Expedition Fastenzeit | Teil 05
Der Berg gibt uns Leben

Frau Bachler, Ihr Bauernhof liegt ganz am Ende der steirischen Krakau, einem wunderschönen Hochtal hinter Murau in Richtung Salzburg. Wie hoch sind wir hier?
Maria Bachler: Unser Hof liegt auf 1450 Metern, die Kirche von Krakaudorf auf 1320 Metern.

Man könnte sagen, Sie leben vom Berg. Wie schaut Ihre Landwirtschaft aus? Kann man die überhaupt noch im Vollerwerb führen?
Wir haben ungefähr 60 Stück Vieh. Hauptsächlich Milchkühe, aber auch Ochsen, die zwei Sommer auf die Alm kommen. Mit Pachtflächen und Almen sind es ungefähr 70 Hektar Grund. Dazu vier Doppelzimmer, die vor allem im Sommer vermietet sind.

Die Situation ist für Bergbauern momentan nicht gerade rosig?
Es wird sicher immer schwieriger, hier von einer Landwirtschaft zu leben, aber als mein Mann 2003 gestorben ist, wollte Christian die Wirtschaft übernehmen, weil er immer schon ein Gespür für die Landwirtschaft g’habt hat. Für ihn kam nur Vollerwerb in Frage. Wir haben in den letzten fünf Jahren sehr viele Veränderungen vornehmen müssen. Bis 2013 gibt es jetzt eine Übergangsphase, damit wir dann alle Anforderungen erfüllen können.

Die Landwirtschaft hier heroben ist beschwerlich.
Die körperlich harte Arbeit am Berg war für Generationen vor mir noch viel schwerer. Aber die Nachfrage war da, und es wurde mehr produziert. Es muss zwar immer noch viel händisch gemacht werden, aber darin liegt nicht das wirkliche Problem. Vor dem EU-Beitritt lag der Milchpreis bei sechs bis acht Schilling für den Liter Milch. Der Tiefststand war 2009 23 Cent, also ungefähr halb so viel. Jetzt beginnt er langsam wieder zu steigen. Der Preisverfall ist aber enorm.

Könnten Sie sich vorstellen wegzugehen, weil die Wirtschaft zu wenig abwirft?
Ich stamme selbst von einem Bergbauernhof und kann mir mein Leben nicht anders vorstellen. Man ist mit dem Berg verwurzelt, weil man immer kämpfen muss um die Heimat. Das ist auch eine Folge der wirtschaftlichen Situation. Man möchte sichern, was die Vorfahren erarbeitet haben. Ich habe mich auch dadurch verändert, weil ich einen Menschen so früh habe loslassen müssen. Wir alle zusammen würden die Berge immer vermissen.

Am Berg zu leben ist etwas anderes, als einmal eine Bergtour zu machen. Dieses einschichtige Leben muss man aushalten. Fühlen Sie sich nicht gar zu einsam hier?
Mit 55 ist einem das gar nicht mehr so bewusst. Man braucht vielleicht auch nicht mehr so viel Unterhaltung, denn es kommen bei uns mit den Fremdenzimmern ja immer Leute ins Haus. Auch das Telefon macht mein Leben anders als früher. Mit meinen Gästen habe ich viel Meinungsaustausch.

Im Fernsehen sehen Sie eine Welt, die ganz anders ist als Ihre. Mit wenig zufrieden zu sein, wie geht das? Von so wenig leben zu können, wie lernt man das?
Von mehr zu weniger zu kommen ist schwerer als umgekehrt. Man hat nie zurückschrauben müssen. Deshalb war es für mich vielleicht gar nicht so schwer. Ich bin es immer schon so gewohnt, und irgendwann weiß man dann auch, dass man nicht tauschen würde

Nach dem Tod Ihres Mannes haben Sie viele Jahre Ihren Schwiegervater gepflegt. Fängt man nicht an Gott zu zweifeln an, wenn so viele Schicksalsschläge kommen?
Ich verstehe mich als Christin und nehme jeden Tag als Geschenk an, aber wo der Herrgott bleibt, auf diese Frage bekommt man manchmal keine Antwort. Man dreht sie hin und her. Das alles hat einen Sinn, den man vielleicht erst nach Jahren begreift, und für gewisse Lebenssituationen findet man auch vielleicht überhaupt keine Antwort.

Was könnten Sie in der Stadt nicht aushalten?
Der viele Lärm und das Hektische, das die Leute ausstrahlen, wäre für mich zuviel.

Sie haben in den vergangenen Jahren sehr viel durchmachen müssen. Die Natur kann sehr grausam sein.
Ja, 2005 ist etwas bei uns Ungewöhnliches passiert: ein Hochwasser. Ein kleines Gebirgsbacherl ist zum reißenden Fluß geworden. Vergangenes Jahr kam ein Hagelunwetter, wo es eine halbe Stunde lang nur gehagelt hat. Kurz danach hat man über dem Preber wieder den blauen Himmel sehen können. Bei solchen Ereignissen beginnt man schon an der Gerechtigkeit Gottes zu zweifeln, und das Gottvertrauen schwindet. Aber trotzdem hat man Kräfte, die man nicht erklären kann. Wenn man sieht, dass es so vielen anderen gleich geht, teilt man das Leid mit den Betroffenen

Wünschen Sie sich kein leichteres Leben?
Nein, Gesundheit ist der größte Schatz. Ich wünsche mir, dass wir die Zuversicht nie verlieren, um alles zu ertragen, was auf uns zukommt.

Was ist der Zukunftsblick für den höchstgelegenen Bergbauernhof der Steiermark?
Wir glauben daran. Wenn im Grünland ein Umstieg auf andere Varianten wie Schweinezucht oder Feldfrüchte erfolgt ist, kann im Bergland wieder die Milchwirtschaft bezahlt werden, und der Milchpreis wird steigen.

Interview: Gisela Remler

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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