Türkei: Begegnungen im 21. Jahrhundert | Teil 03
Die reichsten Bettler der Welt: Tanzende Derwische

 

Sie drehen sich um die eigene Achse. Und drehen und drehen und drehen sich. Bis sie in Trance geraten. Den rechten Arm zum Himmel geneigt, den linken zur Erde. Wie Nehmen und Geben. Den Kopf schief nach oben gewendet, mit konischen Mützen bedeckt. Drehend begegnen sie Allah. Drehend löst sich ihr Ich in Allah auf.

Mitten in Istanbul, in einer alten Wartehalle am Orient-Express-Bahnhof: Mit langsamen Schritten rotieren die sechs Anhänger des Mevlevi-Ordens durch den Raum, nicken sich gegenseitig zu. Irgendwann beschleunigen sie und wirbeln dann wie Kreisel um das Zent­rum des Raumes. Zuerst noch mit schwarzen Umhängen bekleidet. Später legen sie diese ab und zeigen ihre strahlend weißen Untergewänder mit den ausladenden Röcken. Hinter ihnen tönt Musik: Rohrflöten und schmerzvoller Gesang verströmen Traurigkeit. Manchmal ebbt die Musik ab, die Tanzenden kommen zur Ruhe. Manchmal wird sie intensiv, und ihre Monotonie bohrt sich tief hinein. Und das rote Licht symbolisiert das, was beim Wirbeltanzen passiert: die Vereinigung und Offenbarung Gottes.

Nach Mevlana, dem aus Afghanistan stammenden Ordensgründer aus dem 13. Jahrhundert, ist der Tanz „eine Vereinigung mit der göttlichen Liebe und eine Umarmung des göttlichen Geheimnisses“. Seinen Anhängern, den „Derwischen“ (persisch: Bettler), predigte er zugleich auch Aufgeschlossenheit für andere Gottesbegegnungen. Andersgläubige könnten Gott ebenso nahe kommen, war er überzeugt: „In dieser Welt gibt es versteckte Leitern, die Schritt für Schritt in den Himmel führen. Jede Gruppe hat eine andere Leiter. Jedes Vorgehen führt zu einem ihm eigenen Himmel.“ In seinem gigantischen Opus (30.000 Verse Lyrik und ein Hauptwerk aus 26.000 Versen) preist der muslimische Mystiker die Liebe, schreibt darin von uralten Traditionen, persönlichen Erfahrungen und religiöser Toleranz – eine Brücke zwischen Orient und Okzident, die weit verbreiteten Bildern über den Islam widerspricht.

Obwohl der Ritus des Mevlevi-Ordens seit 2005 auf der UNESCO-Liste der „Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit“ steht, ist dieser mystische Tanz im Westen kaum bekannt. Fast alle berühmten Dichter und Komponisten der Türkei waren Anhänger dieses Ordens, der sich im gesamten Osmanischen Reich verbreitete. Durch ihre Moral, Liebe und Heiterkeit entpuppten sich die Derwische schon bald als spirituelle Kraft des Osmanischen Reiches. Aber sie spielten auch eine machtvolle Rolle: Der Leiter des Ordens durfte den neuen Sultan stets mit dem Schwert umgürten. Wegen des Hanges zu politischen Einmischungen ließ Kemal Atatürk den Orden 1925 in der ganzen Türkei verbieten.

Wer heute dieses Land bereist, lernt die mitunter „tot geglaubten“ tanzenden Bettler als Touristen-Attraktion kennen: Denn ihren Ritus dürfen die türkischen Derwische mitt-lerweile wieder vollziehen – allerdings nicht im Ordenshaus, sondern in Veranstaltungshallen.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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