo-
che per Notkaiserschnitt geholt werden. Weihnachten fiel in diesem Jahr für ihre Eltern aus. Doch seitdem ist jedes Weihnachten zugleich auch ihr Geburtsfest.
Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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