Leidenschaften und Gefährdungen | Teil 07
Weil Gott es bei mir aushält

Es bei sich selbst auszuhalten ist eine Gabe, die man üben kann.
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Trägheit, Akedia

Der Mönch Evagrius Ponticus (4. Jahrhundert) schildert die Akedia recht humorvoll. Da ist ein Mönch in seiner Zelle und liest Bibel. Dann schimpft er, dass das Licht nicht hell genug ist. Außerdem ist er schläfrig. Er nimmt die Bibel als Kissen. Aber er schläft nicht gut darauf, weil es hart ist. Er steht auf, schaut zum Fenster heraus, ob nicht ein Mitbruder kommt, um ihn zu besuchen. Dann beschwert er sich über die hartherzigen Mitbrüder.

Er geht wieder in seine Zelle, doch dann regt er sich auf, dass sie überall feucht ist. Schließlich juckt ihn sein Mönchskleid, das er anhat. Er möchte am liebsten aus der Haut fahren. Schuld sind immer die anderen.

Als ich diese Beschreibung aus dem 4. Jahrhundert vor einer Gruppe vorlas, meinte eine Frau, das sei die Beschreibung ihres Mannes, wenn es neblig ist. Dann ist er auch unausstehlich. Er liest Zeitung, schimpft über den Inhalt. Er geht hinaus. Aber da regt ihn das Wetter auf. Er geht in die Küche, schaut zu, was die Frau kocht, hat da überall etwas auszusetzen.

 

Unfähig für den Augenblick. Akedia ist die Unfähigkeit, im Augenblick zu sein. Immer möchte man woanders sein. Man hat weder Lust zum Beten noch zum Arbeiten, ja nicht einmal zum Nichtstun. Das, was gerade ist, ist immer schlecht. Aber wenn man etwas anderes tut, ist man auch nicht zufrieden.

Die Mönche sagen, dass der Dämon der Akedia die Seele des Menschen auseinander reißt. Er hat keine Mitte mehr. Er ist nicht bei sich. Die Mönche nennen diesen Dämon auch den Mittagsdämon, weil er gerade um die Essenszeit auftaucht.

Symbolisch könnte man sagen, es ist der Dämon der Lebensmitte. Da geraten viele Menschen auch aus dem Lot. Sie sind unzufrieden mit ihrem Leben, wissen aber nicht, wo es hin soll. Sie finden keinen Ort, an dem sie ganz präsent sind, einverstanden mit sich und ihrem Leben. Sie laufen vor sich selbst davon und klagen die Welt an, dass sie ihnen nicht das bietet, was sie wünschen. Aber letztlich wissen sie gar nicht, was sie wünschen. Denn jeder erfüllte Wunsch enttäuscht sie.

 

Ordnung hilft. Die Mönche raten als Weg aus der Akedia, sich eine klare Ordnung zu geben, den Tag gut zu strukturieren, ihn mit einem Ritual zu beginnen und zu beenden, sich Zeiten für das Gebet und für die Arbeit, für das Gespräch und für die Stille zu setzen. Weil die Seele nicht in Ordnung ist, braucht sie eine äußere Ordnung. Indem man sich an die äußere Ordnung hält, kommt auch die Seele wieder in Ordnung.

 

Es bei sich selbst aushalten. Ein anderer Rat, den die Mönche geben, ist: Bleib in deiner Zelle. Du brauchst gar nicht zu beten. Aber halte es mal aus bei dir. Und halte deine Unruhe Gott hin.

Blaise Pascal meinte im 17. Jahrhundert, dass es deshalb so schlecht um den „modernen“ Menschen (im 17. Jahrhundert) stehe, weil keiner mehr allein in seinem Zimmer bleiben könne.

Heute sind auch viele Menschen unfähig, es bei sich auszuhalten. Wir können es nur bei uns aushalten, wenn wir aufhören, uns zu bewerten. Wir lassen einfach hochkommen, was ist, und besprechen es mit Gott. Wenn die Unruhe uns zu zerreißen droht, befragen wir die Unruhe, was sie uns sagen möchte.

Die Unruhe weist immer auf unerledigte Probleme hin.

Vielleicht zeigt sie uns, dass wir uns noch nicht ausgesöhnt haben mit unserer Vergangenheit, mit den Verletzungen unserer Lebensgeschichte, oder dass wir uns noch nicht innerlich gelöst haben von den Illusionen, die wir uns vom Leben gemacht haben. Die Akedia wird geheilt, wenn wir es bei uns selbst aushalten. Weil es Gott bei uns aushält, deshalb können auch wir bei uns bleiben, auch bei dem, was uns an uns ärgert.

 

Von Gott angenommen. Die frühen Kirchenväter sprechen davon, dass jeder von Geburt an einen Engel hat. Ein zehnjähriges Mädchen fragte mich einmal, ob der Engel wirklich bei ihr bleibe, auch wenn sie immer wieder böse ist. Als ich ihr es bejahte, ging sie getröstet weg.

Das Mädchen hatte andere Botschaften gehört: „Du bist unmöglich. Bei dir hält es keiner aus.“ Diese Botschaften haben das Mädchen daran gehindert, bei sich zu bleiben. Es war in Gefahr, seine Personmitte zu verlieren, innerlich auseinander zu fallen.

Da ist es wichtig, dass der Engel es bei mir aushält, auch wenn ich mich selber nicht aushalten kann. Der Engel, der bei mir bleibt, ermöglicht es mir, bei mir zu bleiben und mich selber anzunehmen. Ich brauche mich nicht zu verurteilen, wenn der Engel mich nicht verurteilt, wenn Gott mich nicht verurteilt. Ich kann mich selbst annehmen, weil ich von Gott ganz und gar angenommen bin.

 

Es bei sich selbst auszuhalten ist eine Gabe, die man üben kann.
P. Anselm Grün ist Benediktiner der Abtei Münsterschwarzach. Bekannt ist er als Vortragender sowie als Autor 
zahlreicher vor allem spiritueller Bücher.
Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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