4. Sonntag im Jahreskreis | 31. Jänner 2021
Meditation

Pfarrer und Poet
Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und keiner ginge, um zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen.“ Das ist von Kurt Marti? Wer ist denn Kurt Marti? Den Ausspruch kannte ich schon lange und habe ihn „gefeiert“, wie es in Jugendsprache heißt und ich von meiner Firmgruppe lernte. Dieses Zitat traf besonders während meines Studiums ein drängendes Gefühl in mir. Ich sah so viele ausgetretene Wege, die aus meiner Perspektive scheinbar nirgends hinführten. So viel „Weil es immer schon so war“ und so wenig Experiment.
Da war Kurt Marti ein guter Anwalt meiner Anliegen. „Ich glaube nicht, daß es einen vorhersehbaren Weg gibt. Der Weg kommt, indem wir gehen“, schrieb er und setzte noch eines drauf: „Ein Gott, der kirchenförmig gedacht wird, hindert die Kirche daran, gottesförmig zu denken.“ O ja – das ist Kirchenkritik ganz nach meinem Geschmack, denn da geht es ans „Eingemachte“. Marti hält sich nicht mit Details am Rande auf, sondern geht aufs Ganze. Denn in der Kirche, da geht es um nichts weniger als Gott. Sollte es zumindest: „Heillos gesund überlebt der kirchliche Apparat das Verschwinden Gottes aus ihm. Er hat es nicht einmal bemerkt“, konstatierte er schon vor Jahrzehnten, und ich fühle heute noch, was er meinte.
Wenn Sie sich jetzt auch fragen, so wie ich damals: Wer ist denn dieser Marti? Am
31. Jänner 2021 wäre der evangelisch-reformierte Pfarrer und Schriftsteller aus der Schweiz 100 Jahre alt geworden. Die Weltbühne verließ Kurt Marti mit 96 Jahren. Er war wohl manchen ein unbequemer Zeitgenosse, der sich in welt- und gesellschaftspolitischen Fragen deutlich positioniert und engagiert hat.
„Unentwegt stacheln Wirtschaft und Schulen den, wie sie sagen, ‚gesunden‘ Ehrgeiz an. Als wäre Ehrgeiz etwas anderes als eben – Geiz, das heißt verweigerte Solidarität. Deswegen ist, nach Martin Buber, Erfolg keiner der Namen Gottes“, schrieb Marti gegen ein rein leistungsorientiertes Bildungsverständnis an. Aber auch sich selbst ließ er nicht unkritisiert stehen und machte sich damit gleichermaßen berühr- wie angreifbar: „Auch ich kann nicht beten. Ich glaube, man sieht uns allen an, daß wir nicht beten können. Man sieht es auch denen an, die weiterhin beten oder zu beten meinen. Dennoch kann ich mir die Sprache einer besseren Zukunft nicht vorstellen ohne etwas wie Gebet.“
Kurt Marti hinterließ Worte, die noch lange reichen, um immer wieder anzufangen. Damit sein Wunsch Stück für Stück wahr wird – nämlich, „dass Gott ein Tunwort wird“.

Katharina Grager

Autor:

Florian Heckel aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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