Erste Hilfe für die Seele | Teil 04
Es hat so weh getan

 

1992 wurde Josef ein Melanom entfernt. Er ist in den nächsten sechs, sieben Jahren zur Kontrolle gegangen, dann hat er damit aufgehört, weil „eh nie was gewesen ist“, erzählt Elke (Name geändert). Die beiden waren mit anderen Sorgen beschäftigt. Ihr Sohn hatte ernste Probleme mit seinen Nieren. Inzwischen hat Elke eine von den ihren für ihn gespendet.
Im Nachhinein meint Elke, dass Josef seinen Tod angekündigt hat. Er hat im Sommer davor Sätze gesagt wie: „Das ist mein letztes Auto, das ich kaufe“, oder „Ich hab eh schon alles gemacht: ein Haus gebaut, Kinder gezeugt, einen Baum gepflanzt.“

Die Krankheit.
Er hat starke Schmerzen bekommen. Alle Muskeln und Knochen haben ihm weh getan. Im Krankenhaus wurde festgestellt, dass Josef einen Tumor an der Leber oder an der rechten Niere hatte. Die Biopsie ergab, dass der Krebs von der Haut gekommen ist. Eine Chemotherapie sollte gemacht werden. Dazu kam es nicht mehr.
Josef ist noch einmal nach Hause gekommen. Er hat Elke manches gezeigt, etwa wie Internet-Banking funktioniert.
Metastasen an der Wirbelsäule hätten in einer dafür spezialisierten Klinik entfernt werden sollen, doch die Blutwerte waren zu schlecht für eine Operation. Vier Wochen später ist Josef im Krankenhaus gestorben.

Abschied.
Elke erinnert sich, dass ihr Mann plötzlich nur noch mit Hilfe gehen konnte. Er hat Morphium gegen die Schmerzen bekommen. In der letzten Woche hat er seine Frau nicht mehr erkannt. Elke war jeden Tag bei ihm. „Josef hat nie über den Tod geredet“, sagt sie. „Mit mir nicht und auch nicht mit der Psychologin im Krankenhaus. Ich weiß nicht, ob er im Sommer so geredet hat, weil er schon solche Schmerzen gehabt hat, oder ob er das geahnt hat.“ Elke war dabei, als Josef gestorben ist, und sie ist froh darüber.

Wie ein Film.
„Mich hat es nachher voll, voll hingehaut“, sagt Elke. Beim Begräbnis hat sie sich gefühlt, als wäre sie Schauspielerin in einem schlechten Film. Die Ärzte haben ihr zwar gesagt, dass ihr Mann sterben wird, aber nicht, wann das sein würde. Zum „wahnsinnsschnellen Verlauf“ der Krankheit ihres Mannes sagte Elke zu einem Arzt auf der Palliativstation: „Er war schon immer für schnelle Entscheidungen.“ Ihre Schwester hat Elke in der Woche nach Josefs Tod betreut. Sie hat ihr bei den Begräbnis-Vorbereitungen geholfen. Elke war noch voller Hoffnung, als Josef ins Krankenhaus gekommen war. Die Erkenntnis, wie schwer krank er wirklich war, war ein Schock. Als sie nach seinem Tod das Krankenhaus verlassen hat, sind ihr die Menschen draußen vorgekommen, „als wären sie von einem anderen Stern“. Nach der Nierentransplantation ihres Sohnes hatte sie gehofft, dass das Leben für alle in der Familie besser wird.
Elke ist fast jeden Tag beim Grab. Für ihre Trauer hat sie sich Zeit genommen. Wenn die Kinder in der Arbeit oder Schule waren, hat sie eine Kerze angezündet, mit ihrem Mann geredet und Musik dazu gehört. Ein Foto von Josef war im Alltag oft ihr Begleiter. Ein Beispiel: Es hat schon sein können, dass sie in der linken Hand das Bild gehalten und mit der rechten geputzt hat.
Es waren viele Dinge zu erledigen für das Haus: Versicherungen umschreiben, Rechnungen sortieren… „Das ist aber auch gut“, sagt Elke, „weil man etwas zu tun hat.“
Sie hat begonnen, Tagebuch zu schreiben – am Anfang täglich, inzwischen hin und wieder. „Eigentlich sind es Briefe, die ich geschrieben hab“, erzählt sie. „Manchmal auch wütende Briefe. So nach einem halben Jahr ist das gekommen, dass ich wirklich Wut gehabt habe.“ Manchmal, wenn sie besonders an ihren Mann gedacht hat, hatte Elke das Gefühl, er würde sie umarmen. „Und einmal habe ich das Gefühl gehabt, er würde mir sagen, ich soll mein Leben gut leben, und wir kommen wieder zusammen.

Trauer und Alltag.

Ein Jahr danach hat Elke begonnen, eine Trauergruppe zu besuchen. „Es kann zwar nicht jeder reden wie in einer Einzelberatung, aber jeder merkt, wie es dem anderen geht“, erklärt Elke das Besondere in der Gruppe. Sie hat Kontakt zu anderen Witwen gesucht. Die Frauen gehen miteinander aus. „Ich hab mich nicht verriegelt, aber oft habe ich es in Gesellschaft nicht ausgehalten, weil mein Schmerz zu groß war“, sagt Elke. „Es hat so weh getan, als wäre jemand mit der Drahtbürste über mein Herz gefahren“, sagt sie. Manchmal hat sie gefühlt, wie die Wunden wieder aufreißen. „Jetzt sag ich, das ist verheilt, und mich plagen Narbenschmerzen.“ Vom Gefühl: „Ich kann das nicht begreifen“, bis zu: „Ich muss das halt akzeptieren, auch wenn ich es nicht begreifen kann“, war es für Elke „ein sehr weiter, schmerzvoller Weg“. Sie ist überzeugt davon, dass das jede/r auf seine Art bewältigen muss. „Niemand kann einem die Trauer abnehmen, und niemand kann einem den Partner zurückbringen.“ Ihr Mann ist jetzt ein wichtiger Bestandteil in ihrem Leben, aber „irgendwo schon sehr weit weg“.

Erste Hilfe: Telefonseelsorge, Tel. 142.
Lebensberatung der Diözese: Tel. (0 31 6) 80 41-447.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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