Trau dich, es ist dein Leben - Fastenserie 2019 | Teil 06
Vorwärts

Mit dem Einschlagen eines Weges lassen wir andere Pfade unbegangen zurück.
  • Mit dem Einschlagen eines Weges lassen wir andere Pfade unbegangen zurück.
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Jeder Mensch will zufrieden bejahen können, was er aus sich und seinem Leben macht. Und umgekehrt hinterlässt nichts einen schaleren Nachgeschmack als der Eindruck: Ich bleibe Zuschauerin im eigenen Leben und lasse es auf diese Weise an mir vorüberziehen.

Um zu einem solch beherzten Leben zu gelangen, gilt es, bei den kleinen und großen Entscheidungen das Steuerruder in die Hand zu nehmen. Ob in alltäglichen Begebenheiten oder bei weitreichenden Entscheidungen, unausweichlich steht man vor der Wahl: Fasse ich in dieser konkreten Situation den Mut, zu mir selbst zu stehen? Soll eine Entscheidung meine Handschrift tragen? Oder halte ich mich lieber bedeckt? Passe mich an? Gehe auf Nummer sicher?

Sich zu entscheiden braucht Mut. Denn egal ob man ein heikles Thema anspricht, sich vorzeitig pensionieren lässt oder sich für jemanden einsetzt – in all diesen Situationen lässt man sich auf ein Geschehen mit offenem Ausgang ein. Man geht das Wagnis ein, dass man möglicherweise falschliegt oder enttäuscht wird. Denn ob das Gespräch gelingt oder ob unser Engagement zum Erfolg führt, haben wir nicht 100-prozentig im Griff.

Jede bedeutsame Entscheidung bleibt ein Wagnis! Kein Wunder, dass viele es vorziehen, sich erst gar nicht zu entscheiden. Lieber belassen sie alles beim Alten, als dass sie Neues wagen – selbst dann, wenn sie sich mies fühlen.

Doch der schlechteste Weg, den man wählen kann, ist der, keinen zu wählen! Unglück entsteht oft weniger aus Fehlentscheidungen als aus fehlenden Entscheidungen. Denn wenn wir nicht entscheiden, dann entscheiden andere oder anderes über uns: der Lauf der Zeit, Umstände oder Menschen mit ihren gut gemeinten Ratschlägen.

Ehrlich gesagt: Es überrascht mich, wie viele Menschen ihr Leben führen, als hätten sie danach noch eins und noch eins und noch eins … Aber das Leben lässt sich nicht aufschieben! Entweder ich ergreife es hier und jetzt – oder lasse es an mir vorübergleiten. Entweder ich verschlafe es – oder bin wach dabei. Aufwecken kann eine tiefe, unter die Haut gehende Einsicht in die Begrenztheit: in die Endlichkeit der eigenen Kraft und Lebenszeit. In die Beschränktheit der Mitmenschen, der natürlichen Ressourcen und der Machbarkeit von Dingen.

Natürlich, der Tod ist ein Totschlagargument. Aber er ist trotzdem ein Argument. Denn er wird kommen, und dann wäre es gut, sagen zu können: „Ich habe mein Leben gelebt! Und es nicht nur hingenom-
men.“

Um das Leben hier und jetzt beim Schopf zu ergreifen, hilft es, ab und zu vom vorgestellten eigenen Ende her auf das Jetzt zu schauen. Wer wirklich spürt: „Ich habe nur dieses Leben“, entdeckt dessen Kostbarkeit oft mit einer neuen Klarheit. Die Einmaligkeit der Beziehungen und die Bedeutsamkeit des eigenen Tuns treten heller zutage. Und dies kann dazu animieren, intensiver zu leben und beherzter zu entscheiden.

Nicht nur die Angst vor Ungewissheit oder einer möglichen Fehleinschätzung führen in Entscheidungsblockaden. Ebenso schallen innere Alarmglocken angesichts des Preises, den man für eine Entscheidung zahlen müsste. Denn in jeder Entscheidung für etwas scheiden wir andere Möglichkeiten aus. Sich zu entscheiden bedeutet, zu diesem Ja und zu jenem Nein zu sagen. Wer ein selbstbestimmtes Leben führen will, braucht also den Mut, sich selbst zu beschränken. Je nachdem, worum es geht, kann ein solcher Verzicht bitter schmecken.

Es mag sich merkwürdig anhören, doch manche weitreichenden Entscheidungen brauchen echte Trauerarbeit! Denn mit dem Einschlagen eines Weges lassen wir andere, oft durchaus reizvolle Pfade unbegangen zurück.

Wie lässt sich der Angst, etwas zu versäumen, mutiger die Stirn bieten? Was kann die Entscheidungskraft stärken?

Zum einen hilft die Einsicht: Wer auf allen Hochzeiten tanzen will, ist bei keiner richtig dabei. Zum anderen hilft ein nüchterner Blick sowohl auf den Gewinn als auch auf den Preis, den man selbst und den andere für eine Entscheidung zahlen müssen. Denn wer sich nicht im Vorfeld mit den Kosten auseinandersetzt, die das Ziel fordert, kommt schnell ins Straucheln. Nach dem Motto: „Keiner hat mir gesagt, dass man bei dieser Wanderung zu Fuß unterwegs ist …“ Auf jeder Entscheidung klebt ein Preisschild, und es gilt, gut abzuwägen: „Ist es mir das wert? Bin ich bereit und fähig, diesen Preis zu zahlen?“

Und schließlich lautet die entscheidende Frage: Wie heißt das Ziel, an dem ich mein Ja und Nein orientiere? – Allein wenn uns das Ziel so viel bedeutet, dass es uns den Verzicht wert ist, werden wir den Verlust auch gut verschmerzen. Anders gesagt: Es braucht ein Ja zu etwas Größerem, das uns erfüllt. Denn nur ein solches Ja kann das Nein lebenswert machen, das mit einer Entscheidung immer auch einhergeht. Daher gehört es zum Wichtigsten im Leben, zu wissen, was einem wirklich wichtig ist. Und darin liegt die Schönheit des Glaubens: das Herz zu haben, etwas zu wagen.

Wer ein selbstbestimmtes Leben führen will, braucht den Mut, sich selbst zu beschränken.

Melanie Wolfers

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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