26. Sonntag im Jahreskreis | 27. September 2020
Ein Fenster in der Wand

Welches Gedicht braucht die Welt wohl jetzt?, fragt mich die Dichterin. Bevor ich etwas sagen kann, fällt sie mir ins noch nicht gesprochene Wort: Sag jetzt nicht, dass Gedichte schön sind, aber unbrauchbar. Sag jetzt nicht, dass die Welt vor allem Schutzkleidung und Beatmungsgeräte und Wirtschaftshilfen braucht, Gedichte aber nur Zierrat seien. … Wir brauchen Gedichte! Die Kraft des Wortes. Gedichte sind Lebensmittel, wenn Speis und Trank und Medizin versagen. …
Wir brauchen Worte, die Kraft geben, Worte, die wir uns nicht selber sagen können. Die Vorstellungskraft ist eines der größten Geschenke, das die Menschheit ihr Eigen nennt. Vorstellungskraft ist das Vermögen, Alternativen zum Status quo zu erfassen. Status quo: Das ist die Welt, wie sie ist; das ist die Wirklichkeit. Die Künstlerin, die sich malend, dichtend, formend, darstellend der Vorstellungskraft bedient, tut dies mit einem Blick auf das, was ist – und mit einem Blick auf das, was sein könnte. Durch die Macht der Vorstellungskraft ist dem Status quo das Mandat entzogen, das abschließende Wort zu sprechen. Wir sind dann nicht eingemauert in der Welt, wie sie ist. Die Arbeit der Vorstellungskraft ist wie das Herausschlagen eines Fensters. So entsteht ein Blick auf Anderes und Fremdes und Neues. Dieses Fremde kann „befremden“, dieses Neue kann „erneueren“, dieses Andere kann (mit Horkheimer formuliert) „die Sehnsucht nach dem ganz Anderen“ nähren und stillen. Gerade in einer Krise brauchen wir eine Idee von Weite, sage ich; eine Idee dafür, dass die Dinge anders sein könnten …Siehst du, sagt die Dichterin. Die Vorstellungskraft entzieht der Gegenwart die Macht über uns. Wir können durch eine Tür in eine andere Welt treten. Und diese Tür haben wir alle in uns. Aber eine Geschichte kann auch diese Tür sein oder ein Gedicht.
Diese Tür in eine neue Wirklichkeit kann aber auch eine Flucht sein, wende ich ein. Was ist so übel an einer Flucht?, überrascht mich die Dichterin. Die Flucht aus Ägypten, wie sie im Alten Testament beschrieben wird, ist doch eine großartige Sache.
Aber wenn wir aus der Wirklichkeit fliehen, können wir die Probleme nicht anpacken, können wir dem Leid nichts entgegensetzen.
Siehst du, das ist der Irrtum, sagt die Dichterin. Wenn die Wirklichkeit ein Gefängnis ist, ist es gut zu fliehen – und dann zurückzukommen, um die anderen zu befreien. Das ist der eigentliche Wert der Vorstellungskraft: Sie leugnet nicht die Wirklichkeit, sie verwandelt sie. Sie baut ja nicht eine Wand zwischen dir und der Wirklichkeit auf, sie öffnet eine Tür, die die Welt mit einer anderen Welt verbin-
det.

Clemens Sedmak, in: hoffentlich.
Gespräche in der Krise, Tyrolia 2020

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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