Zum Nachdenken: Der heilige Josef
Lieber Josef!

Beinahe neun Jahrzehnte schon hab ich die Ehre, Deinen Namen zu tragen … In der Bibel steht kein einziges Wort von Dir, was manche Prediger dazu verleitet, Dich zu einem großen Schweiger zu deklarieren. Doch diese Deine Zurückhaltung hat es in sich.

Dein Beispiel ist gerade heute aktuell. In unserer Gesellschaft, wo nur die ersten Plätze zählen und die sie einnehmen große Worte von sich geben, scheint es mir wichtig, darauf hinzuweisen, dass es im Leben nicht auf die ersten Plätze ankommt, sondern wie man seinen Dienst verrichtet, auch wenn man in der 10. oder 20. Reihe zu stehen kommt.

Für mich bist Du gerade deshalb ein wichtiger und zeitgemäßer Heiliger. Deine Bescheidenheit kann ein wichtiges Signal für unseren Lebensstil sein. Nicht Superleistungen sind für ein gelingendes Leben entscheidend, sondern der treue und selbstlose Dienst am Nächsten. Wer sein Leben nach diesem Maßstab ausrichtet, der braucht keine krummen Schachzüge zu tätigen, um beachtet zu werden.
Dein Lebensschicksal teilst Du mit vielen unserer Zeitgenossen. Um das Leben Deines Ziehsohnes zu retten, musstest Du die Heimat verlassen und in der Fremde eine neue Existenz aufbauen. Wie die meisten der Zuwanderer heute bist Du dort ein Fremder geblieben. So kamst Du wieder in Deine alte Heimat zurück, als sich die Möglichkeit dazu bot.

Aber auch dort hast Du keine großen Leistungen vollbracht, sondern bist ein bescheidener Handwerker geblieben. Für die biblischen Schriftsteller kein Anlass, über Dich auch nur ein Wort zu verlieren. Eines aber hat sie doch beeindruckt, nämlich wie Du zur Rolle des Ziehvaters Jesu gekommen bist. Da legtest Du tiefe Gläubigkeit und Charaktergröße an den Tag. Andere hätten wahrscheinlich Maria den Rücken gekehrt, als sie bemerkten, dass sie ohne Dein Zutun schwanger geworden war, und sie einfach ihrem Schicksal überlassen. Da man Dich bei diesem Plan zunächst gar nicht einbezogen hatte, hättest Du die beleidigte Leberwurst spielen können, nach dem Motto: Ich bin nicht einbezogen worden, nun schaut selber, wie ihr da herauskommt. Nein, diese Einstellung passt nicht zu Dir. Du sahst Dich als Werkzeug Gottes und machtest das Beste aus dieser Situation, das dann auch das Beste für uns alle wurde. So bist Du für uns ein Vorbild, wie wir uns in oft unerklärlichen Situationen benehmen sollten. Wissend, dass Gottes Wege oft schwer durchschaubar, aber dennoch zu unserem Wohle sind.
Heiliger Josef, verehrter und geliebter Namenspatron, lass uns teilhaben an Deinem starken Glauben und Deiner tiefen Demut, stets bereit, Gottes Willen zu erkennen und zu befolgen.

Josef Innerhofer, Bozen (von der Redaktion gekürzt)

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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