Interview
Nicht nur sonntags glauben

Gespräch mit Wolfgang Sobotka, Nationalratspräsident (ÖVP), der darauf hinweist, dass Religion und Glaube nicht nur am Sonntag gelebt werden.
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Wolfgang Sobotka, Nationalratspräsident, über das Kopftuchverbot, den arbeitsfreien Sonntag, Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit.

Sie selbst waren kürzlich in Auschwitz und haben nach Ihrem Besuch gesagt, dass Sie sich noch nie so „klein und hilflos“ gefühlt hätten. Wie haben Sie das gemeint?
Ich kenne Konzentrationslager wie Mauthausen oder Buchenwald, Dachau und andere. Aber die Monstrosität von Auschwitz-Birkenau – das ist unbeschreiblich. Wenn man die Bilder der hunderttausenden Schuhe, der Brillen, Prothesen oder Haare der Ermordeten vor sich sieht oder die von der SS in die Luft gesprengten Gaskammern, die dort als Trümmerfeld noch so liegen wie 1945 – das alles vermittelt ein unglaubliches Gefühl der Wortlosigkeit und Verzweiflung.

Zuletzt wurde viel über Antisemitismus diskutiert. Ist Ausländerfeindlichkeit für Sie vergleichbar mit Antisemitismus?
Das würde ich rigoros ablehnen: Ausländerfeindlichkeit ist etwas ganz anderes als Judenfeindlichkeit. Ausländerfeindlichkeit ist ein Vorurteil, aber Antisemitismus ist ein epigenetisches Faktum, eine Antithese zum Guten. Das ist auch das Problem beim Antisemitismus, denn Vorurteile kann man mit Auseinandersetzung am besten be­kämpfen.
Wenn sich zum Beispiel ein Mensch mit Migrationshintergrund gut integriert hat und in der Gesellschaft aufgenommen wurde, ist dieser Mensch ein gutes Beispiel, um ein Vorurteil zu bekämpfen. Das Vorurteil gegen Juden kann man nicht bekämpfen, denn das sind ganz normale Menschen, die unterscheiden sich in gar nichts von anderen Menschen. Die Leute haben 1938 nicht einmal gewusst, wer ein Jude ist und wer nicht.

Das geplante Kopftuchverbot für Mädchen bis 14 Jahre – und eventuell auch für Lehrerinnen – wird teilweise kritisiert. Können Sie diese Kritik verstehen?
Ich wundere mich immer, dass gerade diejenigen, die so stark für die Gleichberechtigung von Mann und Frau eingetreten sind, die auch viele Erfolge verzeichnen konnten und die auch wirklich viel zur gesellschaftlichen Veränderung beigetragen haben, jetzt zu den Verteidigern des Kopftuchs werden, und das unter dem Deckmantel der freien Religionsausübung. Es besteht ein großer gesellschaftlicher Konsens, dass das Verbot für Mädchen bis 14 Jahre umzusetzen ist. Über die Frage, wie der Staat in dieser Frage mit öffentlichen Repräsentanten umgeht, muss es eine Diskussion über das Für und Wider geben.

Soll der Sonntag ein freier Tag bleiben?
Dort, wo es geht, bin ich grundsätzlich dafür, die Sonntagsruhe zu halten, aber das ist in vielen Berufen nicht möglich, wie zum Beispiel im Krankenhaus, bei der Polizei oder im Tourismus. Grundsätzlich denke ich, dass die Diskussion um die Sonntagsruhe eine Diskussion an der Oberfläche ist. Der katholische Glaube manifestiert sich doch nicht allein am Sonntag. Natürlich ist der Messbesuch wichtig, aber genauso wichtig ist es, sich zum Beispiel auch zu Hause mit den religiösen Inhalten auseinanderzusetzen, über den Glauben zu reden und vor allem danach zu leben.

Die Grünen stehen der präventiven Sicherungshaft für mutmaßlich gefährliche Asylwerber ablehnend gegenüber. Glauben Sie, dass die türkis-grüne Koalition halten wird?
Die Koalition hat sich klar positioniert und vereint das Beste aus beiden Welten. Jeder versucht, seine Positionen zu organisieren und die Möglichkeiten auszuloten. Was aber im Regierungsprogramm festgeschrieben ist, gilt es umzusetzen.

Interview: Sonja Planitzer

Gespräch mit Wolfgang Sobotka, Nationalratspräsident (ÖVP), der darauf hinweist, dass Religion und Glaube nicht nur am Sonntag gelebt werden.
Sonntags statt in die Kirche in die Arbeit – eine Schieflage? Der Glaube manifestiert sich für Sobotka (ÖVP) nicht allein am Sonntag.
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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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