Erste Hilfe für die Seele | Teil 03
Ein Meer an Belastungen

Ich hatte selbst keine Ahnung, dass es diese Krankheit gibt“, erzählt Agnes. „Die Depression war das letzte Stadium. Mehr hat nicht mehr kommen können.“ Agnes konnte nur noch liegen, sie hatte Panikattacken, Durchfall, Krämpfe, Schweißausbrüche, Migräne, Zittern, das Gefühl, sie sei innerlich „absolut nicht mehr belastbar“, auch nicht für ein Gespräch. Bis dahin hat Agnes lang „herumgedoktert“. Erst durch eine Bekannte hat sie erfahren, dass es jemandem ähnlich geht und dass dieser Person der Nervenarzt helfen hat können.

Zu viel. 
Zuvor war Agnes für zwei Wochen im Ausland auf Urlaub. Ihr Durchfall ist deshalb auf eine Infektion zurückgeführt worden. Auch die Schilddrüse wurde untersucht. Im Urlaub wollte sie sich erholen: Gegen Schulschluss war sie als Sonderschul-Lehrerin „sowieso ausgelaugt“. Zusätzlich hat sie sich Sorgen um ihren krebskranken Vater gemacht. Nach dem Urlaub hat er sie nicht mehr erkannt – ein Schock für sie.

Zusammenbruch. 
Im neuen Schuljahr hat sie ein Kind in die Klasse bekommen, das ihre ganze Aufmerksamkeit gebraucht hat. Sie musste es zum Beispiel zum Klo tragen, während die übrigen Kinder allein in der Klasse waren, „und die haben das natürlich ausgenutzt“, wie Agnes schildert. Nach dem Besuch einer Ausstellung mit den Kindern ist sie in der Klasse ohnmächtig geworden. Sie wurde an den Schilddrüsen operiert, im Krankenhaus, in dem ihr Vater inzwischen gestorben war. Von der folgenden Kur wurde sie wegen ihrer Panikattacken heimgeschickt.
Ihr Vorgesetzter hat gemeint, sie müsse in Pension gehen, da war Agnes 28 Jahre alt. Der Amtsarzt hat sie für den Rest des Schuljahres krankgeschrieben.

Ihre Beziehung ist zerbrochen.
Durch den Tod des Vaters war die Familie kaum eine Stütze. „Das hat mir aber die Gedanken an Suizid genommen“, meint Agnes. Sie hat mit einer halben Lehrverpflichtung weitergearbeitet. In der Zeit ist ihre Schwester an Krebs erkrankt. Ihr Vorgesetzter wollte sie zwangspensionieren, schließlich ist Agnes freiwillig gegangen. „Das war einerseits gut, weil ich neun Jahre lang krank gearbeitet habe, andererseits habe ich mein Selbstwertgefühl verloren“, erinnert sie sich.

Genießen lernen. 
Nach dem Tod der Schwester, deren Haushalt Agnes in der Zeit der Krankheit geführt hatte, hat sie selbst entschieden, in eine Nervenklinik zu gehen. „Da bin ich medikamentös gut eingestellt worden“, erzählt sie. „Und ich habe gesehen, wie viele es trifft. Inzwischen ist die Gesellschaft mit der Krankheit viel besser umgegangen.“ „Kopflastige“ Therapien hat sie abgelehnt. „Es war so gut, die eigene Kreativität entdecken, das Genießen – alles was mir schon so fremd war.“ Agnes hat danach weiter eine Depressionsgruppe besucht. Das war nur mit der Unterstützung von Freunden möglich, denn sie ist selbst nicht mehr Auto gefahren. „Ich habe gespürt, wie gut die Gruppe tut. Niemand fragt, wer man ist.“ Agnes hat gemerkt, dass sie eine neue Aufgabe brauchte. Schon während sie ihrer kranken Schwester beigestanden ist, hat sie Unterstützung bei einer Lebensberaterin gefunden. Diese hat sie gefragt, was sie von einer Selbsthilfegruppe halten und ob sie diese mitbegleiten würde. Die Gruppe gibt es mitt-erweile seit zehn Jahren.

Einsicht.
Im Nachhinein weiß Agnes, was sie ins Burnout geführt hat: „Ich hab fast ausschließlich für meinen Beruf gelebt, und mit den Jahren bemerkt, dass das nicht belohnt wird.“ Die Kinder, mit denen sie ursprünglich gearbeitet hat, sind immer mehr in die Volksschule gekommen, mit den Kindern, die ihr geblieben sind, hat sie kaum Lernerfolge erzielen können. „Mit so minimalen Fortschritten habe ich keine Erfolgsgefühle haben können. Dafür war ich zu sehr Lehrerin und nicht Heilpädagogin“, meint sie.
Das Gefühl „Da stimmt etwas nicht“ hat sie gespürt, und sie hat sich auch eingestanden, dass sie diesen Zustand nicht bis zur Pension aushalten würde, aber „ich habe geglaubt, das gehört dazu!“ Sie hat sich gesagt: „Das habe ich gelernt. Ich kann nichts anderes.“ Sie war allein stehend und geplagt von Zukunfts-, Versagens- und Existenzängsten.
„Ich war leer“, sagt sie. „Man braucht Kraft und Energie, um da herauszukommen. So arg die Pension für mich war, es war der beste Schritt, weil ich den Kreis durchbrochen habe.“

Sich selbst erkennen. 
Sie meint, dass sie zu früh wieder gearbeitet hat. Ein paar Monate reichen nicht, ein Burnout zu heilen. „Und dann hat man ständig die Angst: Hoffentlich geht es mir dann wieder gut!“
Ganz gesund ist sie nie mehr geworden. „Ich habe mich zu viel geschädigt und wollte nicht merken, dass mir Grenzen gesetzt sind.“ Man müsse die Krankheit anerkennen, denn sobald man dagegen ankämpft, verbraucht man wieder Energie.
Man muss lernen, dass man seinen Wert nicht durch Leistung bekommt. „Dass ich sehr wohl nein sagen darf, und wer sich dann abwendet, ist nicht der richtige Freund für mich. Viele bekommen einen neuen Freundeskreis“, erzählt Agnes. „Weil man lernt, in sich hineinzuschauen. Dadurch erkennt man, wer man ist, und zieht andere Menschen an.“

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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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