Begegnungen im 21. Jahrhundert | Teil 01
Fischermütze, Kopftuch, Benettonjeans und Krawatte

 

"So stelle ich mir meine Türkei vor“, sagt Selcuk Olcayto und blickt stolz den vielen jungen Menschen nach, die sich in der breiten Fußgängerzone tummeln. Zu dritt oder zu viert, meist eingehakt, marschieren diese Istanbuler Jugendlichen durch die Istiklal Caddesi. Kaum eine Frau trägt hier ein Kopftuch, die meisten plaudern entspannt. Manche von ihnen schleppen Plastiksäcke von Benetton und setzen sich dann ins Starbucks-Café. Hin und wieder fährt eine kleine Straßenbahn durch die Menschenmenge. Fast könnte man glauben, man flaniert durch Wien oder Berlin – wenn Istanbul nicht einige Straßen weiter ein völlig anderes Gesicht zeigen würde.

Denn die orientalische Millionen-Stadt birgt auch unzählige Straßen, auf denen spärlich bekleidete Kinder mit schmutzigen Bällen spielen. Die Zeit scheint dort stehen geblieben zu sein: Quer durch die Gassen flattert bunte Wäsche. Kaum ein Auto parkt hier, weil die schäbigen Wohnungen ohnehin zu viel Geld verschlingen. Nur selten schlendern Frauen im Freien. Und wenn, dann sind ihre Gesichter in lange, schwarze Tücher gehüllt.

„Diese Gegensätze erlebe ich täglich. Entweder wir überwinden sie, oder wir müssen damit leben“, erklärt der türkische Stadtführer Selcuk Olcayto. Wenn er vom Galater-Turm zur berühmten Blauen Moschee spaziert, dann begegnen ihm das 19. und 21. Jahrhundert auf nur einem Fleck: Täglich drängen sich Männer mit schmuddeligen Mützen auf der Galater-Brücke, um ihre langen Fischerangeln in den Bosporus zu werfen. Und neben ihnen eilen Manager in Marken-Anzügen, mit Krawatten und Aktentaschen vorbei. „Es ist gut, dass wir Schuluniformen haben. Somit werden die sichtbaren sozialen und religiösen Unterschiede zwischen den jungen Leuten in der Schule zumindest ein wenig kaschiert“, meint Selcuk und erklärt: „Das Leben in Istanbul ist hart.“ Jährlich kommen etwa 400.000 neue Zuwanderer aus Anatolien in die Mega-Großstadt. Zwischen 13 und 14 Millionen schätzt man deren Einwohnerzahl, aber keiner traut sich mit Gewissheit zu sagen, wie viele Menschen sich bereits zwischen Marmara-Meer und Schwarzem Meer angesiedelt haben.

Die wirtschaftliche Situation in der Türkei sei nicht rosig, sagt Selcuk. Nach wie vor lebt man in Großfamilien. Er selbst habe jährlich 10.000 Euro Schulgeld für seine beiden Kinder bezahlt. Und Benzin ist um ein Vielfaches teurer als in Österreich. Die Unzufriedenheit im Land wachse daher ständig, was radikalen Parteien und dem religiösen Fundamentalismus Nahrung gibt.

Auch wenn er die Verwestlichung der Türkei schätzt – sie habe auch vor dem Konsumismus nicht Halt gemacht, bedauert Selcuk: Verschuldungen und Zwangsversteigerungen nehmen in der Türkei jährlich zu. „Die Habgier ist eine geheime Zeitbombe, die in unserer türkischen Gesellschaft tickt“, meint Selcuk. Dennoch drückt der türkische Intellektuelle Gelassenheit aus: „Die orientalische Mentalität bringt Erleichterung. Wenn Gott es will, dann können wir das ertragen.“

 

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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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