Heiliger Franziskus
Mit ihr und in ihr

Giotto di Bondone: Franziskus‘ Ordensregeln werden vom Papst bestätigt. Fresko in der Basilika in Assisi. | Foto: Joachim Schäfer / Ökumenisches Heiligenlexikon
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  • Giotto di Bondone: Franziskus‘ Ordensregeln werden vom Papst bestätigt. Fresko in der Basilika in Assisi.
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Tierliebhaber, Freund der Armen, Poet: Dieses Bild haben viele vor Augen, wenn sie an den Heiligen Franziskus denken. Doch er war viel mehr als das. In herausfordernden Zeiten folgte er kompromisslos dem Beispiel Jesu – mit und in der Kirche.

Das Leben des Heiligen Franziskus ist selbst der beste Ausdruck jener Zeitenwende, in der es sich abspielte: Sein Leben ist von Extremen und Radikalität geprägt, von bedingungsloser Gottesliebe und Christusnachfolge, von unverbrüchlicher Treue zur Kirche und dem unermüdlichen Einsatz für diese. Sein Leben, sein Wirken und sein Erbe lassen sich aber nur im Kontext seiner Zeit verstehen – einer Zeit, in der die Welt sich grundlegend zu verändern begann.

Franziskus wurde im Jahr 1181 oder 1182 – ganz sicher kann man es nicht sagen – in die aufstrebende Schicht der Kaufleute geboren, deren Wohlstand im sich entwickelnden Banken- und Handelswesen wuchs. Universitäten wurden gegründet, Wissenschaft und Bildung florierten, genauso wie Handwerk und Technik. Die Bevölkerung wuchs in ganz Europa an; es gab viel Reichtum und noch mehr Armut.

Friedrich I. Barbarossa herrscht zu dieser Zeit über das Heilige Römische Reich, auf dem Stuhl Petri saß Lucius III., der die Kirche gegen Katharer verteidigen musste. Diese Gruppe verfolgte radikale Armut, setzte ein sichtbares Gegengewicht gegen den wachsenden Wohlstand sowie die Macht- und Prachtentfaltung der Kirche. Aber nicht nur das, sie leugnete wesentliche Grundzüge kirchlicher Lehre: Zum Beispiel sei die sichtbare Welt sei böse und allein alles Geistige sei gut und rein.

Kurz: Europa befand sich im Umbruch – und die Kirche auch. 1198 erhielt einer der bedeutendsten Päpste des Mittelalters die Papstkrone; Innozenz III. stand durch kluge Politik, Vasalleneide und Verträge faktisch an der Spitze Europas: Könige, Kaiser, Fürsten waren von seiner Macht abhängig.

Doch wie das oft so ist, wenn man sich von seinem Kerngebiet entfernt: man wird unglaubwürdig. Die Katharer waren zur Zeit Innozenz‘ III. längst nicht mehr die einzige Gruppierung, die sich bewusst außerhalb der Kirche verorteten, die als politisch agierender, machtbewusster Player im mittelalterlichen Staatengefüge existierte.

Ritter und Händlersohn

Dante lässt in seiner Commedia den Heiligen Petrus sagen: „Die Braut des Herren ward nicht auferzogen / Mit meinem, Linus‘ und des Cletus Blute, / Um später feil mit Gold gekauft zu werden.“ Den Heiligen Thomas von Aquin lässt Dante von jemand anderem berichten: „Bedenke nun, wie der gewesen, welcher / Ein würdiger Bruder war, das Schifflein Petri / Auf hohem Meer zum rechten Ziel zu führen.“ Der Kirchenlehrer spricht von Franziskus, der – wie viele seiner Zeit, Katharer, Waldenser, Apostoliker und viele mehr – sich irgendwann in seinem Leben gegen Wohlstand, Einfluss und Komofort entschied und ein Leben radikaler Einfachheit suchte.
In Assisi, einer kleinen, jedoch keinesfalls unbedeutenden Stadt im Königreich Sizilien, wurde Franziskus geboren, der eigentlich Giovanni hieß und nur wegen seiner französischen Mutter Franceso („Französlein“) genant wurde. Er wollte Ritter werden und zog 1202 mit in den Krieg gegen die Stadt Perugia. Der unerfolgreiche Feldzug endete für Franziskus mit einjähriger Gefangenschaft. Diese Zeit läutete seinen Lebenswandel ein: Ihm wurde klar, dass es mehr im Leben als Wohlstand und Ruhm gibt. Wenige Jahre danach hörte er beim Gebet in einer kleinen, verfallenen Kirche die Stimme Gottes, die ihm zurief: „Franz, stelle meine Kirche wieder her.“

Den Auftrag zunächst wörtlich nehmend, baute er das Kirchlein San Damiano, in der er die Stimme gehört hatte, wieder auf. Das Geld für den Wiederaufbau erlangte er, indem er große Mengen an Tuch, mit denen sein Vater handelte, verkaufte. Seinem alten Herrn gefiel das ganz und gar nicht, sodass Franz aus freiem Entschluss auf sein Erbe verzichtete. Er legte seinem Vater seine Kleider vor die Füße und rannte nackt auf die Straße; es war sein Abschied von der Gesellschaft.

Radikale Christusnachfolge

In einer Messe hörte er die Worte des Evangeliums: „Nehmt nichts mit auf den Weg, keinen Wanderstab und keine Vorratstasche, kein Brot, kein Geld und kein zweites Hemd!“ (Lk 9,3) Franziskus wurde klar: Das ist der Auftrag für sein Leben, er soll arm, mittel- und heimatlos leben, ganz so, wie es Jesus den Jüngern aufgetragen hat.

Sein Beispiel war so beeindruckend und traf so sehr den Nerv seiner Zeit, dass es nicht lange dauerte, bis sich die ersten Gleichgesinnten anschlossen. Je mehr es wurden, desto mehr wurde der sich bildenden Gemeinschaft klar, dass sie eine Ordnung brauchten, um bestehen zu können – eine Regel, die ihr Zusammenleben ordnete und sie gegenüber der Welt und der Kirche legitimierte. Eine solche Regel konnte nur vom Papst genehmigt werden und so zog der arme Franziskus, der nicht mehr als ein paar Lumpen an seinem Körper besaß, nach Rom, um den glanzvollen Herren der Kirche und Europas zu treffen, Innozenz III. An den beiden Männern zeigen sich die Extreme, zwischen denen sich das Europa jener Zeit verortete: Radikale Armut auf der einen Seite, hohe Politik und Pracht auf der anderen.

Es ist der Weitsicht Innozen‘ zu verdanken, dass die „Minderen Brüder“, wie sich die Gemeinschaft nannte, ihre Regel und somit ihre Anerkennung bekamen. Sie waren nicht die einzige Armutsbewegung, die durch Innozenz III. in den Schoß der Kirche geholt wurden, um Spaltungen und Unruhen zu vermeiden. Die Gemeinschaft um Franziskus gehörte aber zu jenen, die sich nicht gegen die Autorität der Kirche stellten. Sie lebten ein kompromissloses Leben der Armut, zweifelten aber nie an, dass die Kirche jenes von Gott selbst eingesetztes Werk zur Heiligung des Menschen ist. In einem Traum soll Innozenz gesehen haben, wie Franziskus die einstürzende Laterankirche stützt. Vielleicht wusste Innozenz auch, dass es genau einen solchen Mann in dieser Stunde brauchte, um der Kirche neues Leben und neue Authentizität zu verleihen.

Innerhalb kürzester Zeit schlossen sich mehr und mehr Männer und dank Clara von Assisi auch Frauen in ganz Europa der Bewegung an. Selbst Mitglieder von Königshäusern, wie die Heilige Agnes von Böhmen, wurden Anhänger der Ideale von Armut und Christusnachfolge.

Mitten im Kreuzzug versucht ein Unbewaffneter, einen Feind der Christenheit zu ihrem Teil zu machen.

Franziskus selbst wurde zu einem Shootingstar, zu einem lebenden Heiligen. Er reiste sogar nach Ägypten, um den muslimischen Sultan El-Malik El-Kamil zu bekehren. Der Neffe Saladins behielt zwar seinen Glauben, war aber tief von der Begegnung beeindruckt. Die Begebenheit ist bis ins Heute von bleibender Relevanz: Mitten in den Kreuzzugswirren versucht ein Unbewaffneter, einen Feind der Christenheit zu ihrem Teil zu machen. Das Vertrauen in Gottes Führung zeigt sich in Franziskus‘ Leben hier besonders deutlich.

Immer mehr Menschen wollten nach seinem radikalen Beispiel leben, sodass Franziskus den „Dritten Orden“ gründete, in dem auch Verheiratete Mitglied werden konnten.

Die Krönung seines Wirkens erhielt Franz von Assisi im Jahr 1224. Ins Gebet vertieft, erhielt er durch den ihm erscheinenden Christus seine Wundmale auf Händen, Füßen und Brust. Zwei Jahre später starb er. Weil es mittlerweile keinen Menschen mehr gab, der den lebenden Heiligen nicht kannte, musste der Leichenzug streng bewacht werden – zu groß war die Gefahr, dass sich Räuber der „kostbarsten Reliquie Italiens“ bemächtigen wollten.

Hatte Franz Christ Auftrag erfüllt? Hat er seine Kirche wiederhergestellt? Ist der Traum von Innozenz III. wahr geworden? Auch wenn die Päpste in den folgenden Jahrhunderten oft noch herrsch- und prunksüchtiger wurden und die Kirche heute noch immer ein Machtfaktor in der Welt ist, gibt es sie noch – die Laterankirche ist nicht eingestürzt. Dass das so ist, hat sicherlich damit zu tun, dass Gott immer wieder Menschen beruft, durch ihr Leben zeigen, wie Nachfolge und Jüngerschaft aussehen kann – und dass sie das nicht außerhalb der Kirche tun, sondern mit ihr und ihr und ihr so ermöglichen, sich immer neu auf Christus auszurichten.

Matthias Wunder

Giotto di Bondone: Franziskus‘ Ordensregeln werden vom Papst bestätigt. Fresko in der Basilika in Assisi. | Foto: Joachim Schäfer / Ökumenisches Heiligenlexikon
Links: Basilika des Heiligen Franziskus in Assisi. | Foto: Herbert Berndl
Autor:

Matthias Wunder aus Niederösterreich | Kirche bunt

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