22. Sonntag im Jahreskreis | 29. August 2021
Meditation

Wie schmeckt Zeit?

Auf die Frage, wie alt wir sind, nennen wir die Zahl der Jahre seit der Geburt. Ein Vierzigjähriger etwa käme nicht auf die Idee, sein Alter mit hundertsechzig anzugeben. Und doch schenkt jedes Jahr sich uns vierfach in den vier Jahreszeiten.
Unsere Vorfahren hatten mehr Gespür für die Jahreszeiten. Notgedrungen. Sie erlebten stärker Hunger und Kälte des Winters, den Aufbruch des Frühlings, das Reifen im Sommer und die Ernte im Herbst.
Wir dagegen haben uns unabhängiger gemacht von Witterung und Erntezeit … Wir konservieren immer feiner unsere Ernte und fliegen Früchte ein aus Ländern, in denen gerade Erntezeit ist. Die Jahreszeiten werden gleichgültig. Das vierfache Leben des Jahres mit eigenem Gesicht im Frühling, im Sommer, im Herbst und Winter verkommt uns leicht zu einem Einheitsbrei. Die Zeitschwellen des Jahres werden eingeebnet.
Wenn Früchte und Blumen nur noch in den Supermarktpreisen den Stand des Jahres anzeigen, dann ist die Jahreszeit käuflich geworden bis zum Ausverkauf. Wenn Sonne, Regen und Schnee, Wärme und Kälte mehr eine Frage des Wetterberichtes werden als des eigenen Erlebens, dann schrumpft das Jahr. Wenn Regen nur mehr nass macht, eine Frucht nur noch satt und Schnee nur noch kalt, dann sind die Jahreszeiten ausgelaugt.
Aber so ist es nicht. Es gibt nicht nur die Außenseite der Dinge, nicht nur ihren Gebrauchswert, ihre Funktion. Es gibt auch die Innenseite der Dinge, ihren Anrufcharakter, ihre Signalwirkung. Regen kann trunken machen, eine Blume kann uns anrühren, ein Sonnenaufgang uns erquicken und eine Frucht laben.
Der erste frische Spargel, die neuen Kartoffeln, selbst gesammelte Brombeeren oder Kastanien, darin lassen sich Jahreszeiten schmecken. Oder im Duft der Lindenblüten … Oder im Riechen des Kartoffelfeuers, dessen Rauch sich in langen Fahnen über die abgeernteten Felder ausbreitet. Oder die Jahreszeit erschließt sich im Betasten einer vollreifen Birne, beim ersten Hören der Nachtigall, im Wandern durch eine zugedeckte Winterlandschaft. Da teilt sich die Jahreszeit unmittelbar über die Sinne mit, so dass sich Zeit schmecken, riechen, tasten, hören und schauen lässt.
Was die Sinne wirklich wahrnehmen, das bleibt nicht äußerlich. Es dringt tief in den Menschen ein und wandelt ihn.
Werner Thyssen, in: Kostbar ist der Augenblick, Butzon & Bercker, 2004.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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