Kirche und Sexualität | Teil 14
Kein Rückblick sondern ein Ausblick

Dennoch habe ich diese Herausforderung angenommen, weil ich überzeugt bin, dass wir als Kirche gerade in der heutigen Zeit angesichts der vielen Probleme – die nicht alle in dieser Serie angesprochen worden sind –, wie Missbrauch, sexuelle Gewalt, Frauenhandel, Zwangsprostitution, Pornographie in Medien und Internet etc., zum Thema Sexualität nicht schweigen dürfen, und dass die Sexualmoral der Kirche mehr zu sagen hat als das, worauf sie immer wieder verkürzt wird.

Jede Ethik zielt auf das Glücken des Lebens ab
Es war mein Anliegen, den Reichtum der Aussagen der Bibel, die lebendige Entwicklung und Tradition der Sexualmoral sowie die Inhalte und Intentionen der Lehre des Lehramtes der Kirche darzustellen. Die Sexualmoral der Kirche soll wieder mehr als Beitrag für das Glücken des Lebens wahrgenommen werden. Jede Ethik zielt auf das Glücken des Lebens ab. Dies gilt besonders für die theologische Ethik, die sich dem Wort Jesu verpflichtet weiß: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10). Der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn mahnte vor wenigen Wochen ein, dass die Kirche einen Wandel brauche von einer „Pflicht-Moral“ hin zu einer „Moral des Glücks“. Er plädierte für das altbewährte Prinzip der Gradualität, bei dem nicht Sünde und Verbot im Zentrum der Betrachtung stehen, sondern Ermutigung und Motivierung, den Geboten nach den je eigenen Fähigkeiten und sittlichen Einsichten mehr und mehr zu entsprechen und sich so zu entfalten, denn „der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat“ (Mk 2,27).
Aus vielen Gesprächen mit Fachkollegen, jungen ebenso wie älteren oder schon emeritierten, weiß ich, dass sie innerkirchlich einen sanktionsfreien und offenen Dialog sowie ein Nachdenken über neue Denkweisen und Begrifflichkeiten in der Sexual- und Beziehungsethik dringend für nötig halten. Dies vor allem auch, um im Gespräch mit den Menschen, die sich in diesem Bereich von der Kirche abgewandt haben, aber auch mit kirchentreuen und gläubigen Katholiken eine neue Basis zu finden und die Kluft zwischen der Lehre der Kirche und den Überzeugungen vieler Katholiken zu überbrücken.

Lehre weiterentwickeln
Der Grazer Moraltheologe Walter Schaupp fragt, ob hinter dieser Kluft nur ein einseitiger Werteverfall seitens der Gesellschaft in ihrem Umgang mit Sexualität liegt oder ob nicht auch die Lehre der Kirche weiterzuentwickeln sei, so wie sie schon in der Tradition eine lebendige Entwicklung, Vertiefung und Entfaltung erfahren hat. Heute sei es gerade die Gesellschaft, die Werte wie Gewaltfreiheit in der Sexualität, Achtung von Freiheit und Selbstbestimmung, Gleichheit der Geschlechter und Schutz der psychischen und physischen Integrität betone und einfordere.
Der italienische Moraltheologe Enrico Chiavacci sieht die Sexualmoral vor der Aufgabe, die Sexualität als Kraft der Liebe und Beziehung in die Persönlichkeit zu integrieren und zu einem reifen und verantwortungsvollen Umgang mit ihr zu befähigen. Dies sei umso wichtiger, weil dieser Bereich menschlichen Lebens zugleich so anfällig ist für Missbrauch, Machtausübung und Verletzungen.

Diskussionsprozess über Sexualmoral
In den Diskussionen über die Missbrauchsfälle in der Kirche wurde wiederholt angemerkt, dass diese auch eine Anfrage für die kirchliche Sexualmoral darstellen. Bei einem Bußgottesdienst im Wiener Stephansdom am Mittwoch der diesjährigen Karwoche sprach Kardinal Schönborn im Schuldbekenntnis unter anderem: „Wir bekennen, dass wir die Leiblichkeit nicht wertgeschätzt haben und an der Aufgabe, Sexualität gut zu leben, gescheitert sind. Einige von uns haben sexuelle Gewalt angewendet. … Wir sind bereit, unsere Verantwortung für Geschichte und Gegenwart anzunehmen, einzeln und gemeinsam; wir sind bereit, unsere Denk- und Handlungsmuster aus dem Geist Jesu zu erneuern und an der Heilung der Wunden mitzuwirken. Wir stellen uns als Kirche in das Gericht Christi.“

Sexualität, die Reife ermöglicht
Von einem indirekten Zusammenhang zwischen den Missbrauchsvorfällen und der kirchlichen Sexualmoral geht auch der Münsteraner Moraltheologe Antonio Autiero aus. Die traditionelle Sexualethik sehe die Sexualität ausschließlich als Handlung im klaren Kontext der Ehe mit dem klaren Ziel der Fortpflanzung. Diese herkömmliche Sicht habe die Dimension des Mensch-Werdens durch die Sexualität zu wenig ernst genommen. Das Wachsen und Reifwerden sei auf der Strecke geblieben. Viele Menschen seien dadurch unreif geblieben, ja es habe geradezu eine „Infantilisierung der Sexualität“ gegeben. Es bereite Sorge, dass wir noch keine Sexualität vermitteln können, die Reifung ermöglicht. Die Theologie müsse in diese Richtung weiterdenken.

Der Innsbrucker Diözesanbischof Manfred Scheuer sagte in einem Interview mit der „Tiroler Tageszeitung“ (23. März 2010), dass die Kirche über ihre Sexualmoral reden und sich fragen müsse, wie nahe sie an den Erfahrungen der Menschen ist oder nicht. Der Salzburger Erzbischof Alois Kothgasser plädiert deshalb schon seit Jahren dafür, in einen Diskussionsprozess über die Sexualmoral einzutreten.
Der Münchner Moraltheologe Konrad Hilpert, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der deutschen Moraltheologen, schreibt in einer Erklärung zu den Missbrauchsfällen in der Kirche: „Als Wissenschaftler sehen sich die Moraltheologen in der augenblicklichen Lage in einer besonderen Verpflichtung, die vielen ungelösten Fragen im Zusammenhang einer zukunftsfähigen Sexualethik in den kommenden Jahren entschlossen anzugehen. Sie erwarten von den zuständigen Bischöfen und allen Verantwortlichen, für eine Atmosphäre in der Kirche zu sorgen, in der diese Arbeit offen, angstfrei, wertschätzend und ermutigend möglich ist.“

 Kultur des Hörens
Das sind nur einige Stimmen von vielen Bischöfen und Theologen, die ein allgemeines Klima der Sorge um die Glaubwürdigkeit der kirchlichen Sexualmoral, die im Dienst des Menschen steht, zum Ausdruck bringen. Als Kirche bedürfen wir, so Walter Schaupp, einer „Kultur des Hörens“: Wir müssen auf die Menschen hören, ihre Erfahrungen und Gewissenseinsichten ernst nehmen und in die theologisch-ethische Reflexion einfließen lassen; wir müssen mehr hinhören auf das, was Frauen zu ihrem eigenen Erleben von Sexualität und Beziehung sagen, und bereit sein, eine vorwiegend männlich-zölibatär geprägte Sichtweise der Sexualität zu revidieren, auch im verbindlichen Hinhören auf die Ehepaare; wir müssen hinhören auf das, was die Wissenschaften und die Fachleute uns zu sagen haben, und schließlich darauf, was die Gesellschaft denkt. Dieser Realitätsbezug gehört mit zur nötigen Offenheit und Ernsthaftigkeit, um auf dem Weg zum christlichen und menschlichen Ideal einer gelingenden partnerschaftlichen Liebe die vorhandenen Probleme ohne Scheu und Angst anzugehen.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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