Kirche und Sexualität | Teil 13
Über die „heißen Eisen“

Während dieses Reifeprozesses, vor allem während der Pubertät, kann die Selbstbefriedigung vorübergehend eine Rolle spielen beim Entdecken des eigenen Körpers oder bei der Suche nach der persönlichen sexuellen Identität. Manche suchen durch sie Entspannung bei Stress und Anspannung.<br />
In der Selbstbefriedigung findet die Sexualität aber keine Erfüllung, denn in ihr bleibt man auf sich selbst bezogen. Oft ist sie Ausdruck von Einsamkeit; dann verstärkt sie eine innere Isolation. Sie kann überwunden werden, indem die vitale Kraft der Sexualität, die nicht nur durch die Geschlechtlichkeit ausgedrückt werden kann, auf andere Menschen hin geöffnet wird. Sittlich bedenklich wird sie, wenn sie zur Gewohnheit oder zwanghaft wird, vor allem aber ist sie abzulehnen, wenn sie Ausdruck dafür ist, dass sich jemand narzisstisch in sich selbst zurückzieht.

Homosexualität ist keine Krankheit

Bei der Homosexualität sind zu unterscheiden: die Neigungshomosexualität, die in den ersten Lebensjahren grundgelegt wird und nach heutigem Wissensstand nicht mehr geändert werden kann; die Entwicklungs- oder Pubertätshomosexualität als mögliche, aber vorübergehende Phase der sexuellen Reifung; die Verführungshomosexualität, wenn durch einschlägige Erfahrungen die vorübergehende homophile Phase während der Pubertät verfestigt wird; die Nothomosexualität als Ersatz für heterosexuelle Beziehungen, zum Beispiel beim Militär oder in Gefängnissen, der jedoch keine homosexuelle Neigung zugrundeliegt, sondern nicht geübte sexuelle Enthaltsamkeit. Als eigentliche Homosexualität ist nur die Neigungshomosexualität anzusehen, deren biologische und psychologische Ursachen noch nicht restlos geklärt sind. Die anderen Formen sind veränderbar. Die Neigungshomosexualität hingegen, die bis zu fünf Prozent der Männer und zwei bis drei Prozent der Frauen betrifft, stellt keine Krankheit dar. Deshalb ist es verfehlt, von einer Heilbarkeit zu sprechen oder eine Umpolung der sexuellen Ausrichtung anzustreben. Dies betonen auch die lehramtlichen Äußerungen, die zudem unterstreichen, dass diese Neigung keine Sünde ist, da sie ja nicht frei gewählt wird, und dass homosexuellen Menschen mit Respekt, Mitgefühl, Takt und ohne Diskriminierung zu begegnen ist.<br />
Allerdings verlangt die Kirche von diesen Menschen sexuelle Enthaltsamkeit, da homosexuelle Akte als widernatürlich und sündhaft angesehen werden. Dies wird auch biblisch begründet. Die Exegeten sind sich allerdings uneins, ob die entsprechenden Stellen (etwa Gen 19; Lev 18,22; Röm 1,26–28) im Sinne einer generellen sittlichen Verurteilung praktizierter Homosexualität auszulegen sind oder ob sie nicht die Ablehnung homosexueller Praktiken wie promiskuitives Verhalten, sakrale Prostitution oder die Verbindung mit Gewalt bedeuten, oder ob sie, etwa bei Paulus durch den Einfluss der Stoa, zeitgeschichtlich bedingt sind.

Gewiss: In einer homosexuellen Beziehung können nicht alle Sinngehalte der Sexualität, zu denen die Zeugungsfähigkeit gehört, verwirklicht werden. Es gibt Selbsthilfegruppen homosexueller Menschen, die sich aufgrund ihrer Erfahrung, dass ihnen die gelebte Homosexualität nicht die ersehnte Erfüllung schenkt, gegenseitig unterstützen, enthaltsam zu leben. Andererseits jedoch sieht es der Theologe und Psychologe Wunibald Müller als Gebot unserer Zeit an, alles zu vermeiden, was es homosexuellen Menschen erschwert, zu ihren Gefühlen zu stehen, da erst die Annahme der homosexuellen Gefühle die psycho-sexuelle Reifung ermöglicht und schließlich den Weg zu echter Liebe bahnt.
Auch bei einer homosexuellen Beziehung ist darauf zu achten – so unter anderem Kardinal Christoph Schönborn und der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff –, ob sie eingebettet ist in Qualitäten wie Treue, Dauer, Achtung vor- und Verantwortung füreinander. Eine stabile Beziehung ist besser, als wenn jemand in die „Gay-Kultur“ abgedrängt wird, die Homosexualität als Lebensstil propagiert und verherrlicht oder promiskuitiv lebt.

Die Stufenleiter der Zärtlichkeit erklimmen
Außereheliche Beziehungen, die einen ehelichen Treuebruch darstellen, sind sittlich immer abzulehnen. Paare hingegen, die bewusst nicht heiraten wollen, müssen sich fragen, aus welchen Gründen sie diesen Schritt ablehnen, der zugleich ja auch ein Akt der Öffentlichkeit ist, das bedeutet: des Sich-sehen-Lassens, und ob möglicherweise nicht doch ein Rest an Vorbehalt in der gegenseitigen Annahme und Hingabe sie daran hindert, sich zu (ge-)trauen. Andererseits zeigt die Erfahrung, dass nicht-eheliche Paare im Falle von Trennungen oft nicht weniger leiden als Ehepaare, die sich trennen, was widerspiegelt, dass ihre Liebe nicht weniger echt ist.
Bei vorehelichen Beziehungen ist zu differenzieren zwischen Partnerschaften, die auf Ehe hin ausgerichtet sind, und solchen, bei denen es sich um frühzeitige, wechselnde oder sexuell freizügige Beziehungen handelt und die von mangelnder psychosexueller Reife oder von der Reduktion der sexuellen Begegnung auf Triebbefriedigung zeugen, sodass die Partner zu austauschbaren Sexualobjekten werden, was ihrer Würde immer widerspricht. Vergnügen auf Gegenseitigkeit steht im Widerspruch zu echter Freude und ungeschuldeter Hingabe. Eine sexuelle Beziehung, die Ausdruck von gegenseitiger Hingabe und Annahme ist, bedarf der Treue und Dauer: In ihr wird der Partner oder die Partnerin mitsamt seiner oder ihrer Geschichte und Persönlichkeit ernst genommen. Erst in eine solche Partnerschaft integrierte Sexualität findet Erfüllung und ist authentische Kommunikation personaler Liebe. Eine solche Partnerschaft bedarf der Reifung, um die Stufenleiter der Zärtlichkeit „Stufe für Stufe“ zu erklimmen, wo die volle Geschlechtsgemeinschaft die höchste, nicht aber die erste Stufe ist. Deshalb ist es Ziel der Sexual- und Beziehungs-ethik, Paare nicht nur zur Ehe zu ermutigen, sondern sie auch zu motivieren, sich auf die Gradualität der Intimität einzulassen und auf dem Weg vom Liebes- zum Ehepaar den Reiz auszukosten, warten zu können.

Es gibt kein Rezept
Papst Johannes Paul II. hat im Zusammenhang mit der Geschiedenen-Wiederverheirateten-Pastoral vom Gesetz der Gradualität gesprochen, um dem Wegcharakter des sittlichen Wachsens und Reifens Rechnung zu tragen. Es geht um das rechte Verhältnis zwischen allgemein gültigen objektiven Normen und persönlichen Gewissensentscheidungen. Normen stellen eine unverzichtbare und wichtige Orientierung für das Leben dar. Die ethische Reflexion soll motivieren, ihnen nach den persönlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten zu entsprechen. Es geht darum, sich jene Werte, die von Normen geschützt werden, in den Gewissenseinsichten anzueignen. Diese Werte dienen dann auch als Kriterien für die sittliche Beurteilung konkreter Handlungen. 

Durch die Sexualität im Mensch-Sein wachsen

Ein sexueller Akt erhält die sittliche Qualität auch von der Beziehung, in die er integriert ist. Das Maß der Liebe bestimmt die sittliche Qualität einer Beziehung mit. Liebe aber entfaltet sich in Werten wie Treue, Dauer, Achtung von Freiheit, Gleichheit und Selbstbestimmung, Abbau von Machtverhältnissen, Vermeidung von Verletzungen, Übernahme der Verantwortung füreinander sowie für die Folgen einer sexuellen Beziehung, besonders für ein Kind – gerade im Fall einer ungeplanten Schwangerschaft.
Für eine gelingende Sexualität gibt es keine fertigen Rezepte. Die Sexual- und Beziehungsethik will aber helfen, durch die Sexualität im Mensch-Sein zu wachsen.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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