Christentum - Ein Reiseführer | Etappe 009
Wer glaubt woran?

Holzschnitt von Camille Flammarion. Die Sehnuscht, hinter den Horizont zu blicken
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Brauchen wir den Glauben?

Die einen würden darauf verweisen, dass der Glaube ihnen und zahllosen anderen Menschen Halt gibt. Sie würden darauf hinweisen, dass Religionen das Zusammenleben der Menschen fördern, indem sie ethische Grundsätze aufstellen, begründen und vermitteln. Andere hingegen würden die gegenteilige Position einnehmen und behaupten, dass der Glaube etwas ganz Privates sei und eine Anschauung darstelle, welche die einen sich leisteten, während andere problemlos auf sie verzichteten. Die letzte Gruppe kann als Beleg für ihre Behauptung insbesondere die Situation anführen, die nach 40 Jahren Sozialismus in den neuen deutschen Bundesländern und Tschechien entstanden ist. Ein Großteil der Menschen dieser Gebiete, oft bis zu 80 Prozent der Bevölkerung, lebt dort offensichtlich ohne Glauben.

So sehr diese Entwicklung zu denken gibt, so handelt es sich bei ihr weltweit und weltgeschichtlich gesehen um den absoluten Ausnahmefall. Weder in der Geschichte noch in der Gegenwart ist nämlich eine Kultur bekannt, die völlig ohne Religion auskäme. Übrigens haben sich keineswegs alle Länder, die längere Zeit unter sozialistischer Herrschaft standen, in einem derart großen Umfang vom Glauben verabschiedet. Das katholische Polen ist hierfür ebenso ein Gegenbeispiel wie verschiedene Länder mit orthodoxer Prägung. Der Atheismus ist deshalb ein Phänomen, das gesondert erklärt werden muss.

Vertrauen: Grundstruktur des Lebens
Als Mängelwesen ist der Mensch darauf angewiesen, erfolgreich mit seiner Umwelt zu kooperieren. Um dieses Ziel zu erreichen, versucht er, Kenntnisse über die Zusammenhänge zu erlangen, die seine Lebenswelt bestimmen. Dabei ist es ihm jedoch nie möglich, diese Zusammenhänge auf einmal und ganz zu erkennen. Er muss immer schon handeln, bevor er wirklich alles über die Situation weiß, in die er gestellt ist. Das aber bedeutet, dass der Mensch zu seinem eigenen Überleben zwar beobachtet und überlegt, sich letztlich aber immer ein Stück weit auf Vertrauen hin entscheiden muss. Der Mensch kann also nur leben und überleben, wenn er seiner Welt mit einem Vertrauensvorschuss begegnet. Dieser Vertrauensvorschuss ist für unser physisches und psychisches Überleben unverzichtbar. Hier begegnet uns bereits eine Vorstufe von Religion. Religion basiert auf dem Vertrauen, in einer sinnvollen und verlässlichen Welt zu leben. Der Glaube weiß sich inmitten der verwirrenden Vielfalt von Erfahrungen im Letzten doch von Gott gehalten. In diesem Sinn kann man auch sagen, dass jeder Mensch von Natur aus religiös ist.

Diese im Menschen angelegte natürliche Vorstufe des Glaubens wird dort entfaltet, wo der Mensch diese Vertrauenshaltung auf sein ganzes Leben bezieht. Dabei muss er die Kraft aufbringen, auch Erfahrungen des Leids, der Absurdität und der Hoffnungslosigkeit in einem größeren Horizont des Vertrauens zu integrieren, der selbst diese scheinbar widersprüchlichen Erfahrungen noch umfassen kann. Sie mögen seinen Glauben an eine sinnvolle, geordnete und von Gott gehaltene Welt zwar zeitweise erschüttern und ihn zweifeln lassen. Sein Glaube sagt ihm jedoch, dass letztlich nicht das Sinnwidrige, sondern das Sinnvolle die Oberhand behalten wird.

Doch woher nimmt der gläubige Mensch diese Gewissheit? Hofft er grundlos? Wie kommt er zu der Annahme, dass letztlich nicht das Chaos, das Absurde und das Böse den Sieg davontragen, sondern die Harmonie, das Sinnvolle und das Gute? Um diese Frage beantworten zu können, muss der Glaubende sich auf Gott oder das Göttliche beziehen und von ihm als von einer Person bzw. Macht sprechen, die das Leben insgesamt trägt. Der gläubige Mensch tut dies, weil er in dem durch Gott verbürgten Sinn das Gesetz des Lebens wiedererkennt, jenes Gesetz, das ihn von seinem ersten Atemzug an begleitete und das er mit jeder seiner Handlungen aktiv bestätigt. Dieses Vertrauen ist Ausdruck einer Hoffnung, die keineswegs ins Blaue hinein hofft, sondern sich auf all die Erfahrungen gelingenden Lebens gründet, die er in seinem bisherigen Leben machen durfte.

"Der Mensch kann nur dann leben und überleben, wenn er seiner Welt mit einem Vertrauensvorschuss begegnet. Dieser Vertrauensvorschuss ist bereits eine Vorstufe dessen, was Glauben meint."
Regina Radlbeck-Ossmann

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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