Der Mandlkalender
Er war in jeder Hütte

Der berühmte „Alte Bauern- oder Mandlkalender“ und der Wandkalender zum Kirchenjahr werden seit vielen Jahren von Heinz Selmeister mit größter Fachkenntnis und Liebe zum Detail bei Leykam herausgegeben. Gertraud Schaller-
Pressler, Referentin für Kultur, und Sonntagsblatt-Fotograf Gerd Neuhold statteten dem versierten Kalendermacher zur Jahreswende einen Besuch in seiner Werkstatt ab
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  • Der berühmte „Alte Bauern- oder Mandlkalender“ und der Wandkalender zum Kirchenjahr werden seit vielen Jahren von Heinz Selmeister mit größter Fachkenntnis und Liebe zum Detail bei Leykam herausgegeben. Gertraud Schaller-
    Pressler, Referentin für Kultur, und Sonntagsblatt-Fotograf Gerd Neuhold statteten dem versierten Kalendermacher zur Jahreswende einen Besuch in seiner Werkstatt ab
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In der steirischen Druckerei Leykam wird der beliebte Alte Bauernkalender hergestellt. Ein Blick in seine Geschichte und Bedeutung.

Es passt gut, ich sitze gerade über den Manuskripten für den Mandlkalender 2023“, erklärt Heinz Selmeister erfreut auf meine telefonische Anfrage hin, ob es möglich wäre, ihm bei der Arbeit über die Schulter zu schauen. Seit 20 Jahren betreut er bei Leykam Alpina in Werndorf den berühmten „Alten Bauernkalender“, der aufgrund seiner Heiligenabbildungen („Mandln“) vom Volk den Namen „Mandlkalender“ erhielt.
Einst wurde er von fahrenden Buchhändlern von Augsburg nach Österreich gebracht. „Weil unsere Leute aber ihre eigenen, regionalen Heiligen haben wollten, suchte der Grazer Buchbinder und Verleger Franz Jakob Ludwig 1706 um ein Vertriebs-Privileg an, das ihm Kaiser Joseph I. 1707 auch gewährte“, erzählt Selmeister. Dieses Privileg war von Beginn an – damals bei Androhung einer Strafe von „10 Mark lötigen Goldes“ – geschützt. 1785 übernahm Andreas Leykam den Druckereibetrieb.

Dreschmicherl, Brotthomerl und Kornjockerl
Auch das Erscheinungsbild des Kalenders, der jährlich in einer Auflage von rund 260.000 Stück erscheint und in Österreich, Bayern und der Schweiz, aber auch von Auslandsösterreichern in aller Welt stark nachgefragt wird, hat sich nie verändert. So zeigt das Titelbild neben Sonne, Mond, vierzehn Sternen und dem rot-weiß-roten Wappen der Babenberger drei bäuerliche Gestalten mit Werkzeug in der Hand: als „Dreschmicherl“ (re.), „Brotthomerl“ (Mitte) und „Korn-jockerl“ (li.) sollen sie – auch mit ihren Vornamen Michael, Thomas und Jakob – einst auf die Ober-, Mittel- und Untersteiermark bis Krain hingewiesen haben.

Ein Kreuz für den Sonntag
Anfangs wurde auch noch handkoloriert. Dass Feiertag und Sonntag rot markiert sind, gehe auf den alten Stabkalender aus Holz zurück, in den man die Tage einritzte und Festtage mit rotem Faden oder Klecksen markierte. „Früher stellte sich die Frage, habe ich etwas zu essen oder nicht“, gibt Selmeister zu bedenken: „Das Wetter zu kennen war lebenswichtig! Wie ist es um das Feld bestellt, wann darf die Saat raus, wann soll ich ernten, wann hole ich die Tiere von der Alm?“

Die Kalender waren neben der Bibel und dem Gesangbuch früher das einzig Gedruckte für das einfache Volk: „Ein Kreuz etwa bedeutete Sonntag, das hieß, dass ich an diesem Tag zur Kirche gehe, aber auch frei habe!“ Auch Peter Rosegger zeigte sich 1881 begeistert: „Dieser Kalender ist für Leute eingerichtet, die nicht lesen können. In jedem Bauernhof und in jeder Hütte der Steiermark ist er zu finden, und der Holzhauer trägt ihn in seinem Tagwerkbüchel und der Bettelmann in seinem Buckelsack.“ Die Kalender wurden in den Familien mit persönlichen Aufzeichnungen ergänzt, gesammelt und auf einem Lederriemen zusammengenäht.

Übrigens findet sich auch in einem Fragment eines bürgerlichen „Schreibkalenders“ aus 1598, den Johannes Kepler als Landschaftsmathematiker in Graz verpflichtend erstellen musste, Tagesempfehlungen fürs „Aderlassen“, „Gut Säen/Pflantzen“, „Gut Artzney nehmen“, „Gut Kinder entwehnen“ und die Tierkreiszeichen.
Den Alten Bauernkalender als „Schatz aus der Vergangenheit zu bewahren“ ist Heinz Selmeister wichtig. Er zeigt sich zuversichtlich: „In der digitalen Welt ist die Sehnsucht nach Kalendern sogar größer geworden.“

GERTRAUD SCHALLER-PRESSLER

Vom „Ausrufen“
zum „Kalender“

Im alten Rom wurde vom „Pontifex minor“ (Priester) jeweils zu Neumond der erste Tag des Monats ausgerufen. Von diesem Ausrufen (lat. „calare“) leitet sich unser Wort „Kalender“ ab. Das Jahr begann mit 1. März, woran die Monatsnamen September (septem=7), Oktober (octo=8), November (novem=9) und Dezember (decem=10) erinnern.
Da ein Jahr nicht 365, sondern durchschnittlich 365,25 Tage umfasst, kam es immer wieder zu Abweichungen. Schon Julius Cäsar musste 45 v. Chr. mittels einer Schaltjahrregelung die Zeitrechnung neu ordnen und wechselte vom Mond- zum Sonnenkalender. Die Kirche übernahm diesen „Julianischen Kalender“, in den sich die unbeweglichen Kirchenfeste ohne Schwierigkeiten einordnen ließen. Nicht jedoch die beweglichen, die vom Ostertermin abhingen. Das Konzil von Nicäa (325) legte Ostern auf den Sonntag nach dem ersten Frühjahrsvollmond fest, was 35 verschiedene Ostertermine möglich machte. Diese Osterrechnung, „Computus“ genannt, bestimmte die „Kalendare“ des Mittelalters. Im 16. Jahrhundert ging der Kalender jedoch so stark nach, dass Papst Gregor XIII. bestimmte, 10 Tage zu streichen, sodass auf den 4. Oktober 1582 gleich der 15. Oktober zu folgen hatte. Teresa von Avila, die am 4. Oktober starb, wurde am nächsten Tag, dem 15., beerdigt.
Der heute weltweit verbreitete „Gregorianische Kalender“ fand in manchem Teil der Welt erst im 20. Jahrhundert Anwendung; ein Teil der orthodoxen Kirchen begeht alle Feste weiterhin nach dem Julianischen Kalender. Seit März 1900 und noch bis zum 28. Februar 2100 besteht zwischen beiden Kalendern eine Differenz von 13 Tagen. Ist laut Gregorianischem Kalender der 7. Jänner, zählt man laut Julianischem erst den 25. Dezember – was die unterschiedlichen Weihnachtstermine der Kirchen erklärt.

Der berühmte „Alte Bauern- oder Mandlkalender“ und der Wandkalender zum Kirchenjahr werden seit vielen Jahren von Heinz Selmeister mit größter Fachkenntnis und Liebe zum Detail bei Leykam herausgegeben. Gertraud Schaller-
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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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