Erste Hilfe für die Seele | Teil 06
Ich habe mich so geschämt

Vertrocknet wie die Blumen ist die Freue aneinander.

Wir waren schon über zehn Jahre zusammen!“, sagt Judith, eine lebhafte, 35-jährige Frau. „Gleich im Studium hatten wir uns kennen gelernt! Ich dachte wirklich, ich hätte den ,Mann fürs Leben‘ gefunden! Das mag jetzt ein wenig naiv klingen“, gibt Judith zu, „wie bei Jungverliebten. Aber so meine ich das nicht. Ich bin eine eher nüchterne Frau. Wir wussten einfach, was wir aneinander haben und dass wir uns im Innersten verstehen.“

Judith arbeitete in einer Firma im Marketing. Und: „Als ich dann schwanger wurde, kauften wir gemeinsam eine Wohnung. Ich hab mich irgendwie am Ziel gefühlt!“, sagt Judith. „Nun hatte ich sogar einen kleinen Garten.“ Sie lächelt stolz: „Einen grünen Daumen habe ich immer schon gehabt!“

Herausforderung
„Herausfordernd“ sei die Beziehung immer wieder gewesen. Peter, ihr Partner, sei in einer schwierigen Familie aufgewachsen. „Er tut sich schwer, über seine Gefühle zu reden. Und wenn es ihm zu viel wird, dann büchst er aus und zieht durch die Lokale. Ich hab halt gedacht, es tut ihm gut, wenn er ein paar Freiheiten auslebt!“ Als das Kind kam, habe sie sich mehr auf das Zuhause konzentriert. 
Bald hätten sie noch ein zweites bekommen. „Ein Einzelkind, das ist doch immer ein wenig einsam“, sagt Judith. Das habe Peter nicht „gepackt“, dass jetzt „zwei Gschrappen“ da waren, die ständig Aufmerksamkeit wollten. Peter sei ja ein recht sensibler Mensch, aber er komme halt manchmal mit sich selber nicht klar. „Wenn er müde von der Arbeit heimkam, schmiss er sich am liebsten aufs Sofa – und ich stand mit den Kindern allein da. So kam es öfters zum Streit!“

Neuanfang
„Nach der Geburt des zweiten Kindes wollten wir nochmals durchstarten“, erzählt Judith. „So ganz richtig, mit standesamtlicher Hochzeit und allem, auch wegen den Kindern.“
Judith ist eine temperamentvolle Frau, die geradlinig ihre Ziele verfolgt. „Das ist unser Neuanfang, dachten wir. Ich glaub, er hat sich einfach nicht getraut zu sagen, was wirklich los ist.“
Vier Wochen nach der Hochzeit entdeckt Judith, dass Peter „eine andere“ hat. „So eine junge Praktikantin aus dem Büro“, sagt sie, und sie schluckt. Sie haben sich sogar in unserer Wohnung getroffen, während ich mit den Kindern bei der Oma war. Als sie Peter vor die Wahl stellte, sei er sofort ausgezogen. Er lasse sich doch seine Freundin nicht verbieten, habe er kopfschüttelnd protestiert.

Zerstörtes Leben
Nun haust Peter in einem „Loch“ am Stadtrand. „Er hat ja kein Geld mehr!“, erklärt Judith. Wegen „gewisser Unregelmäßigkeiten“ sei er in seinem Job gekündigt worden. Noch heute werde ihr schwindlig, wenn sie an die ersten Monate nach der Trennung denke. Der Schock über ihr „zerstörtes Leben“, wie sie sagt, habe tief gesessen: „Vielleicht war es gut, dass ich damals gar keine Zeit hatte, über mich und meine Gefühle nachzudenken!“, sagt Judith. Es sei ja alles zusammengebrochen um sie herum. Die Kinder – ein und drei Jahre – hätten ihr keine ruhige Minute gelassen, die Großeltern waren weit weg. Dazu kam schlagartig die finanzielle Not.
„Nur mit dem Karenzgeld hätte ich doch gar keine Möglichkeit gehabt, die Wohnung zu halten. Die hatten wir ja für uns vier gekauft!“ Die Tilgungsraten waren hoch. Und da Peter nun arbeitslos war, konnte sie nicht mehr mit viel Unterstützung rechnen. Der Besuch beim Sozialamt habe ihr damals weh getan, räumt sie ein. „Bei Ihnen lohnt sich eine Beihilfe doch gar nicht, die große Wohnung verlieren S’ eh über kurz oder lang!“, hätten ihr die Beamten gesagt. „Dabei war die Wohnung das Einzige, was mir geblieben war!“, sagt Judith. „Und der Garten, das war doch mein Paradies.“
Es sei oft ihr einziger Trost gewesen, wenn Fremde ihren Garten bewunderten. So sei sie immer wieder mit Leuten ins Gespräch gekommen. „Sonst kam ich damals ja kaum mehr raus: Kaum dass ich aufs Klo ging, schrie schon eines der Kinder nach mir!“

Die Kinder
Und dann sei noch der ganze „Krempel“ mit der Scheidung angestanden. „Von Pontius zu Pilatus bin ich gelatscht, die Kinder unterm Arm.“ Eines Abends habe dann Peter angerufen. Er wolle jetzt die Kinder holen. Er lasse sich die doch nicht wegnehmen! Da habe sie einen „vollen Schrecken“ bekommen, habe die Kinder gepackt und sei zu einer Freundin gezogen.

Normales Leben
„Zum Glück konnte ich dann an meinen alten Arbeitsplatz zurück!“ Es sei auch um ein wenig Struktur und Kontakte, „um ein normales Leben halt“, gegangen. Nun habe sie das Gefühl, dass ihr Leben allmählich wieder „in die Gänge“ komme. Für die Kinder habe sie eine tolle Leihoma gefunden, und jetzt gingen beide in die Kindergruppe.
Sie selbst kommt jetzt auch wieder unter Leute. Mit anderen Müttern trifft sie sich in einer Gruppe. „Anfangs hab ich mich so geschämt dafür. Ich bin doch nicht so blöd, dass mir so etwas passiert“, habe sie sich immer gedacht.
Dass sie nun auch tolle Frauen kennen gelernt hat, denen es ähnlich erging, habe ihr Mut gegeben. „Ich hab jetzt fast wieder ein eigenes Leben!“, sagt Judith.

Erste Hilfe: Telefonseelsorge, Tel. 142.
Lebensberatung der Diözese: Tel. (0 31 6) 80 41-447.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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