10. Sonntag im Jahreskreis | 07. Juni 2026
Meditation
- SchülerInnen bildeten am Gelände des BORG Dreierschützengasse eine Menschenkette.
- Foto: Neuhold, 23. Juni 2025
- hochgeladen von SONNTAGSBLATT Redaktion
Ich halte dich
Kleine und große Menschen strömten hin zur Pfarrkirche. In bunten Kleidern, manche mit Stofftier unterm Arm oder mit Blumen. Strahlender Sonnenschein, der Himmel blau und wolkenlos: Es war ein Tag, an dem so vieles gut zu sein schien. Am Platz vorm Gotteshaus fädelten Kinder bunte, mit Buchstaben bedruckte Perlen auf und verteilten Armbänder an alle, die gekommen waren. Und bald schon strahlte ein Name hundertfach von Armgelenken: Pauline.
Im Inneren des Gotteshauses wechselten Kammermusik, ein Chor und Volksgesang einander ab – ein Vielklang schöner als der andere. Kinder und Jugendliche brachten Stoffbänder in Regenbogenfarben zum Altar, begleitet von Gesten bitterer Traurigkeit und Worten aufrichtigen Danks.
„Ach, Pauline ...“ Mit diesen Worten begann die Mutter der Vierzehnjährigen, zu deren Verabschiedung Hunderte gekommen waren, vom Ambo aus zu sprechen. Ruhig und ohne Notizzettel erzählte sie über die Älteste ihrer drei Töchter. Paulines Vater und ihre jüngere Schwester machten es ebenso. Die Kleinste der drei Schwestern pustete Seifenblasen über den Sarg der großen.
Am 10. Juni 2025 erschoss ein junger Mann in einer Grazer Schule neun Jugendliche, eine Lehrerin und dann sich selbst. Sprachlosigkeit, Schock, Zusammenbruch. Die hinterbliebenen Familien und FreundInnen stehen plötzlich vor der Frage: Wie das Leben wiederfinden – im Stillstand, Ausnahmezustand, in der Katastrophe?
Auf der von ihrer Schwester farbenfroh gemalten Parte lädt Paulines Familie ein, in bunter Kleidung zur Verabschiedung zu kommen. Nach dem Gottesdienst geht eine junge Frau am Kirchplatz durch die Menge, mit einem Schild, auf dem „Free Hugs“ – gratis Umarmungen – geschrieben steht. Dem Aufruf leisten viele Folge. Sie legen sich und ihre Trauer in die Arme einer Frau, die da ist, um andere aufzufangen.
An diesem schweren Tag haben Menschen der Erinnerung mehr Raum gegeben als dem Schmerz. Haben der Liebe mehr Platz eingeräumt als dem Hass. Haben gezeigt, wozu der Mensch auch fähig ist. Im ruhigen Miteinander und im Beisammensein nehme ich wahr: Wer andere hält, wird selbst gehalten.
Anna Maria Steiner
Autor:SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT |
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