26. Sonntag im Jahreskreis | 27. September 2026
Für Feinde beten

Foto: pexels

Etwas Schwierigeres, als unseren Feinden zu vergeben, gibt es: für sie zu beten. Zu vergeben? Ja: Das kann ein wenig leichter sein, weil man zumindest in manchen Fällen schließlich imstande ist, die Sache hinter sich zu lassen. Das heißt: Wenn Sie einmal die Gnade gefunden haben, Menschen zu vergeben, die Ihnen wehgetan haben – was Wochen, Monate oder sogar Jahre dauern kann –, fühlen Sie sich oft befreit und können ein schmerzliches Kapitel Ihres Lebens hinter sich lassen. Sie können sagen: „Ich bin froh, dass das vorbei ist.“
Für Ihre Feinde zu beten hingegen verlangt mehr geistliche Arbeit, weil es Sie dazu zwingt, sich die Menschen, die Ihnen jetzt gerade wehtun, bewusst vor Augen zu halten. Und noch mehr: Sie tun aktiv etwas Gutes für sie, indem Sie für sie beten. Genau das aber fordert Jesus von uns.

Vor nicht allzu langer Zeit begegnete ich einem 93‑jährigen Jesuiten mit einem bemerkenswert heiteren Wesen. Ich fragte ihn, ob er ein Geheimnis kenne, wie man friedlich in einer Ordensgemeinschaft leben könne. „Nun“, sagte er, „manchmal ärgere ich mich schon über die Leute, mit denen ich zusammenlebe!“ Doch wenn ihm das Verhalten eines Mitbruders zu schaffen macht, denkt er zuerst an das Gute, das dieser Mensch getan hat. (Zugegeben: Es ist schwer, etwas Gutes in Menschen zu erkennen, die Sie verletzt, verfolgt oder missbraucht haben.) Dann bittet der Jesuit darum, den anderen so sehen zu können, wie Gott ihn sieht.

Diese zweite Einsicht ist für mich immer sehr hilfreich gewesen. Sehr wahrscheinlich sind diese Menschen selbst einmal schlecht behandelt worden. Oft liegt ihrer Grausamkeit Unsicherheit zugrunde, und ihr verletzendes Verhalten ist ein Zeichen ihres eigenen seelischen Leidens. Wenn wir Menschen besser verstehen und vielleicht sogar Mitleid mit ihnen haben, fällt es leichter, für sie zu beten.

Wie gesagt: Es ist schwer. Aber wenn es gelingt, fühlen Sie sich vielleicht freier von Zorn und Groll. So kann es am Ende sowohl für Sie selbst als auch für die Menschen, für die Sie beten, ein Geschenk sein.

James Martin SJ
aus: In allen Jahreszeiten für alle Gelegen-
heiten, essencio Verlag, 2026. Mehr: S. 20.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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