Seelsorge
Auf der Suche nach Leben
- Gemälde: „Unter Wasser“ von Amuerfina Butron
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Zum Welttag der Kranken: Wie kann Seelsorge Menschen in ihrer mentalen Gesundheit unterstützen? Ein Krankenhaus-Seelsorger antwortet.
Sind Sie von der Seelsorge? Kann ich einmal mit Ihnen reden?“ So oder so ähnlich werde ich öfters angesprochen von Patientinnen und Patienten am Landeskrankenhaus Graz 2 Süd, hinter dem sich die neurologisch-psychiatrische Fachklinik für die Steiermark verbirgt. Für die Krankenhausseelsorge stellt dies eine besondere Herausforderung dar. „Unsere“ Patientinnen und Patienten leiden in der Regel nicht unter körperlichen Symptomen, vielmehr unter Persönlichkeitsstörungen, Schizophrenie, Depressionen, unterschiedlichen Suchterkrankungen, Essstörungen, vor allem im hohen Alter auch Demenz oder einer anderen psychischen Erkrankung.
Solche Erkrankungen sind gar nicht so selten: Fast jede zweite Person in Österreich hat wenigstens einmal im Leben ernsthafte psychische Beschwerden. Zu den Risikofaktoren für die psychische Gesundheit zählen einschneidende Ereignisse im Leben, z. B. der Verlust eines nahestehenden Menschen oder psychische Belastungen am Arbeitsplatz, mangelnde soziale Unterstützung und Einsamkeit, Probleme zwischen Eltern und Kindern sowie Erfahrungen von Gewalt.
Stabilisierend wirken Lebenskompetenzen wie Selbstbewusstsein oder die Fähigkeit, sich von anderen helfen zu lassen sowie gute soziale Voraussetzungen wie Bildung, ein hilfreiches und interessiertes Umfeld, Unterstützung im Familien- und Freundeskreis oder auch ein guter Arbeitsplatz und ein ausreichendes Einkommen. Am Ende geht es auch um die Fähigkeit, eine gewisse psychische Widerstandskraft aufzubauen, um nach Rückschlägen und schweren Problemen wieder auf die Beine zu kommen. Diese sogenannte Resilienz zu entwickeln und zu stärken ist eine der Aufgaben der Seelsorge und eine der „angenehmen Nebenwirkungen“ unseres christlichen Glaubens. Neuere Studien bestätigen etwa, dass der Glaube Betroffenen oft hilft, Leiden in einen größeren Zusammenhang einzuordnen, was Sinnlosigkeitsgefühle lindert und Hoffnung stärkt; dass religiöse Praktiken wie Gebet oder Meditation den inneren Frieden fördern und Stress reduzieren. Die Einbindung in eine Glaubensgemeinschaft bietet ein soziales Netz, das Einsamkeit reduziert und emotionale Stabilität verleiht.
Für unsere seelsorgliche Praxis am LKH 2 Süd bedeutet dies, ein offenes Ohr für die Anliegen und Nöte unserer Patientinnen und Patienten zu haben und spirituelle Angebote zu machen, sowohl für unsere katholischen Glaubensgeschwister wie auch für alle Menschen, die auf der Suche nach geistlichem Leben sind. Unterstützung zu bieten auf der persönlichen Suche nach Orientierung und Sinngebung im eigenen Leben. Präsent zu bleiben, auszuhalten und weiterzuhelfen in Trauerprozessen und Phasen depressiver Verzweiflung oder psychischer Verwirrtheit.
Aber hilft das auch? Der Medizinethiker Giovanni Maio wirbt in seinem Buch „Auf den Menschen hören“ dafür, „ein geneigtes Ohr haben“ und sich einzulassen, ohne konkretes Ziel und ohne zu wissen, was kommt. Schon der Begründer der humanistischen Psychotherapie, Carl Rogers, wusste um die heilende Kraft des Zuhörens. Warum? Das Zuhören stellt den ganzen Menschen ins Zentrum des Geschehens, nicht eine Diagnose oder einen Defekt. Der Mensch ist dabei nicht Objekt ärztlichen oder therapeutischen Handelns, sondern Subjekt, also selbst Handelnder. Indem ich zuhöre helfe ich dem Anderen, zu sich selbst zu finden.
Zuhören wie Momo. In unnachahmlicher Weise finden wir diesen Zusammenhang ausgedrückt in Michael Endes Kinderbuch „Momo“: „Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war: Zuhören. (…) Momo konnte so zuhören, dass dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen. Nicht etwa, weil sie etwas sagte oder fragte, was den anderen auf solche Gedanken brachte; nein, sie saß nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und aller Anteilnahme. Dabei schaute sie den anderen mit ihren großen, dunklen Augen an, und der Betreffende fühlte, wie in ihm auf einmal Gedanken auftauchten, von denen er nie geahnt hatte, dass sie im ihm stecken. Sie konnte so zuhören, dass ratlose oder unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wussten, was sie wollten. Oder dass Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten. Oder dass Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden (...). So konnte Momo zuhören.“
Die Gesprächspartnerin oder der Gesprächspartner, der oder dem ich zuhöre und meine Zeit, meine Aufmerksamkeit schenke, erfährt sich als wertvoll. Im Gespräch kann mein Gegenüber die eigenen oft unklaren Gedanken ausdrücken und ordnen. Oft findet sie oder er dann selbst eine Lösung für einen Konflikt und erlebt sich als wirk-mächtig, selbstbestimmt und nicht als Objekt, das auf die Hilfe anderer angewiesen ist. Das fordert den Zuhörenden in völlig anderer Weise, als man das von einem therapeutischen Setting her gewohnt ist. Es geht, im Gegensatz zum Auftrag des Arztes oder Psychiaters, in der Seelsorge nicht darum, Diagnosen zu stellen und Therapien auszuloten. Eine Kranke oder ein Kranker wird von SeelsorgerInnen nicht be-handelt, auch wenn Seelsorge sehr wohl ein „Handeln“ im eigentlichen Sinn ist – ein Tun gemeinsam mit dem Ratsuchenden.
Seelsorge vertraut auf die Selbstheilungskräfte im Gegenüber und auf die Wirkkraft des Geistes Gottes im Menschen. Seelsorge setzt, theologisch gesprochen, im Zuhören einen Rahmen für dieses Wirken des Geistes – sie ermöglicht im Idealfall, dass der Sprechende sich diesem Wirken des Geistes öffnet, mit ihm rechnet und es zulässt. Das gilt auch dann, wenn keiner der Beteiligten ausdrücklich von Gott, Jesus und Heiligem Geist spricht.
Den ganzen Menschen sehen. Vielleicht kann die Seelsorge im (nicht nur psychiatrischen) Krankenhaus einen Impuls geben, dass nicht immer alles einfach therapierbar ist, im Sinne einer „Reparatur“ eines defekten Organs oder einer Störung im Gehirn. Es geht der Seelsorge nicht um ein Organ, nicht einmal nur um die „Seele“, wie immer man sich diese vorstellt. Es geht ihr um den ganzen Menschen.
Als Christinnen und Christen glauben wir, dass wir geliebt sind, geliebt von unserem Schöpfer, so wie wir sind. Auch dann, wenn etwas an uns „kaputt“ ist und nicht so „funktioniert“ wie bei anderen. Auch dann, wenn unser Beitrag für die Gesellschaft gegen null geht und wir – rein wirtschaftlich gesehen – mehr kosten als wir einbringen können. Wenn jemand auf Hilfe und Fürsorge angewiesen ist, dann zeigt es sich, welchen Wert wir einem Menschen noch zumessen, nur deswegen, weil er Mensch ist und von Gott geliebt. Das ist der Grund, warum es Seelsorge gibt und weiterhin geben muss – auch und gerade an einem Ort, wo Menschen sich als hilflos und bedürftig, vielleicht auch als fern der Liebe Gottes erfahren.
Wolfgang Plail
Seelsorger am LKH Graz 2 Süd
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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