Mit Tieren leben | Teil 02
Die Gelse ist kein Schmusekater

Plagegeister oder nützliche Tiere? Menschen mögen Gelsen nicht. Sie stechen, danach juckt es. Fledermäuse dagegen haben Gelsen zum Fressen gern.
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  • Plagegeister oder nützliche Tiere? Menschen mögen Gelsen nicht. Sie stechen, danach juckt es. Fledermäuse dagegen haben Gelsen zum Fressen gern.
  • Foto: Waldhäusl, Amschl
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Die Gelse zählt wohl zu den meistgejagten Tieren. Kaum surrt es, irrt man durch das Zimmer. Manchmal mit einem Geschirrtuch in der Hand, oft reicht die bloße Hand. Der Mensch mag Hunde, Katzen und Häschen. Gelsen und andere Plagegeister mag er nicht. Selten würde jemand auf die Idee kommen, einen Hund mit der bloßen Hand zu erschlagen. Bei der Gelse macht man kurzen Prozess.

Weibliche Gelsen brauchen Blut zur Fortpflanzung. Das Surren der Gelse raubt einem den Schlaf und verdirbt das gemütliche Beisammensitzen bei Kerzenlicht im Garten. Die Gelse aber braucht Blut. Und genau dieser Wunsch bringt das Blut des Menschen gehörig in Wallung. Dabei ist das Verlangen der Gelse ein allzu natürliches. Die weiblichen Gelsen müssen stechen, weil sie Blut benötigen, damit Gelseneier entstehen können. Männliche Gelsen stechen nicht. Ihnen reicht ein Schluck Fruchtnektar oder ein Happen Pollen.

Dass dem Menschen die Fortpflanzung der Gelsen nicht gerade am Herzen liegt, ist naheliegend. Aus jedem Ei entsteht eine neue Gelse. Etwa eine Woche dauert es manchmal nur, bis aus einem Ei eine Gelse wird. Ein Weibchen kann während eines Sommers zig Eier legen, aus denen Mücken schlüpfen, die dann wieder Eier legen und so weiter. Irgendwann berichtet dann der Boulevard von Gelseninvasionen. Oder von Killergelsen und Ausnahmezuständen. Manche Gelsenexperten sagen neuerdings eine zweifache, fünffache, zehnfache oder gar hundertfache Steigerung der Population voraus. Das hängt meistens davon ab, ob gerade irgendwo ein Hochwasser oder ein Regenüberschuss „stattfindet“. Gelsen benötigen nämlich Wasser, wo sie ihre Eier legen können. Das heißt: je mehr Regen, desto mehr Gelsen.

Kein Bier, kein Schweiß, kein Blumenmuster. Will man nicht gestochen werden, gilt es eine Regel zu befolgen: die Nähe von schwangeren, Bier trinkenden und schwitzenden Frauen suchen. Trägt die Dame dazu eine Bluse mit Blumenmuster, ist die Wahrscheinlichkeit perfekt, als Sitznachbar nicht gestochen zu werden. Denn Gelsen finden Kohlendioxid anziehend, das der Mensch bei der Aus- atmung an die Luft abgibt. Für schwangere Frauen ist das ein Nachteil. Sie atmen in der Regel mehr Kohlendioxid aus als andere Menschen.

Auch Biertrinker stechen sie gerne, weil der Alkohol die Duftzusammensetzung der Haut verändert, munkeln Experten. Und sie mögen schwitzende Menschen, weil ihnen das Gemisch aus Milch-, Fettsäuren und Ammoniak Gusto auf mehr macht.

Gerne gestochen werden die Darsteller der Passions- oder Opernspiele im Steinbruch von St. Margarethen. „Besonders bei den Abendvorstellungen war das so“, erzählt Hubert Händler, der Jesusdarsteller. Bevor er ans Kreuz gebunden wird, bekommt er deshalb eine Dosis Gelsenspray, die normalerweise für eine ganze Dschungeltour ausreichen würde. Seitdem mögen ihn Gelsen weniger.

Nahrungskette. Schaut man sich in Supermärkten um, nehmen Gelsensprays zu. Auch die großangelegte und geplante Vernichtung der Gelseneier hat bereits Tradition. Von chemischen Angriffen bis zu biologisch weniger bedenklichen Vernichtungsaktionen ist die Palette breit. Über Hochwassergebiete lässt man sogar Hubschrauber kreisen, die große Wasserstellen mit Bti-Granulat eindecken. Damit werden Gelsenlarven zerstört und die Gelseninvasion eingedämmt. Das wiederum sehen Umweltschützer weniger gerne. „Gelsen machen in manchen Regionen einen wichtigen Teil der Gesamtnahrungsmasse für Fledermäuse oder Schwalben aus“, erklärt die Fledermausexpertin Friederike Spitzenberger. „Die Mittel, die man gegen die Gelsenplage einsetzt, wirken ja nicht spezifisch, sondern auch auf verwandte Insekten schädlich. Dadurch ist der Verlust an Nahrung noch größer. Das führt in manchen Gegenden zum Verschwinden spezialisierter Arten.“ So konnte sie selbst beispielsweise das Verschwinden der Breitflügelfledermaus in solchen Gebieten beobachten. Die Fledermäuse ziehen weiter, ihre Jungen verhungern. Friederike Spitzenberger selbst beobachtet sich zwar auch beim Schimpfen und Herumwacheln, wenn Gelsen ihr Blut saugen möchten. Trotzdem ist sie „dezidiert gegen Gelsenvernichtungsaktionen“.

Schließlich kann man sich ja auch ohne Chemie schützen: Kein Bier trinken, wenig schwitzen, selten ausatmen und kein Blumenmuster tragen.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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