17. Sonntag im Jahreskreis | 25. Juli 2021
Meditation

Die großen Eltern

Glücklich jedes Kind, das Großeltern hat. Immer wieder treten auch Menschen in unser Leben, die zwar nicht die leiblichen Großeltern sind, aber großväterliche und großmütterliche Energie verkörpern und weiterge-
ben.
Auch wenn es gar nicht viel Zeit ist, die man mit den „großen“ Eltern verbringt – sie sind anders da, wenn sie da sind. Vielleicht sind sie entspannter als die Eltern, weniger streng, hören anders zu, nehmen anders Anteil oder drücken ihre Freude direkter aus. Was es auch immer sein mag, Kinder hören ihnen sehr genau zu, schauen, was sie tun, wie sie sind, und nehmen begierig auf, was sie von ihnen bekommen.

Mein Großvater hatte in seiner Gartenhütte eine Blechdose mit vielen bunten Federn. Für einen Buben eine äußerst reizvolle Sammlung. Ich konnte nicht widerstehen und nahm mir eine Feder. Aber da stand er schon im Stiegenhaus, sah die Feder hinter meinem Rücken hervorbaumeln und fragte: „Hast du dir eine Feder genommen?“ Lieber lügen als schämen, dachte ich mir und verneinte.

Nachdem er auf die unübersehbare Feder gedeutet hatte, nahm er mich zur Seite und sagte: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht.“

Auch wenn das Prinzip „Lieber lügen als schämen“ auch heute noch manchmal eine Versuchung ist, so ist diese Begebenheit eingeschrieben in mein Herz und ermahnt mich, nicht den scheinbar leichteren, sondern den ehrlicheren Weg zu suchen.

Dankbar bin ich meinem Großvater bis heute, dass er mich mit einer simplen Bestechung in der Pubertät, in der schwierigsten Phase eines jungen Klavierspielers, dazu gebracht hat, das Üben nicht aufzugeben. Für das Spielen eines Stückes gab er einen Schilling, für 25 mal Spielen eine Silbermünze. Diese Münzen gehörten zu den wertvollsten Schätzen eines Bubenherzens, und so blieb ich in dieser Zeit meinem Instrument treu. Aufrichtigkeit und Großzügigkeit waren die Gaben dieses Großvaters an mich.

Von den anderen Großeltern erhielt ich Würde und Güte, Humor und Genuss, Treue und das Wissen um die Kraft der Vergebung. Und damit sind nur einige der kostbaren Schätze benannt, die die „großen“ Eltern an mich weitergegeben haben.

aus: Gernot Candolini, Wendepunkte des Lebens, Claudius Verlag

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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