Türkei: Begegnungen im 21. Jahrhundert | Teil 06
Der Terror richtete sich nicht nur gegen Juden

 

 

 

Eine Synagoge darf nicht nur ein Platz für Beter sein, sondern muss auch ein Platz sein, wo die Reichen und Armen, die Alten und Jungen, die Gebildeten und Arbeiter zusammenkommen, um ihre Freuden und Sorgen als Brüder gemeinsam zu teilen“, sagte Rabbi Saban, als er 1951 die Neve Shalom Synagoge nahe des Galataturms in Istanbul eröffnete. Dass man dasselbe Gebäude 52 Jahre später erneut wieder aufbauen müsste, daran hat damals wohl keiner geglaubt.

2003 passierte es dann: Eine Bombe explodierte draußen in der engen Gasse vor der Synagoge. Im Gebäude drinnen feierten zur selben Zeit 500 Leute ein Geburtstagsfest. Am Abend dieses Shabbat zählte man 23 Tote und gedenkt ihrer noch heute auf Marmorplatten beim Eingang zum Gotteshaus. „Der Terror richtete sich nicht nur gegen Juden“, sagen Experten heute, „sondern auch gegen die kosmopolitische Weltstadt Istanbul, die mit ihrer zunehmenden Vielfalt und Weltoffenheit keinen Platz im Weltbild mancher islamistischer Fanatiker hat.“

Politische Beobachter bestätigen, dass sich antisemitische Tiraden gegen Juden in Istanbul insgesamt verringern und heute kaum mehr offen ausgesprochen werden. Fragt man die beiden jüdischen Türken, die uns durch die Neve Shalom Synagoge führen, dann betonen auch sie Gelassenheit: „Wir leben in Istanbul nicht mit Angst.“ Und sie erläutern uns staunenden Österreichern, dass man beim Befestigen der gelben Plastikhelme unter jedem Sessel in der Synagoge nicht an Terroranschläge gedacht habe. In Istanbul müsse man stets vor Erdbeben gewappnet sein, lautet ihre Erklärung. Die aufwändigen Kontrollen beim Betreten der Synagoge deuten aber zumindest auf ein mulmiges Gefühl hin, ein Anschlag könnte sich doch irgendwann wiederholen. Wer die engen verwinkelten Straßen von Galata kennt, weiß, dass nicht nur die Neve Shalom Synagoge, sondern auch die anderen dort liegenden jüdischen Bethäuser letztlich nicht ausreichend vor Selbstmord-attentaten geschützt werden können, ohne ganze Straßenzüge zu sperren. Draußen in der Büyük-Hendek-Caddesi-Straße stehen die Gebäude neben der Synagoge nach der Bombenexplosion immer noch leer. Die Besitzer finden keine neuen Mieter – was für Istanbul, eine Stadt mit chronischer Wohnungsnot, ziemlich ungewöhnlich ist.

Die jüdischen Gemeinden in der Türkei zählen heute nur noch 30.000 Mitglieder. Davon leben allein in Istanbul 22.000. Ihre Geschichte reicht bis in die Antike zurück. Die jüdischen Gemeinden des Osmanischen Reiches erlebten vor allem nach 1492, der großen Vertreibung der jüdischen Bevölkerung auf der iberischen Halbinsel, ihren bedeutendsten Zustrom. Heute plädieren 75 Prozent der türkischen Juden für den Beitritt ihres Landes zur Europäischen Union – vor allem wegen der Minderheitenrechte, die man sich dadurch erwartet.

„Aber jeder Tag zeigt, dass wir Juden und Muslime in Istanbul zusammen leben können“, betonen die beiden sephardischen Türken, als sie uns ihre Synagoge zeigen.

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SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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