Mit Tieren leben | Teil 03
Getragen, bewegt und geerdet

Wenn Kinder erleben, dass sie ein Pferd selbstständig versorgen und führen können, dann stärkt das ihr Selbstvertrauen. Mit dem Pferd lernte Dennis Sicherheit gegenüber Tieren.
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Am Beginn der Reitstunde holt Dennis „sein“ Pferd aus dem Stall. „Maxi“ ist ihr Name, eigentlich ja „Maximiliane“. Dennis begrüßt sie, bürstet ihr weißes Fell, streichelt sie zwischendurch, kratzt ihre Hufe aus und sattelt sie. All das ist für den Elfjährigen Routine, immerhin kommt er schon seit fünf Jahren zum Reiten in die Propstei St. Gerold im Großen Walsertal in Vorarlberg.

Therapiepferde. Maxi gehört zum 13-köp-figen Trupp der Vierbeiner im Pferdestall der Propstei. Die Pferde sind nicht nur von ihrem Naturell und ihrer Größe her als Therapiepferde geeignet, sie sind auch speziell aus-gebildet. „Sie sind die eigentlichen Therapeuten“, weiß Eva Maria Türtscher zu erzählen. Die junge Frau ist nicht nur begeisterte Reiterin und Kindergartenpädagogin, sondern sie hat auch eine Ausbildung im heilpädagogischen Reiten absolviert. Dieses ist eines der Einsatzfelder für die Pferde – neben der klassischen Hippo-Therapie, die von Physiotherapeuten durchgeführt wird und speziell die körperliche Ebene betrifft.

Urvertrauen. Auf die Frage, warum Pferde für eine Therapie besonders geeignet sind, hat Eva Maria zahlreiche Antworten parat: „Pferde werten nicht“, ist die erste. „Sie nehmen die Menschen an, wie sie sind.“ Die Antwort überrascht. Beim Nachdenken darüber wird aber klar, dass darin die Grundvoraussetzung für jedes therapeutische Handeln liegt. Eva Maria listet weitere Gründe auf: „Pferde begeistern und faszinieren.“ So wird aus einer Therapiestunde ein Vergnügen – auch für therapiemüde Kinder. „Pferde sind Krafttiere, sie erden extrem.“ Denn beim Reiten wird ein Mensch sowohl aktiv als auch passiv bewegt. Das gleiche Getragen- und Bewegt-Sein hat jeder Mensch bereits mindestens einmal erlebt: im Mutterleib. So führt die Bewegung auf dem Pferd ins Urvertrauen. Für manche Erwachsene ist das eine so ungewohnte Erfahrung, dass sie kaum damit klarkommen. Wieviel davon während der Reitstunde auch reflektiert wird – das liegt bei den Klient/innen. Erwachsenen ist es oft ein Bedürfnis, die Erfahrungen auch zu versprachlichen. Kindern genügt häufig das bloße Erleben.

Klarheit. „Das Pferd ist ein Spiegel von uns“, erklärt Eva Maria. Denn als Herdentier ist es zum „Meister im Lesen der Körpersprache“ geworden. So liest es die Bewegung und Haltung eines Menschen, liest seine Entschlossenheit oder Unsicherheit, das Kraftvolle oder das Zögerliche – und reagiert darauf. Ein Pferd eine Runde zu führen erscheint für Außenstehende sehr leicht. Es braucht aber absolute Klarheit und Entschlossenheit dafür, sonst wird der Führende vom Pferd nicht als Leittier anerkannt.

Selbstwirksamkeit. Wenn Kinder erleben, dass sie ein Pferd selbstständig versorgen und führen können, dann stärkt das ihr Selbstvertrauen sehr. Diese Erfahrung hat auch die Mutter von Dennis gemacht: „Er hat eine große Sicherheit gegenüber dem Pferd bekommen, und diese hat sich auch auf andere Tiere übertragen, auf Hunde und Katzen zum Beispiel.“ Übertragen werden beim heilpädagogischen Reiten auch Präsenz, Kraft und Ruhe des Pferdes. „Dennis kommt beim Reiten einfach zur Ruhe, er findet sein inneres Gleichgewicht“, erzählt sie. Tatsächlich hat das Reiten erstaunliche Auswirkungen: motorische Fähigkeiten verbessern sich, die Konzentration wird gesteigert, ADHS-Kinder werden ruhig, und schüchterne Kinder fangen plötzlich an, lebhaft vor sich hinzuplappern.

Spaß. Dass das heilpädagogische Reiten Spaß macht, sieht man Dennis an. Am Rücken von Maxi macht er Klatschübungen, dann darf er das Tempo erhöhen, und schließlich singen er und Eva Maria die Lieder von Wickie, Heidi und Pippi Langstrumpf. Die Heilpädagogin versteht sich in ihrer Arbeit als eine Art Bindeglied zwischen Pferd und Klient/in. Ihre Aufgabe ist es, für einen guten Rahmen zu sorgen, in dem Klient/in und Pferd einander begegnen können. Das gelingt ihr auch.

Platz für alle. Der gute Rahmen ist auch durch die Örtlichkeit und deren „Geist“ gegeben. Es war das Anliegen von Pater Nathanael Wirth, dem früheren Propst, dass auch behinderte, kranke und sozial benachteiligte Mitmenschen einen Platz in St. Gerold finden. 1997 wurde die Reithalle eröffnet und mit einem Architekturpreis ausgezeichnet. Ein Freundeskreis ermöglicht es, dass das Reiten für alle leistbar ist. Und so ist ein Traum wahr geworden. Heute lassen sich unterschiedlichste Menschen von den Pferden tragen: Menschen mit Depressionen oder Essstörungen, Burnout-Patient/innen, Menschen mit körperlicher, emotionaler oder geistiger Beeinträchtigung oder Hausgäste, die immer schon einmal reiten wollten. Auf dem Rücken der gutmütigen Vierbeiner ist wirklich für alle Platz.

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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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